• 20 000 Zeilen unterm Meer Frank Schätzing gilt als der deutsche Michael Crichton: Sein Tiefsee-Thriller erobert gerade die Bestseller-Listen. Er selbst sagt: „Ich bin Mainstream.“ Wer ist dieser Mann? Eine Begegnung.

Zeitung Heute : 20 000 Zeilen unterm Meer Frank Schätzing gilt als der deutsche Michael Crichton: Sein Tiefsee-Thriller erobert gerade die Bestseller-Listen. Er selbst sagt: „Ich bin Mainstream.“ Wer ist dieser Mann? Eine Begegnung.

Andreas Austilat

Ein bisschen können einen solche Leute ja irritieren. Kommen anscheinend aus dem Nichts und landen plötzlich solch einen Wurf. Joanne K. Rowling zum Beispiel, die hat ihren ersten Potter angeblich im Kaffeehaus verfasst. Frank Schätzing könnte auch so ein Fall werden. Außerhalb Kölns kannte ihn kaum einer, und dann schafft er, was hier zu Lande noch keiner geschafft hat. Er schreibt mit 46 Jahren ein Buch, nein, kein Buch, „Der Schwarm“ ist ein 1000 Seiten schwerer Ziegel. Dann stieg dieser Ziegel in der Spiegel-Bestsellerliste letzten Montag auf Anhieb von null auf vier. Und nun kann sich sein Verleger Helge Malchow von Kiepenheuer und Witsch ganz sicher sein, er, der sonst immer für die Rechte ausländischer Thriller-Autoren bieten muss, hat diesmal selber etwas zu verkaufen. Einen deutschen Michael Crichton, wie es in der „Brigitte“ heißt, schon wird „Der Schwarm“ in einer Liga mit „Jurassic Park“ genannt. Das aber wirft Fragen auf: Warum ist die Vernichtung der Menschheit, darum geht es in diesem Buch, solch eine Erfolgsstory? Und wer ist dieser Typ?

„Eigentlich wollte ich gerne Popstar werden.“ Schätzing, dunkles Jackett, Jeans und schwarze Cowboystiefel, lächelt, mit seinem gewellten, graumelierten Haar erinnert er einen eher an einen Schauspieler. Sky Dumont mit Bart vielleicht? Aber dafür ist er zu jung. Warum er kein Popstar geworden ist? Vielleicht, weil er nicht singen kann? Nun, daran will er noch arbeiten, will Gesangsunterricht nehmen. Angst vor der Bühne hat er jedenfalls nicht. Nächste Woche, zur LitCologne, wird er in Köln vor 1000 Leuten lesen. Und die dürfen mit einer kompletten Inszenierung rechnen, einschließlich Videos und Musik, die hat Schätzing selbst komponiert. Nein, wenn er kein Popstar geworden ist, dann nicht, weil es ihm an Selbstbewusstsein mangelte, sondern eher schon an der Zeit. So viel wird schnell klar, der Mann kommt keineswegs aus dem Nichts. Hier arbeitet einer schon länger an seinem Erfolg.

Club der hellen Lichter

Wir sitzen im Rotonda Business Club mitten in Köln. Hinter dem kameraüberwachten Eingang verbirgt sich viel Stahl, Glas, helles Holz, ein langer Tresen. „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“, steht als Wahlspruch auf einem Programmheft des Clubs. Die Mitglieder sind Geschäftsleute und Kreative. Schätzing zählt zu Letzteren, zusammen mit einem Partner hat er 1990 die Kölner Werbeagentur Intevi gegründet. Das Ergebnis ihrer Arbeit kann man zurzeit an jeder Kölner Bushaltestelle sehen: Die neue Abo-Kampagne des „Kölner Express“, „Abonnier mir“ steht da neben dem Konterfei von Verona Feldbusch, „die verschiedenen Gesichter der Verona“, heißt es in Anspielung auf eine neue Serie des Kölner Boulevardblattes. Gut, der Zweizeiler erklärt Schätzings Erfolg noch nicht. Aber auf einem Plakat, das an der Bushaltestelle hängt, kann man nun einmal keine Geschichte erzählen. Longcopy nennen Werbetexter alles, was mehr als 15 Zeilen hat.

„Ich erzähle gern Geschichten“, sagt er im leicht kölsch gefärbten Tonfall, „das übt einen großen Reiz auf mich aus, mir Dinge vorzustellen.“ Da traf es sich, dass der kleine Kölner Emons-Verlag vor zehn Jahren für seine neue Reihe historischer Krimis noch Autoren suchte. Und Schätzing sehr genau erkannt hatte, dass der Weg zu literarischem Ruhm über die Großverlage für einen Anfänger denkbar unwahrscheinlich ist. Zwar hatte er vom Mittelalter, in dem er das Sujet seines ersten Romans „Tod und Teufel“ anlegte, keine Ahnung, aber dank fleißiger Recherche brachte er es zum respektierten Mediävisten: „Tod und Teufel“ verkaufte sich 250 000-mal, unglaublich für einen regionalen Titel. Der zweite, „Lautlos“, spielte wieder in Köln, nur diesmal in der Gegenwart, verkaufte sich ebenfalls gut. So etwas macht einen Verleger wie Helge Malchow aufmerksam. Der bis dato unbekannte Autor solle sich doch melden, wenn er mal was Überregionales bei einem der Großen der Branche veröffentlichen wolle.

Kontinente versinken

Frank Schätzing ist mit dem Apolloprogramm und der Mondlandung, Raumschiff Orion und Enterprise aufgewachsen. „Alien“ mit Sigourney Weaver fand er toll, für den Science-Fiction-Meister Stanislaw Lem schwärmt er. Wer weiß, wenn er nicht solche Flugangst hätte, sein Blick wäre wohl nach oben in den Weltraum gegangen. So aber fing der Hobbytaucher an, in der Tiefsee zu recherchieren.

Schätzing liest viel, kaum Belletristik, dafür hat jemand, der nachts und am Wochenende 1000 Seiten schreibt – die Werbeagentur läuft ja weiter – keine Zeit. Er liest Sachbücher und Zeitungen, Schnipsel werden archiviert. Qualleninvasion in Australien, durchgedrehte Wale, blubbernde Methanblasen aus der Tiefe, hat man alles schon mal gehört, es ist ein wenig, als ob die „Tagesschau“ liefe. Das macht den „Schwarm“ , sein neues Buch, zu einem guten Thriller, macht ihn so bedrohlich. Meldung auf Meldung fügt sich zu einem erschreckenden Ganzen. Und das liest sich nicht wie „Reader’s Digest“, sondern wie ein Roman mit richtigen Figuren, einer richtigen Handlung. Die schaukelt sich zu riesigen Wellen auf, in denen erst Norwegen, dann halbe Kontinente versinken. Schließlich versiegt auch noch der Golfstrom. Fiktiv, na klar, aber eben nicht unrealistisch, das ist ja das Schlimme.

Wenn Schätzing schließlich den gesicherten Boden der Naturwissenschaften verlässt, schwingt er sich zu philosophischen Höhen auf. Hinter dem Desaster steckt – nein, kein kluger Kopf, eine vollkommen anders geartete Intelligenz. Jede menschliche Generation muss sich das Wissen ihrer Vorgänger erst aneignen, lebt im Jetzt. Was früher war, verblasst darüber schnell, was morgen wird, interessiert nicht wirklich. Was aber, wenn das Wissen Bestandteil des Erbgutes wäre, nichts mehr verloren ginge, kein Fehler wiederholt würde, wir immer nur dazu lernten? Schätzing kreiert solch eine denkende DNA. Einzeller in den Tiefen des Ozeans, die sich zu einer Art kollektivem Weltgeist organisieren, einem intelligenten Schwarm, der den Menschen als Risiko für den Planeten identifiziert, dessen man sich am besten komplett entledigt. Und williges Werkzeug ist alles, was da schwimmt und taucht, von der Bakterie bis zum Pottwal.

„Ökothriller“, das Prädikat mag Schätzing überhaupt nicht. Ihn stimme zwar vieles bedenklich, und sofort beginnt er über die Risiken des unterseeischen Methanabbaus zu dozieren. Aber der passionierte Hobbykoch ist eher eine rheinische Frohnatur und vor allem Optimist. Wer den Untergang mit so viel Lust am Detail inszeniert, der ist zur Melancholie nicht fähig, im Gegenteil, „es bereitet mir Vergnügen, in solchen Dimensionen denken zu dürfen“. Sehr viel spektakulärer als ein Rohrbruch eben, denn das sei doch das Aufregendste, was die meisten normalerweise im Zusammenhang mit Wasser erlebten.

Dieses Vergnügen erklärt wahrscheinlich einen Teil des Erfolges. Deutsche Autoren würden das Schreiben oft als einen romantischen Vorgang betrachten, Briten und Amerikaner dagegen mit viel Aufwand spannende Schauplätze recherchieren, sagt der Verleger Helge Malchow von Kiepenheuer und Witsch. Schätzing selbst räumt ein, eine Vorliebe für Special effects zu haben und die teilt er tatsächlich mit Michael Crichton: „Nehmen Sie mal ,Jurassic Park’. Ein deutscher Autor hätte womöglich einen seiner Dinos jemanden beißen lassen. Und dann wäre es darum gegangen, wie das passieren konnte. Crichton hat den Mut zur Eskalation, der richtet ein Massaker an.“ Schätzing auch, Figuren, die er über hunderte Seiten sorgsam aufgebaut hat, sympathische wie unsympathische, müssen dran glauben. Freilich nicht alle, am Ende kriegt die Menschheit noch einmal einen Aufschub, mehr nicht.

Ist der Mann unromantisch? „Nein“, sagt er. Für ihn spricht, dass er das Bild seiner Frau, die er vor sechs Jahren kennen gelernt hat, ständig mit sich herumträgt, gern auch mal aus der Tasche holt. Und dabei gar nicht aussieht wie der Macher, der so Sachen sagt wie „Ich behalte immer gern die Kontrolle“, so gern, dass er sich bei der Vermarktung seines Buches ein Mitspracherecht ausbedungen hat. Unromantisch? Doch, denkt man, denn so groß die Liebe auch sein mag, just als sie sich kennen lernten, fing er solch einen dicken Roman an. Die beiden besuchten Vancouver, wo die Eltern seiner Frau leben, fuhren zusammen raus, Wale beobachten. Im Buch zerschmettern Vancouvers Wale die Touristenboote. Mit seiner Frau ging Schätzing ins „Troisgros", ein prämiertes Gourmetrestaurant in Frankreich, im Buch fliegt dem Koch der Hummer um die Ohren, was er nicht überlebt.

Das Umweltthema, war das nicht erledigt in den Zeiten der Wirtschaftskrise, in denen es selbst die Grünen nach einem breiteren Themenspektrum drängt? Ein Irrtum, glaubt Schätzing. „Zunächst mal muss man machen, was einen interessiert, woran man glaubt.“ Riddley Scotts „Gladiator“ zum Beispiel. Du liebe Zeit, ein Sandalenfilm, hätten doch alle gedacht. Und dann räumt der ab. Schätzing glaubte an seinen „Schwarm“, „weil ich mainstream bin, weil ich mir sicher bin, was mir gefällt, gefällt auch ziemlich vielen anderen Leuten".

Kiepenheuer und Witsch, der Verlag, der vor kurzem noch mit Popliteratur erfolgreich war, glaubt offenbar auch daran, hat 1000 Seiten Weltuntergang zu seinem Frühjahrs-Spitzentitel gemacht. Was verrät das über unser Land? Du liebe Zeit, so weit möchte Schätzing eigentlich nicht gehen, er wollte doch eigentlich nur einen Thriller schreiben, der ihm auch gefallen würde. Aber gut, die Leute seien verunsichert heute, von der Rezession, der immer komplizierter werdenden Welt. Angst ist etwas Diffuses, verlangt nach Erklärungen, nach etwas Greifbarem. Das könnten islamistische Terroristen sein oder die Killeralge aus der Tiefsee. Ja, vielleicht leben wir in einer guten Zeit für Katastrophenliteratur.

Amerika greift ein

Am Untergang ist in Schätzings Buch die amerikanische Regierung maßgeblich beteiligt. Unbelehrbar erklärt eine Generalin, die Condoleezza Rice nachempfunden scheint, denkenden Einzellern den Krieg, nimmt damit in Kauf, der Menschheit die Lebensgrundlage zu entziehen. Macht Antiamerikanismus ein Teil des Erfolgsrezeptes aus? Da ist er zum ersten Mal ein wenig entrüstet: „Ich habe keine Zweifel an der deutsch-amerikanischen Freundschaft.“ Nur traue er der Regierung Bush nicht zu, zur Lösung unserer Umweltprobleme beizutragen. Da hat die es sich eben selbst zuzuschreiben, wenn sie jetzt die Rolle des Bösewichts einnehmen muss. Im übrigen, eine differenziertere Darstellung hätte das Buch am Ende dann doch ein wenig zu dick gemacht.

Schon jetzt könnte der Umfang ein ernstes Hindernis sein, für die weitere Vermarktung nämlich. Wer das Buch verfilmen will, benötigt mindestens einen Flugzeugträger, von den Schauplätzen in aller Welt, den Städten, die es fortzuspülen gilt, nicht einmal zu reden. „Wieso“, sagt Schätzing „das ginge schon. Es braucht natürlich einen Regisseur wie Roland Emmerich oder Wolfgang Petersen.“ Und dabei klingt er nicht so, als ob das irgendwie ein unlösbares Problem wäre. Wenn er nur Zeit hätte. Aber die hat er nicht, weil er ja erst mal das Buch als Hörspiel produzieren muss. Ach ja, und das Popkonzert, das steht ja auch noch aus.

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