Zeitung Heute : „2000 Euro für einen Staubsauger?“

Von Altersvorsorge bis Zahnversicherung: Die Verbraucherzentrale Berlin berät Kunden in allen Fragen. Jetzt kämpft sie um ihr Überleben

Heike Jahberg Dagmar Rosenfeld

„Wie werde ich meine blöde

Lamadecke

wieder los?“

„Sollte ich mein

Erspartes in diesen neuen Aktienfonds investieren?“

Von Heike Jahberg und

Dagmar Rosenfeld

Die „Lange Nacht des Verbraucherschutzes“ beginnt um zehn Uhr in der Früh. Und um 20 Uhr ist sie schon wieder zu Ende, zumindest in der Verbraucherzentrale Berlin. Im Krankenhaus Moabit („Drogen“), bei der Stiftung Warentest („Mietprobleme“) oder beim Bundesamt für Verbraucherschutz („gepanschter Wein“) geht die Party ein wenig länger. Bei der Verbraucherzentrale ist die lange Nacht dagegen eher ein langer Tag der Verbraucher. Aber Nacht, das klingt aufregender, geheimnisvoller. Und so hat Berlin nach den langen Nächten der Museen und des Shoppings nun auch die Nacht für Verbraucher entdeckt. Leider haben die meisten offenbar nicht mitbekommen, dass die Verbraucherschützer den Tag zur Nacht gemacht haben: Am Freitagmorgen ist in der Verbraucherzentrale fast nichts los, obwohl die Beratung kostenlos ist. Die paar Berliner, die doch vorbeigekommen sind, freuen sich, dass sie sofort dran kommen.

Da ist zum Beispiel ein Ehepaar aus Köpenick, das sich einen neuen Staubsauger zulegen will, „mit Tiefenwirkung und Elektrodüse“, sagen sie. Aber das Angebot, das sie eingeholt haben, ist ihnen viel zu teuer. „2000 Euro wollen die haben, dafür kriegt man ja schon ein Auto“, schimpft der Mann. Jetzt will er wissen, wo er ein ordentliches und günstiges Gerät kaufen kann. Dass er für die Beratung nicht zahlen muss, findet er „eine gute Sache“. Mit den gesparten 7 Euro 50 ist jetzt auch noch ein Paket Staubsaugerbeutel für das neue Hightech-Gerät drin.

Je näher die Nacht rückt, desto mehr Berliner schauen vorbei. Am Abend müssen sie teilweise bis zu einer halben Stunde auf ihre Beratung warten. Wie eine Hausfrau aus Siemensstadt, die wissen will, wie seriös das Angebot einer Heimarbeitsfirma ist. Der Jurist rät ihr ab, da die Firma vorab Geld verlangt. Auch sie freut sich über den kostenlosen Rat.

Beratung zum Nulltarif – das gibt es sonst nicht. Denn die Verbraucherzentrale Berlin (VZ Berlin) braucht jeden Cent. Zum 50. Geburtstag der VZ schenkte Verbraucherschutzsenatorin Heidi Knake-Werner (PDS) der Verbraucherzentrale die lange Verbrauchernacht, gleichzeitig setzt der Senat den Rotstift an. 300 000 Euro soll die VZ ab dem Jahr 2005 weniger an Zuschüssen bekommen, 0,7 Millionen Euro statt bisher 1,02 Millionen. „Existenzbedrohend“ nennt VZ-Geschäftsführerin Gabriele Francke die Sparpläne des rot-roten Senats. „Notwendig“ nennt Roswitha Steinbrenner, Sprecherin der Senatsverwaltung für Verbraucherschutz, die Einsparungen. Auch in anderen Bundesländern habe es Kürzungen gegeben, sagt Steinbrenner. Die betroffenen Verbraucherzentralen hätten gelernt, mit anderen VZen zu kooperieren. „Man muss nicht alles selber machen“, meint die Sprecherin. Doch noch machen die Berliner alles selber: von der Rechtsberatung (7,50 Euro) über die Versicherungsberatung (10 Euro) und die Baufinanzierung (51 Euro) bis hin zur Küchenplanung (25,50 Euro). Wer anruft, zahlt 1,86 Euro in der Minute.

Dennoch reicht das Geld hinten und vorne nicht. Die Beratungsgebühren decken die Kosten nicht, die Verbraucherzentralen sind auf Zuschüsse angewiesen. Doch immer mehr Länder kürzen die Mittel. Ein „vorsintflutliches Verständnis von Verbraucherarbeit“ attestiert die Chefin des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen, Edda Müller, den Landespolitikern und ruft Bundesverbraucherschutzministerin Renate Künast (Grüne) zur Hilfe. Doch die will zwar eine Konferenz organisieren, auf der die Probleme der Verbraucherzentralen diskutiert werden, Geld wird aus dem Bundeshaushalt aber nicht fließen (siehe Interview).

Immer mehr Beratungsstellen werden dicht gemacht. In vielen Großstädten gibt es heute keine persönliche Verbraucherberatung mehr. Die Bürger müssen ausweichen – aufs Telefon, aufs Internet oder den Anwalt. Noch ist Berlin privilegiert. Auch wenn die lange Nacht schon um 20 Uhr endet.

Mehr dazu im Internet:

www.verbraucherzentrale-berlin.de

„Wäre die

Riester-Rente

auch noch was für mich?“

„Brauche ich

als Kassenpatientin eine private

Zusatzversicherung?“

DIE LANGE NACHT DES VERBRAUCHERSCHUTZES: WER SCHÜTZT DIE VERBRAUCHER?

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