Zeitung Heute : "1t +terten sich die s@ze auf wie geile tauben"

Constanze Suhr

Kurznachrichten per Handy senden ist bereits zum Volkssport geworden. In Deutschland hat sich die Anzahl der ausgetauschten 160-Zeichen-Texte von 1998 bis 2001 auf über eine Milliarde monatlich mehr als verachtfacht. Höflichkeit oder elegante Formulierungen sind in diesem Medium nicht gefragt. Es müssen möglichst viele Informationen in eine begrenzt zur Verfügung stehende Anzahl von Zeichen gequetscht werden. Trotzdem dient der Short Message Service nicht nur für alltägliche Kurznachrichten, für die ein Telefongespräch nicht lohnt. Erwird auch für Liebesbotschaften genutzt, fürs Versenden von Gottes Wort an kirchenmüde Jugendliche und neuerdings auch für Literatur.

Der Uzzi-Verlag hatte die Idee, dieser "Kultur der Kurznachricht" mit einem Literaturwettbewerb Rechnung zu tragen. 8 215 Einsendungen bewarben sich in den Kategorien "Literatur", "Liebe" und "Spass" (Das irrtümlich eingesetzte doppelte S wurde später absichtlich übernommen). Im Oktober sind im Uzzi-Verlag drei Bücher mit den besten Beiträgen erschienen. Die meisten Einsender orientierten sich an altbekannten Disziplinen: Haikus, Limericks oder romantische Seufzerei in Kurzversion. Erstaunlich wenig Texte beschäftigen sich mit der neuen Schriftlichkeit des Mediums selbst, wie zum Beispiel die Zeile: "1t +terten sich die s@ze auf wie geile tauben". Der erste Preis in der Kategorie "Literatur" ging an einen Beitrag, der in 160 Zeichen eine Geschichte erzählt, die in ihrer Verknappung zum kalten, nüchternen Medium der Kurznachricht passt: "Ich traf ihn in einer Bar. Er sei Geschäftsmann. Wie mein Vater. Ich ging mit auf sein Zimmer. Er fickte mich. Wie mein Vater. Aber für 100 DM. Ein Fortschritt."

Viele der Wettbewerbsbeiträge erinnerten an Graffitis der 70er Jahre, schreibt einer der drei Juroren, Raymond Wiseman. Die Texte seien Bestandsaufnahmen, Schnappschüsse einer Kommunikationssituation, aber nicht an viele adressiert, sondern an Einzelne. Jury-Mitglied Peter Lau vermisste neue Inhalte, dem neuen Medium entsprechend. Doch um was es sich da genau handeln könnte, wusste er auch nicht so recht zu sagen. Vielleicht bringt der zweite Wettbewerb im nächsten Jahr neue Erkenntnisse. Vielleicht hilft beim Gedichte-Eintippen auch die menschliche Anatomie ein bisschen weiter. Menschen unter 25 Jahren sind mit ihren Daumen nämlich besonders geschickt. Forscher der britischen Warwick-Universität haben herausgefunden, dass die Benutzung von Handys bei ihnen zu verbesserter Fingerfertigkeit führt.

Die Wissenschaftler hatten in Städten wie London, Tokio und Chicago zahlreiche Untersuchungen durchgeführt und kamen zu dem Ergebnis, dass ein flinker Daumen für Mobiltelefonierer eine unverzichtbare Eingabehilfe ist. Zwar gebe es auch andere Möglichkeiten, ein Handy zu bedienen, dennoch habe sich der Daumen vor allem bei jungen Menschen zum wichtigsten und somit auch zum agilsten Finger entwickelt. Gute Voraussetzungen, um es mit der SMS-Poesie genauso weit zu bringen wie Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe.

Eines ist gewiss: Das Medium SMS bleibt bei allem Spaß und Nutzen für die meisten bisher lediglich ein Vehikel, charakteristisch für unsere kurzlebige, coole Zeit - und gerne auch von der Wirtschaft unterstützt. So sieht es nicht nur Ingo Rütten: "Während ich hier in der U-Bahn sitze denke ich an Dich, verzehre mich nach Dir und stelle mir vor w********THIS MESSAGE WAS PROUDLY PRESENTED BY DOT.COM********" (Kategorie "Liebe", Platz 26).

Die Gewinner des SMS-Literaturwttbewerbs

Kategorie "Liebe"

1. Platz

Ungesagt

Du gehst mir
aus dem Weg
nicht
aus den Gedanken

57 Zeichen, Bruno Bings, Aachen

2. Platz

Zum ersten Mal allein
mit einer nackten Frau.
Hautnah. Das Geschlecht
entspricht nicht meiner
Erwartung. Unübersichtliche
Hautfalten unter schütterem
Schamhaar.

160 Zeichen, Werner Marquardt, Lautten

3. Platz

Du sagtest,
die Türe zu
deinem Leben
stünde mir offen,
doch ich kann
deine Einladung
nicht erwidern -
in mir ist noch
nicht aufgeräumt.

136 Zeichen, Stefan T. Pinternagel, Augsburg

Kategorie "Spaß"

1. Platz

Es war einmal eine Rosine
die zog mit fröhlicher Mine
in den Stollen
seitdem ist sie verschollen

97 Zeichen, Heinz Bornemann, Hamburg

2. Platz

Sockengedicht

Vorne Loch
Hinten Loch
Aber ich
Benutz sie noch

62 Zeichen, Christian Hussel, Leipzig

3. Platz

Meine Herren

wünschen
Sie sich
für Ihre Tochter
das Leben,
das Ihre Frau
bei Ihnen
führt?

89 Zeichen, Helga Braun, Essen

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar