20 Jahre deutsch-polnischer Nachbarschaftsvertrag : Polens Präsident hält die Berliner Rede

Wer von einem Bundespräsidenten eingeladen wird, die „Berliner Rede“ zu halten, darf dies als besondere Auszeichnung verstehen. Am heutigen Freitag spricht Polens Präsident Bronislaw Komorowski in der Humboldt-Universität über Deutschland und Europa. Für den Auftritt des Gastes aus dem Nachbarland wurde ein geschichtsträchtiges Datum gewählt: Am 17. Juni 1953, also vor 58 Jahren, schlug die DDR den Volksaufstand nieder. Und am 17. Juni 1991, vor genau 20 Jahren, wurde der deutsch- polnische Nachbarschaftsvertrag unterzeichnet. Er läutete nach Weltkrieg und jahrzehntelangem Kalten Krieg ein neues, freundlicheres Kapitel im Verhältnis zwischen den Nachbarn ein. Möglich wurde das, weil Deutschland, das zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal ein Jahr lang wiedervereinigt war, zuvor die Oder-Neiße-Linie als verbindliche Ostgrenze anerkannt und auf alle Gebietsansprüche verzichtet hatte.

Bundespräsident Christian Wulff, der den Gast eingeladen hat, verbindet mit Komorowski eine Freundschaft, die wohl tiefer geht, als das Beziehungen zwischen Staatsoberhäuptern in der Regel tun. Nur mit wenigen Tagen Abstand gelangten beide Politiker im vergangenen Jahr überraschend ins Amt, waren sich auf Anhieb sympathisch und haben sich seither mehrfach getroffen. Wulff und Komorowski gehören der Nachkriegsgeneration an, was ihre Sicht auf die Geschichte prägt. Ostern verbrachten beide Familien gemeinsam ihre Ferien in der Nähe von Danzig.

Es sei ihm „eine besondere Ehre“, dass Polens Präsident an diesem wichtigen Datum „die Berliner Rede im Zeitalter der europäischen Einigung halten wird“, erklärte Wulff vor wenigen Tagen. Gewürdigt werden soll an diesem Tag nicht nur der 20. Jahrestag des Nachbarschaftsvertrages mit Polen, sondern auch der 20. Geburtstag des Deutsch-Polnischen Jugendwerkes. Zwischen beiden Ländern sei in den zwei Jahrzehnten seit der Unterzeichnung „eine tiefe und von gegenseitigem Vertrauen geprägte Freundschaft gewachsen“, sagte der Bundespräsident.

Auch der Gast sieht die Einladung offenbar als Chance: Polen übernimmt in wenigen Tagen zum ersten Mal die EU- Ratspräsidentschaft. Komorowski will deshalb in Berlin europäische Grundsatzfragen ansprechen und dürfte dabei auch Deutschlands Rolle würdigen.

Die Tradition der „Berliner Rede“ hatte 1997 Roman Herzog mit seiner „Ruck-Rede“ begründet. Er bat später auch Politiker aus dem Ausland, über ihre Sicht auf Deutschland und Europa zu sprechen. Vor Komorowski sprachen 1998 Finnlands Staatspräsident Martti Ahtisaari und 1999 UN-Generalsekretär Kofi Annan. Hans Monath

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