200. Geburtstag : Wer war Charles Darwin?

Das Geniale an seiner These ist das Einfache. Aber sie verunsichert. Evolution war bekannt, natürliche Auslese nicht. Zum 200. Geburtstag eines Revolutionärs

Kai Kupferschmidt

WARUM ERREGT CHARLES DARWIN AUCH NOCH NACH 200 JAHREN DIE GEMÜTER?



Zugegeben, nach einem Revolutionär sieht der alte Mann mit seiner Glatze, dem weißen Vollbart und dem ruhigen Blick nicht gerade aus. Aber Darwin hat mit seiner „Theorie vom Ursprung der Arten durch natürliche Selektion“ tatsächlich eine Revolution losgetreten. Und der Stein des Anstoßes rollt bis heute. Denn Darwins Theorie kommt ohne einen Schöpfer aus. Für die Entwicklung des Lebens auf Erden hat sie einen anderen Motor ausgemacht als Gott und lässt ihn bestenfalls noch als fünftes Rad am Wagen mitfahren.

Die Idee eines Gottes aber ist vielen Menschen ein Halt. Gläubige Menschen kommen deswegen immer wieder in Konflikt mit Darwins Theorie. Gerade das Geniale an seiner These, die Einfachheit, das Plausible, verunsichert sie. Manche treibt der Konflikt in die Fundamentalopposition, sie behaupten, Gott habe alle Wesen geschaffen, die Welt sei erst wenige tausend Jahre alt. Mit viel Geld hat sich diese Gruppe in den vergangenen Jahren in den USA wieder Gehör verschafft und ihren Kreationismus zum Intelligent Design umgestylt. Der Streit um die Biologie-Schulbücher der Nation ist ein Stellvertreterkrieg, in dem es um die Deutungshoheit über die menschliche Existenz geht.

Andere Gläubige wiederum beginnen zu zweifeln – wie Darwin selbst. Der Theologe sah den Konflikt und machte sich zahlreiche Gedanken über die Vereinbarkeit seiner Theorie mit dem Glauben an Gott. So deuten manche Biografen die Schmerzen, die ihn nach der Rückkehr von der Forschungsfahrt auf der Beagle plagten, als psychosomatischen Ausdruck innerer Zerrissenheit. Auf die zahlreichen Briefe, die ihn in seinem Landhaus in Down erreichten und nach seinem persönlichen Glauben fragten, antwortete Darwin ausweichend. 1879, drei Jahre vor seinem Tod, schrieb er einem Freund: „Agnostiker wäre wohl die korrekteste Beschreibung meiner Geisteshaltung.“ Einen Wegweiser hat er zweifelnden Menschen also nicht hinterlassen.

WAS WAR DARWINS ZENTRALE IDEE?

Zunächst einmal, was es nicht war: die Evolution. Die hatten vor ihm schon viele vorgeschlagen. Denn Evolution bedeutet lediglich , dass die Tier- und Pflanzenarten sich mit der Zeit verändern. Selbst das war zu Darwins Zeit eine steile These. Immerhin war die offizielle Linie, dass Gott alle Lebewesen geschaffen habe und diese auf immer unveränderlich seien. Aber Fossilien und Naturbeobachtungen nährten den Zweifel an dieser statischen Sicht der Lebewesen, und so glaubten damals viele Naturforscher an eine Evolution, wenn auch anders, als wir das Wort heute verstehen: Sie dachten, die Arten würden sich nach einem vorgefertigten göttlichen Plan ineinander verwandeln. Davon zeugt im Übrigen auch das Wort Evolution selbst, dessen lateinische Wurzel „evolutio“ das Ausrollen einer Schriftrolle bezeichnet.

Darwins entscheidende Entdeckung war also nicht die Evolution, sondern ihr Mechanismus, die natürliche Selektion. Darwin bemerkte, dass nicht genug Platz und Nahrung für alle Nachkommen eines Tieres vorhanden sind. So legt ein weiblicher Grasfrosch im Frühjahr mehr als 10 000 Eier. Würden alle zu Fröschen werden und selber wieder Nachkommen zeugen, wäre der Teich in kürzester Zeit von Fröschen bedeckt. Aber welche der Nachkommen überleben, fragte sich Darwin. Er bemerkte auch, dass sich zwei Nachkommen eines Tieres nie genau gleichen. Ihm wurde klar, dass diese Variabilität entscheidend war. Es würden stets die Individuen überleben, deren kleine Besonderheiten sie besser an die Umgebung anpassten als andere. Sie würden ihre Eigenschaften an ihre Nachkommen weitergeben, die sich wieder ein wenig davon unterscheiden würden und so weiter.

Darwins Idee wird häufig missverstanden und mit dem Zufall gleichgesetzt. Kreationisten bringen gerne den Jumbo- Vergleich: Darwins Theorie sei so, als würde ein Wirbelsturm über einen Schrottplatz hinwegfegen und dabei ein Jumbojet entstehen. Aber der Mensch ist laut Darwin kein Zufallsprodukt, ganz im Gegenteil. Die Mutationen, die in der DNS auftauchen, sind zwar zufällig, kleine Fehler der Kopiermaschinerie, die unser Erbgut vervielfältigt. Welche dieser Veränderungen am Ende aber überleben, das liegt an der natürlichen Selektion. Und diese verhilft immer den Eigenschaften zum Durchbruch, die ihren Träger besser an dessen Umwelt anpassen. Es ist also kein Zufall, dass wir aufrecht laufen, Fleisch essen, Farben sehen und die Gefühle anderer Menschen erahnen können. Alle diese Fähigkeiten sind Anpassungen, die uns in der Vergangenheit einen Vorteil verschafft haben.

WIE KAM DARWIN AUF DIESE IDEE?

Darwin Biografen haben in den vergangenen Jahren zahlreiche Darwins beschrieben: den unsicheren Studenten, der nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll, den abenteuerlustigen Reisenden an Bord des Forschungsschiffes Beagle, der mit versteinerten Knochen das Schiff belädt, den liebenden Ehemann und Familienvater, der den Tod von drei Kindern betrauern muss, sowie den besessenen Wissenschaftler, der 20 Jahre lang zurückgezogen in der ländlichen Stille Englands an seiner großen Theorie arbeitet. Genauso zahlreich wie die Interpretationen seines Lebens sind die Antworten darauf, was ihm zu seinem Durchbruch verhalf. Zweifelsohne war die fünfjährige Weltreise an Bord der Beagle aber eine entscheidende Phase. Darwin bekam während dieser Zeit zahllose Tiere und Fossilien zu Gesicht und ihm dämmerte, dass viele der Tiere miteinander verwandt sind. Auch ein Buch, das Darwin während dieser Reise las, hat ihn stark beeinflusst. In „Die Prinzipien der Geologie“ vertritt Charles Lyell die These, das Aussehen der Erdoberfläche, die Berge und Täler, Flüsse und Seen, sei nicht auf riesige Katastrophen zurückzuführen, sondern durch äußerst langsame Prozesse gestaltet worden. Auch Darwin wird später die Evolution der Arten mit kleinsten Veränderungen über große Zeiträume erklären. Darüber hinaus werden zahlreiche andere Einflüsse auf Darwin vermutet. Die Autoren Adrian Desmond und James Moore etwa vertreten die These, Darwins Hass auf die Sklaverei habe ihm geistig den Weg zu seiner großen Entdeckung geebnet. Viele Sklavenhändler hätten damals ihr Tun mit dem Argument legitimiert, die schwarze Rasse sei getrennt von der weißen erschaffen worden. Darwin habe zeigen wollen, dass alle Menschen denselben Ursprung haben und diese Idee dann auf das gesamte Tierreich ausgedehnt. Ein schöner Zufall wäre es zumindest. Immerhin ist Darwin am selben Tag geboren worden wie Abraham Lincoln, Barack Obamas erklärtes Vorbild als US-Präsident und berühmt vor allem dafür, dass er die Sklaverei beendete.


Zur Person

GEBOREN

Charles Robert Darwin kam am 12. Februar 1809 in Shrewsbury auf die Welt.

AUSBILDUNG

Eigentlich sollte Darwin wie sein Vater Arzt werden. Aber ihn langweilt sein Medizinstudium in Edinburgh, die Chirurgie stößt ihn ab. Er studiert schließlich Theologie in Cambridge, und sein Interesse an der Naturforschung wächst. Nach seinem Abschluss reist er an Bord des Vermessungsschiffes Beagle um die Welt.

FAMILIE

Nach seiner Rückkehr heiratet Darwin seine Cousine Emma Wedgwood. Sie bringt zehn Kinder zur Welt, von denen drei in jungen Jahren sterben. Besonders der Tod der zehnjährigen Anne trifft die Eltern schwer.

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