Zeitung Heute : 2007 Kreativität braucht Vertrauen

Misstrauen schränkt die Möglichkeiten ein, individuelle Kräfte zu entwickeln und zu offenbaren

Guido Möllering

BATSHEVA DANCE COMPANY

Israel

STARKES KOLLEKTIV: Die Batsheva Dance Company gilt als kulturelles Aushängeschild Israels. Unter der künstlerischen Leitung von Ohad Naharin hat die Truppe sich Weltruhm ertanzt. In „Telephaza“ stürmen 45 kraftvolle Tänzer und Tänzerinnen die Bühne des Kraftwerks – und begeistern durch eine mitreißende Energie. Der Choreograf hat sein Ensemble mit Tänzern der Juniorcompany erweitert, um in großer Formation das spannende Zusammenspiel von Individuum und Kollektiv zu untersuchen. Die in perfekter Simultanität ausgeführten Ensemblesequenzen werden von wellenartig sich herauslösenden Soli kontrastiert und ergänzt. Gigantische Videoscreens vermittteln zudem eine extreme Nähe zu den Tänzern. „Telephaza“ ist eine Liebeserklärung Naharins an seine jungen Tänzer – und eine Hymne an die verbindende Kraft des Tanzes.

Ganz ohne Vertrauen kann man kein erfülltes Leben führen, denn Misstrauen schränkt die Handlungsmöglichkeiten stark ein. Gerade, wer sich auf etwas Neues einlassen will, muss positive Erwartungen trotz Verwundbarkeit und Ungewissheit haben. Und genau das kennzeichnet Vertrauen: mit anderen umzugehen, als ob alles gut geht, ohne die Gefahren zu leugnen.

Tag für Tag müssen wir die lähmende, allgegenwärtige Unmöglichkeit der absoluten Gewissheit und der perfekten Kontrolle angesichts der Gefahr von Ausnutzung, Übervorteilung und Vernichtung durch andere überwinden. Wenn es gelingt, gibt es neben den Gefahren vielfältige, lohnende Möglichkeiten in sozialen Beziehungen zu entdecken. Diese Universalproblematik betrifft alle Gesellschaftsbereiche und so taucht das Thema Vertrauen immer wieder an den verschiedensten Stellen auf.

Leider sind die Anlässe meist unerfreuliche Vertrauenskrisen, in denen die Vertrauensbereitschaft und die Vertrauenswürdigkeit verloren gehen. Dabei sind diese Krisen auch heute noch eher die Ausnahme. Wir leben (noch) nicht in einer vorwiegend vom Misstrauen geprägten Welt. Vielmehr gelingt es uns ganz alltäglich, Vertrauen zu schenken, ohne dass wir uns dessen jeweils bewusst werden. Vertrauen ist wie die Luft, die uns umgibt, und von der wir erst Notiz nehmen, wenn sie dünn wird.

Künstler können in ihrem Schaffen besonders deutlich erleben, welch kreative Kraft durch Vertrauen entfaltet werden kann. Schauspieler, Tänzer und Musiker, die einem Ensemble angehören, kennen das unangenehme Gefühl der Ungewissheit und Verwundbarkeit bei der Erarbeitung und Aufführung neuer Programme ebenso wie das transzendentale Gefühl des gelungenen Erschaffens von etwas Besonderem. Alle Künstler, deren Werke nur durch die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern und die Unterstützung der Menschen in ihrem Umfeld möglich sind, brauchen Vertrauen. Es muss ihnen geschenkt werden, weil das künstlerische Werk nicht planbar ist. Und die Künstler müssen selbst vertrauen können, weil auch der Beitrag der anderen nicht planbar oder gar vertraglich vollständig regelbar ist. Nur langweilige Wiederholungen eines Stückes oder Konzeptes lassen sich halbwegs kontrollieren. Das Neue ist in der Kunst stets ungewiss.

Wenn wir genauer verstehen wollen, wie Vertrauen funktioniert, dann merken wir, dass das Vertrauen selbst eine Kunst ist. Die Kunst des Vertrauens ist das „Aufheben“ von Ungewissheit. Aufheben hat hier eine Doppelbedeutung, wie bei Hegel, denn es ist ein Negieren und Aufbewahren zugleich. Wer vertraut, überwindet die Ungewissheit, doch er eliminiert sie nicht, denn die Zweifel bleiben im Hintergrund. Vertrauen hat immer gewisse Grundlagen, genauso wie ein Künstler bestimmte Techniken beherrscht, ist aber nicht auf diese Grundlagen zu reduzieren, sondern setzt sich davon ab.

In der wissenschaftlichen Forschung zum Thema Vertrauen ist der gemeinsame Bezugspunkt die Erklärung von positiven Erwartungen. Um diesen Kern herum lassen sich jedoch mindestens drei sehr unterschiedliche Perspektiven auf die Grundlagen, auf denen Vertrauen basiert, unterscheiden.

Die am weitesten verbreitete Perspektive zeigt Vertrauen als eine Frage der Vernunft und stellt den Vertrauensgeber als (begrenzt) rationalen Entscheider in den Vordergrund. In diesem Verständnis ist Vertrauen einer Wette ähnlich, ein kalkuliertes Risiko mit positivem Erwartungswert. Tatsächlich kann man allerdings erst von Vertrauen sprechen, wenn die Kalkulation mit Ungewissheit behaftet ist, die positive Erwartung aber trotzdem zustande kommt. Analog findet künstlerische Kreativität ebenso vor dem Hintergrund materieller Bedürfnisse und Restriktionen statt, muss sich aber vom Nutzenkalkül lösen können.

Die zweite wissenschaftliche Perspektive auf die Grundlagen von Vertrauen lenkt das Augenmerk darauf, dass Vertrauen häufig routinemäßig geschenkt wird und in vielen Situationen praktisch selbstverständlich ist. Man orientiert sich an den legitimen Regeln und Rollen, die alle Beteiligten kennen, handelt angemessen und geht davon aus, dass sich die anderen ebenso „normal“ verhalten werden. Doch ist das schon Vertrauen? Erst wenn jemand erwartet, dass sich die anderen selbst bei einem unvorhersehbaren Abweichen von einer Routine noch kooperativ verhalten, liegt Vertrauen vor. Auch in der Kunst gibt es Routinen, wie zum Beispiel Jazzstandards. Doch erst da, wo die Improvisation anfängt, die ja den Standard braucht, wird es künstlerisch interessant. Vertrauen ermöglicht nicht nur musikalische, sondern eben auch soziale Improvisationen mit hoffentlich meist erbaulichen, aber manchmal eben auch unerträglichen Ergebnissen.

Die dritte, in der Forschung weit verbreitete Perspektive zeigt Vertrauen als Ergebnis von Lernprozessen. Der Vertrauende macht Erfahrungen mit anderen und lernt daraus. So baut sich Vertrauen allmählich auf und bekommt eine immer festere Grundlage. Der Anfang einer solchen reflexiv gewachsenen Vertrauensbeziehung kann dabei ein Zufall gewesen sein. Doch auch hier ist kritisch anzumerken, dass das Motto „Es ist noch immer gut gegangen“ dem Vertrauenden zwar helfen mag, aber noch nicht den vertrauenstypischen Kern trifft: Auch wenn in der Zukunft unvorhersehbare, noch nicht erlebte Situationen auftreten sollten, erwartet man, dass der Vertrauensnehmer dies nicht opportunistisch ausnutzt.

Analog ist bei Künstlern zu beobachten, dass sie häufig gerade bei besonders innovativen Projekten auf vertraute Kooperationspartner bauen, weil sie erlebt haben, dass diese mit Ungewissheit kreativ und konstruktiv umgehen. Vertrauen braucht also Grundlagen, und es ist daher richtig und wichtig, „gute Gründe“ für Vertrauen zu identifizieren. Vertrauen muss jedoch stets über gute Gründe hinausgehen. Vertrauen muss enttäuscht werden können, obwohl der Vertrauende genau das nicht erwartet. Erst diese positiven Erwartungen trotz Verwundbarkeit und Ungewissheit können als Vertrauen bezeichnet werden.

Vertrauen eröffnet Möglichkeiten, kann aber auch scheitern und ist somit immer ambivalent: Es wird mit Verwundbarkeit assoziiert, aber zugleich auch mit positiven Erwartungen. Diese Ambivalenz ist oft nicht leicht auszuhalten, doch sie kann in der Kunst und auch in anderen Gesellschaftsbereichen eine Quelle von Kreativität sein.

Wer hingegen die Ambivalenz zu beseitigen versucht, indem er Kontrollsysteme aufbaut, welche die Kreativität des Vertrauens und der Kunst nicht mehr stützen, sondern behindern, der lähmt die Gesellschaft. Aber auch ein allzu blindes Vertrauen ebenso wie eine völlig losgelöste Kunst kann so grandios scheitern, dass die Beteiligten sich nicht so schnell davon erholen können und somit ähnlich gelähmt sind. Deshalb ist es wichtig, nicht zu vergessen, dass Ungewissheit und Verwundbarkeit nur „aufgehoben“ nicht aber vollständig beseitigt werden können.

Diese Ambivalenz von Vertrauen passt schlecht zu der sich in der heutigen Zeit unweigerlich aufdrängenden, effizienzorientierten Frage, ob Vertrauen denn auch den künstlerischen Erfolg fördert. Ist Vertrauen in der Kunst und in die Künstler eine lohnende Investition? Dies ist empirisch nicht nachgewiesen und auch kaum nachweisbar, da Erfolg in der Kunst nicht einhellig definiert und quantifiziert werden kann. Empirische Forschungen in anderen Bereichen weisen in der Regel positive Zusammenhänge zwischen Vertrauen und Erfolg nach. Die Kausalität ist allerdings oft uneindeutig. Bisweilen mag der Erfolg zu höherem Vertrauen führen und nicht umgekehrt. Dynamisch betrachtet, schrauben sich Erfolg und Vertrauen, Misserfolg und Misstrauen gegenseitig hoch beziehungsweise runter.

Es führt jedoch in die Irre, Vertrauen derart funktionalistisch zu betrachten. Vertrauen kann man nicht einfach nach Bedarf an- und ausschalten. Es ist eine emotionale Leistung, die man nicht einfordern kann, die aber starke Wirkungen hervorruft. Vertrauen ist die Kunst, positive Erwartungen zu haben, die über die guten Gründe hinausgehen. Und Künstler brauchen ein solches Vertrauen, um kreativ sein zu können.

Guido Möllering forscht am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Sein Buch „Trust: Reason, Routine, Reflexivity“ ist bei Elsevier erschienen.

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