20 Jahre Mauerfall : Der Ruf nach Revolution

Einst der Sozialismus, dann der Kapitalismus: Edgar Most, Spitzenbanker in der DDR und im wiedervereinigten Deutschland, stand in beider Diensten. Heute sagt er, es sei Zeit für den nächsten Systemwechsel

Miriam Schröder

Müde sieht er aus. In Jogginghose und Pantoffeln schlurft Edgar Most die Einfahrt zu seinem Haus herunter, in der Hand hält er die Fernbedienung für das kleine Tor. Er sei gerade eingenickt, sagt er. Die ganze Siedlung scheint zu schlafen an diesem Sonntagvormittag. Hier draußen am nordöstlichen Rand von Berlin tragen die Straßen keine Namen, sondern Nummern, als seien die Namen ausgegangen.

Eigentlich wollte man sich in Mitte treffen, aber Most hat gerade keinen Führerschein, und mit der S-Bahn fährt er nicht gern. Morgens holt ihn jetzt immer seine Sekretärin ab und fährt ihn ins Büro in der Charlottenstraße. Doch unter der Woche war kein Termin mehr frei. Es gebe sogar schon Anfragen für das nächste Frühjahr.

Edgar Most, obwohl seit fünf Jahren Rentner, ist ein sehr beschäftigter Mann. Er stand an der Spitze der DDR-Staatsbank, verhandelte mit Helmut Kohl über die Währungsunion und machte nach der Wende Karriere bei der Deutschen Bank. Seitdem die Finanzkrise den Kapitalismus auf die Probe gestellt hat, tritt er jede Woche irgendwo auf. So hat er auch seinen Führerschein verloren. Er ist zu schnell gefahren, unterwegs von einem Termin in Thüringen nach Berlin, ins Fernsehstudio.

Jetzt sitzt er auf seiner Terrasse, isst Pflaumen und erklärt, warum das System, warum der Kapitalismus versagt hat. Er macht das wahrscheinlich zum 20. Mal in dieser Woche, so routiniert spult er seine Sätze ab in seinem Thüringer Dialekt. Es ist eine gemütliche Sprache, so wie Most überhaupt ein gemütlicher Typ ist, mit dickem Bauch, kleinen Augen und einer runden Nase. Er sieht nicht aus wie ein Banker. Er redet auch nicht wie einer. Er sagt: „Die Freiheit des Marktes ist schuld. Der Markt ist nicht sozial.“ Die Pflaumenkerne wirft er auf den Rasen. Er wirkt resigniert.

Edgar Most war Spitzenbanker in zwei Welten. In jeder Position hat er versucht, die Welt zu verbessern. In beiden Systemen ist er damit an Grenzen gestoßen. Er sagt: „Wir brauchen einen dritten Weg.“

Edgar Most wurde 1940 in einem Dorf in Thüringen geboren. Die Mutter war Waldarbeiterin, der Vater schuftete im Kalibergbau. Er selbst verließ die Schule mit 14 und lernte Bankkaufmann in einer Filiale der staatlichen Notenbank. Lieber wäre er Elektroingenieur geworden, doch die Lehrstelle war schon vergeben.

Die Notenbank vergab Kredite – im Grunde waren es Subventionen – an die Wirtschaft. Most kontrollierte in den Betrieben, ob das Staatskapital plangemäß verwendet wurde. Für ein paar Wochen im Jahr wurden die Bankangestellten zum Arbeitseinsatz abkommandiert. Danach wollte der Staat von ihnen Vorschläge hören, wie man die Betriebe produktiver machen könnte.

Hier bekam Most zum ersten Mal eine Ahnung davon, dass Politik und Vernunft oft nicht zusammenpassen. Es wäre einfach gewesen, die Produktivität zu erhöhen. Man hätte dafür ein paar Leute entlassen müssen. Die Angst vor der Arbeitslosigkeit hätte Druck ausgeübt. Es wäre ein bisschen wie im Kapitalismus gewesen. Aber in der DDR-Verfassung waren Entlassungen verboten. Und darüber ließ sich mit den Vorgesetzten nicht diskutieren.

Wenn Most das erzählt, werden seine Augen noch kleiner. Ignoranz ärgert ihn. „Wir hatten doch auch Fachleute, die diskutiert haben, ob man den Sozialismus nicht mit zwei oder drei Prozent Arbeitslosigkeit organisieren könnte“, sagt er eindringlich, so, als gäbe es da jetzt noch etwas dran zu rütteln.

Damals nahm Most den Widerspruch hin und wurde Mitglied der SED. Er war ehrgeizig, hatte das Abitur in der Abendschule nachgemacht und neben der Arbeit studiert. Die Bank, in der er Karriere machen wollte, war ein Staatsbetrieb. „Sonst wäre ich nie in die Partei gegangen“, sagt er.

1962 holte ihn die Industrie- und Handelsbank und schickte ihn nach Schwedt, ein kleines Kaff am östlichen Rand der Republik. Die DDR baute dort ein Werk für Erdölverarbeitung. Es war eine riesige Baustelle, mit Auftragnehmern aus der ganzen Welt, auch aus der westlichen Hälfte. Sie mussten alle Konto führen bei einer Sonderfiliale. Most wurde ihr Direktor.

Es waren fast nur junge Leute in der Stadt, die schnell auf 50 000 Einwohner anwuchs. Wenn man heute mit Menschen spricht, die damals in Schwedt gearbeitet haben, spürt man noch die Euphorie. Wo sie herkamen, herrschte der Mangel. Hier gab es Arbeit, Wohnungen und den Glauben an die Zukunft in der DDR. Edgar Most glaubte an den Sozialismus.

An die Partei glaubte er bald nicht mehr. Er wurde nach Berlin bestellt, in eine Kommission, die untersuchen sollte, ob der Staat sein Geld richtig investierte. Er fand, dass man vieles verbessern könnte. In dem Papier, das die Fachleute am Ende vorlegten, stand kaum etwas davon drin. Ein paar Größen aus dem Politbüro ließen die Teilnehmer wissen, dass sie keine Kritik wünschten. Most war schockiert.

„Das war einer, der immer gesagt hat, was er dachte“, sagen viele, die ihn von früher kennen. Aber die Karriere riskieren oder gar abhauen, das kam für ihn nie infrage. Stattdessen lernte er, wie man Kritik so formuliert, dass sie nicht wie Kritik klingt. Oft hat er sich gefragt: „Bin ich es noch, oder bin ich es nicht?“

Wie bei der Sache mit der Stasi. 1996 fanden Journalisten seine Akte. Most hatte eine Verpflichtungserklärung unterschrieben. In der Akte fanden sich aber auch Belege dafür, dass die Stasi ihn für unbrauchbar hielt, weil er sich weigerte, die Vereinbarung geheim zu halten. Er hatte es überall herumerzählt.

Trotzdem machte er Karriere. 1972 ging er in die Staatsbank und saß bald im höchsten Führungsgremium. Die Behörde hatte die Aufsicht über Staatshaushalt und Wirtschaft. Sie wussten, dass die DDR zu viele Waren importierte und zu wenig an das nichtsozialistische Ausland verkaufen konnte. Sie wussten auch, warum: Weil ihre Betriebe nicht nach Angebot und Nachfrage produzierten, sondern nach einem Fünf-Jahres-Plan. Die Ökonomen dachten da ähnlich wie ihre Kollegen im Westen. Das mussten sie, schließlich liehen sie sich von ihnen Geld. „Im Prinzip haben wir den Kapitalismus ja nur nachgemacht“, sagt Most.

Most sagt über Most, er sei ein Opportunist gewesen. Als das Volk auf die Straße ging, blieb er im Büro.

Wenig später ernannte ihn Ministerpräsident Hans Modrow zum Vizepräsidenten der Staatsbank. Gemeinsam mit Kollegen gründete er die Deutsche Kreditbank AG, die erste Privatbank der DDR.

Sie ging Joint Ventures mit der Deutschen Bank und der Dresdner Bank ein. Später wechselte Most in die Geschäftsführung der Deutschen Bank Berlin. Er hat mehr als 600 Firmengründungen finanziert. Als er 2004 aus der Bank ausschied, hieß es, jeder dritte Arbeitsplatz im Osten gehe auf Edgar Most zurück.

Ein Sommerabend im August. Most sitzt im Buchhaus von Suhl in Thüringen und stellt sein Buch vor: „Fünfzig Jahre im Auftrag des Kapitals“, seine Autobiografie. 200 Leute sind gekommen. Die Karten sind seit Wochen ausverkauft. Und es stehen viele in der Schlange, die hoffen, dass sie noch einen Hocker am Rand ergattern können. Es sind fast alles Rentner.

Most sitzt im kurzärmligen Hemd vor seinem Publikum und erzählt. Er redet im selben Tonfall wie zu Hause auf der Terrasse. Er ruft den Leuten zu: „Diese Krise kann doch gar nicht groß genug werden, damit auch mal die darunter leiden, die sie verursacht haben, und nicht nur Sie.“ Das Publikum klatscht begeistert. Ein Banker, der seine eigene Zunft offenbar verachtet, und dann auch noch einer aus Thüringen, das kommt hier gut an.

Suhl hatte einmal 60 000 Einwohner. Zu DDR-Zeiten war es Bezirkshauptstadt und ein wichtiger Industriestandort. Jetzt zeigt der Wegweiser am Bahnhof noch drei Ziele an: Congresszentrum, Zentrum, Arbeitsagentur. Die Bevölkerung ist um die Hälfte geschrumpft. Wer kann, geht weg.

Most erzählt den Leuten, er habe schon vor 20 Jahren gewusst, dass diese Krise kommen würde. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus hätten die Staaten die Kontrolle über die Finanzwirtschaft aufgegeben. Die Gewinnerwartung sei ohne jedes Maß gestiegen. Inzwischen verdiene seine Branche mehr Geld mit obskuren Finanzprodukten, als die realen Betriebe erwirtschaften. Most fordert: „Wir müssen das Verhältnis zwischen Markt und Staat neu definieren.“

Er findet, die Uno solle die Finanzmärkte kontrollieren. Es müsse wieder feste Wechselkurse geben, angebunden an eine fiktive Weltwährung. Die Staaten sollten nur noch im eigenen Land Kredite aufnehmen dürfen, dann würden den Schulden echte Werte gegenüberstehen. Die Weltwirtschaft würde dann weniger schnell wachsen. Most sagt: „Wir brauchen nicht so viel Wachstum.“ Er findet auch, dass sich die Banken Geld beim Staat leihen können sollten. Dafür könnte die Regierung bestimmen, welche Projekte damit finanziert werden. Er wünscht sich ein bisschen DDR zurück.

„Die Entwicklungen, die hier entstanden sind, die sind so schlimm, da muss man doch eine Revolution machen“, ruft Most. Jetzt klatscht keiner mehr. Die Rentner sind erschöpft. Keine Revolution in Suhl.

Most vertritt solche Thesen auch bei der Deutschen Bank, wo er noch immer ein Büro hat. In dem Haus, in dem man im Teppichboden versinkt und der Kaffee in silbernen Kännchen serviert wird, trägt er Schuhe, die weniger elegant als bequem aussehen. Ein Kollege erinnert sich, dass Most bei Filialeröffnungen früher gern Volkslieder gesungen hat. Zu seiner Verabschiedung 2004 kam reihenweise Prominenz, und er hatte auch seine alten Freunde eingeladen. Er stellte sie in seiner Rede vor und sagte zum Beispiel: „Das ist Rolf Nennstiehl. Früher war er Bergmann. Heute ist er arbeitslos.“ Mosts Vorgesetzter, der Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, hat ihn an diesem Abend in den Himmel gelobt, er nannte ihn einen „Patrioten und Kämpfer für den Osten“.

Most schätzt Ackermann. Damals in Suhl sagte er: „Josef Ackermann ist der beste, den es gibt. Wir müssen dankbar sein, dass so einer Chef der Deutschen Bank ist.“ Die Leute gucken irritiert. Most sagt, Ackermann sei der einzige Banker, der keine Staatshilfen beantragt habe. Dafür, dass die Deutsche Bank 25 Prozent Rendite bringen müsse, könne der Vorstandschef ja nichts. Das machten alle. Das sei das System. Und das sei krank. Im System Most heißt der Feind nicht Deutsche Bank, sondern FDP.

Von den anderen Parteien hält er auch nicht viel. Auch das erzählte er den Suhlern. „Sie müssen ja bald wählen. Ja, wen soll man denn hier wählen?“ Er habe sich die Programme angeguckt. „Ich sag Ihnen, das können Sie alles vergessen.“

Most hat fast alle ostdeutschen Ministerpräsidenten beraten. 2004 ging er wieder in eine Kommission. Der „Gesprächskreis Ost“ wurde von Hamburgs Ex-Bürgermeister Klaus von Dohnanyi geleitet. Im Auftrag der Regierung Schröder zogen sie Bilanz. Sie war verheerend. 1,2 Billionen Euro, so rechneten die Experten vor, waren seit der Wiedervereinigung in den Osten geflossen und weitgehend wirkungslos geblieben.

Die Kommission schlug vor, aus dem Osten eine Sonderwirtschaftszone zu machen, mit niedrigen Steuern, um Investoren anzulocken. Die Regierung erteilte dem Plan eine Absage. Eine Steueroase im Osten, da hätten sich die westdeutschen Länder bedankt.

Ignoranz, schon wieder, das ist es, was Most frustriert. Darum reist er noch immer unermüdlich mit seinen Thesen durch das Land. Er schreibt Briefe an Angela Merkel, aber er glaubt nicht, dass sich etwas ändert. Er sagt: „Wir haben nicht nur eine Finanzkrise, wir haben eine Systemkrise.“

Vor allem gefallen ihm die Politiker nicht, die immer Rücksicht nehmen müssen auf alle möglichen Interessen, nur nicht auf die Vernunft. Er sagt: „Ich fühle mich heute in vielen Punkten wieder an die DDR erinnert.“ Er nimmt sich noch eine Pflaume und wirft den Kern wieder auf den Rasen. Dem Gast bietet er auch eine an. Der erste Bissen schmeckt gut. Doch in der Pflaume ist ein Wurm.

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