Zeitung Heute : 1974

WM in DEUTSCHLAND Endspiel Deutschland – Niederlande 2 : 1

Der österreichische Schiedsrichter Erich Linemayr, im bürgerlichen

Beruf Malermeister, wurde aufgrund seines scharfen Pfiffs „Elfermayr“

genannt. Nach 1974 hieß er auch „Watermayr“, wegen des Spiels

zwischen Polen und Deutschland, das als größte Wasserschlacht aller Zeiten in die WM-Geschichte

einging.

Linemayr pfiff das entscheidende Spiel der zweiten Finalrunde mit

einer halben Stunde Verspätung an. Sein Assistent warnte ihn, beim

Hinauslaufen zum Anstoßpunkt nur ja nicht den Ball auf den Boden

fallen zu lassen – zu groß sei die

Gefahr, dass der Ball nicht zurückspringe, sondern einfach auf dem durchtränkten Boden liegen bleibe.

„Watermayr“ brachte das Spiel

souverän über die Runden, „Elfermayr“ pfiff einen Elfmeter, den Uli Hoeneß verschoss. Deutschland

gewann dennoch, mit viel Glück, wie selbst Paul Breitner eingestand, gegen eine polnische Mannschaft, die „eigentlich den viel besseren Fußball spielte als wir“.

Die polnischen Angriffsbemühungen blieben meist in den Wasserpfützen vor dem deutschen Tor hängen.

Nach dem Seitenwechsel, in der

zweiten Halbzeit, wurden die Pfützen kleiner, die Behinderung fiel

weniger gravierend aus.

Der Ball blieb 90 Minuten lang

erstaunlich gut in Form. Natürlich war er recht glitschig und nahm im Verlauf des Spiels immer mehr

Wasser auf. Doch Uli Hoeneß versuchte erst gar nicht, seinen Fehlschuss mit der Schwere des Balls

zu entschuldigen. Der deutsche

Stürmer sollte auch bei besseren

Bedingungen noch einmal einen Elfmeter verschießen – bei der EM 1976. Linemayr nahm den Ball, der hier abgebildet ist, nach dem Abpfiff mit nach Hause. Als Andenken.

Bei Schiedsrichtern war das bis

Anfang der 70er Jahre nicht die

Regel, aber durchaus gängige Praxis. Niemand kümmerte sich darum,

niemand ahnte, dass man offizielle Spielbälle einmal für viel Geld

versteigern würde. Linemayr und seine Kollegen retteten einige Bälle vor dem Vergessen. Der Endspielball von 1974 blieb bislang allerdings

verschollen.

Bei Familie Linemayr in Linz liegen noch 20 weitere Bälle, die meisten auf der Schrankwand im Wohnzimmer, stets aufgepumpt. Darunter auch ein orangefarbenes Modell Apollo Durlast, ein Ersatzball für die Partie Deutschland gegen Polen, der nie zum Einsatz kam.

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