• 1998 wagte sich die Weinhandlung Vineyard ins Netz und erwartet für die Zukunft eine Umsatzsteigerung von 15 Prozent

Zeitung Heute : 1998 wagte sich die Weinhandlung Vineyard ins Netz und erwartet für die Zukunft eine Umsatzsteigerung von 15 Prozent

Corinna Visser

Einkaufen im Internet ist bequem, hat aber einen großen Nachteil: Man kann die Ware nicht anfassen, nicht riechen und nicht ausprobieren. Trotzdem wagte die Berliner Vineyard Weinhandel GmbH im Juli 1998 mit ihrem "sinnlichen" Weinangebot den Schritt ins "unsinnliche" Internet. "Zum Ausgleich versuchen wir, unsere Produktbeschreibungen so poetisch wie möglich zu formulieren", sagt einer der beiden Geschäftsführer, Volker Elstner.

Elstner und seine Mitarbeiter surften damals schon privat im Netz und stellten fest, dass das Weinangebot dort noch sehr gering war. Sie sahen ihre Chance: "Unsere Klientel ist jung, modern und verdient gut - das sind genau die Leute, die wir mit einem Auftritt im Internet erreichen können", sagt Elstner. Und die erreicht Vineyard jetzt - ohne teure Werbekampagnen - auch dort, wo die 1988 gegründete Berliner Firma keine Läden hat.

Als das Unternehmen ins Internet-Geschäft einstieg, sei man sich allerdings nicht bewusst gewesen, dass es nicht reicht, einfach nur im Netz präsent zu sein. "Es hat eine Weile gedauert bis wir gemerkt haben, dass wir laufend etwas tun müssen, damit es auch etwas bringt", gibt Elstner heute zu. "Wir haben in der Firma eine Stelle geschaffen, damit sich jemand um unseren Web-Auftritt kümmert." Heute pflegt Anita Najda die Internet-Seiten von Vineyard. Sie kann diese Arbeit sogar von zu Hause aus erledigen. Sie hat nur ein paar Stunden gebraucht, um das zu lernen. Das war eine der Anforderungen, die Vineyard an die Internet-Firma stellte, die die Seiten gestaltete und den Web-Shop einrichtete: "Jeder Mitarbeiter sollte innerhalb kürzester Zeit in der Lage sein, die Seiten zu bearbeiten," sagt Geschäftsführer Elstner.

"An der kontinuierlichen Pflege der WebSeiten hapert es bei den meisten Neueinsteigern", sagt Geschäftsführer Markus Stukenborg. "Es ödet die Surfer an, wenn sich auf einer Web-Seite 14 Tage lang nichts tut." Zudem sei die Pflege des Weinkatalogs und dessen ständige Aktualisierung sehr wichtig für das Unternehmen. "Mein Traum ist es, irgendwann gar keine Weinlisten mehr drucken zu müssen", sagt Stukenborg. Bei den Kunden, die das Internet nutzen stellt sich Vineyard auf das neue Medium ein: Wer eine E-Mail schreibt, bekommt keine "normale" Post mehr.

Das neue Medium Internet hat auch die geschäftliche Kommunikation mit den Lieferanten von Vineyard vereinfacht. Der Kontakt mit Produzenten in Kalifornien oder Australien läuft jetzt über E-Mail. Es werden keine Bestellungen mehr hin und her gefaxt. Dabei geht es nicht nur um die schnelle und kostengünstige Kommunikation, es geht auch um das Image: "Unsere Internet-Seite ist das Schaufenster, die Visitenkarte unserer Firma", sagt Elstner. Er betrachtet den Auftritt im weltweiten Datennetz nicht als engen Kasten, sondern als einen offenen Prozess. So verweisen zum Beispiel die Weinproduzenten auf die Web-Seite von Vineyard. Andererseits findet man auf der Homepage von Vineyard Verbindungen zu Restaurants, die von Vineyard vertriebene Weine ausschenken. "Das wahre Geheimnis des Internets liegt in der Vernetzung."

Vier Millionen Mark will Vineyard 1999 mit seinen 17 Mitarbeitern in den zwei Geschäften in Berlin, in den Filialen in Dresden, Hamburg und Frankfurt am Main umsetzen. Nur vier Prozent des Umsatzes macht die Firma über das Internet. Allerdings sind 70 Prozent der Kunden, die über " www.vineyard.de " einkaufen, Neukunden. Das Internet ist für Vineyard ein zusätzliches Geschäft. Und der Anteil am Gesamtumsatz soll in den nächsten zwei Jahren auf 15 Prozent steigen.

Profitabel sei das Internet-Geschäft schon heute, sagt Elstner. "Wir profitieren davon, dass wir nur geringe Anschubkosten hatten." Vineyard fand 1998 junge Existenzgründer, die ein "unwiderstehliches" Angebot machten. "Es entstehen so viele neue Internet-Firmen, man muss nicht zu einer Firma gehen, die groß und üppig ist." Die laufenden technischen Betriebskosten schätzen die beiden Geschäftsführer auf rund 250 Mark im Monat. Schlechte Erfahrungen machten die Berliner allerdings zu Anfang mit der Zahlungsmoral ihrer Kunden. Daher wird heute ausschließlich per Nachnahme geliefert. "Mit Bezahlung per Kreditkarte haben wir gar nicht erst angefangen. Davon halten die Deutschen nichts", sagt Elstner. Aber sobald es ein funktionierendes elektronisches Zahlungssystem im Netz gibt, will Vineyard auf Cyber-Cash umstellen.

Zurzeit kommen die meisten Order über das Internet noch aus Deutschland. Doch das werde sich alles ändern, wenn der Euro kommt. "Dann sind auch kleinere Unternehmen gezwungen, europäischen Maßstäben standhalten zu können", sagt Elstner. Natürlich ist er überzeugt, dass seine Firma darauf gut vorbereitet ist.

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