Zeitung Heute : 21 Monate Leben

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Fortschritte bei der Behandlung von Lungenkrebs

Hartmut Wewetzer

Die Krankheit tut nicht weh, manchmal bringt nur der Zufall sie an den Tag. Eine Röntgenaufnahme beim Betriebsarzt zum Beispiel, mit der ein verdächtiger Schatten auf der Lunge festgestellt wird. Im schlechten, aber leider nicht ganz seltenen Fall kann sich Lungenkrebs dahinter verbergen. Weltweit sterben jedes Jahr rund 1,2 Millionen Menschen an Lungenkrebs, in Deutschland sind es knapp 40000, mehr als an jeder anderen Krebsart. Trotz mancher Fortschritte sind die Heilungschancen nicht besonders gut. „Etwa 15 Prozent der Patienten überlebt die ersten fünf Jahre, nachdem der Krebs festgestellt wurde“, sagt Professor Robert Loddenkemper, Krebsspezialist an der Berliner Lungenklinik Heckeshorn. Das ist etwa jeder siebte.

Aber es gibt neue, positive Entwicklungen, die das düstere Bild aufhellen. Denn es hat sich herausgestellt, dass Patienten mit Lungenkrebs davon profitieren können, wenn sie nach der Operation eine Chemotherapie bekommen. Lange Zeit hatte man geglaubt, diese Behandlung wäre sinnlos. Aber die „Chemo“ kann das Leben verlängern. Den Beweis liefert eine kanadisch-amerikanische Untersuchung, die nun im Fachblatt „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurde.

Behandelt wurden Patienten, die ein „nicht-kleinzelliges“ Bronchialkarzinom hatten, das sind etwa 80 Prozent der Fälle. Es handelte sich um Kranke, bei denen das Leiden noch in einem vergleichsweise frühen Stadium war. Die eine Hälfte der Patienten bekam eine Chemotherapie mit einer Kombination aus zwei Wirkstoffen mit Namen Cisplatin und Vinorelbin, die andere nicht.

Nach fünf Jahren lebten noch Zweidrittel der Kranken (69 Prozent), die die Krebsmedikamente bekommen hatten. Aus der Gruppe ohne Chemotherapie war nur gut jeder zweite (54 Prozent) noch am Leben. Das macht einen Unterschied von 15 Prozent. Klingt eher nach einem Trippelschritt. In der Lungenkrebsbehandlung aber sind 15 Prozent schon fast ein Siebenmeilen-Hüpfer. Mit Chemotherapie lebten die Patienten im Mittel 94 Monate, ohne waren es nur 73. „Ein riesiger Unterschied für ein Gebiet, in dem es bereits als Erfolg gilt, wenn eine Behandlung drei oder vier Extra-Monate für die Patienten herausschlägt“, kommentierte die „New York Times“.

„In Deutschland setzen die Fachkliniken die Chemotherapie nach der Operation bereits ein“, sagt der Berliner Lungenspezialist Loddenkemper. Allerdings müssen die Kranken Nebenwirkungen in Kauf nehmen, wenn sie sich für die Medikamente entscheiden. Darunter Müdigkeit, Übelkeit, Erbrechen, Nervenschäden und eine herabgesetzte Zahl weißer Blutkörperchen.

Trotz der Fortschritte bleibt die Behandlung der Krankheit sehr schwierig. Besser, man lässt es nicht so weit kommen, zumal es einen einfachen Weg gibt, um vorzubeugen: 80 bis 90 Prozent der Patienten sind oder waren Raucher. Wer gar nicht erst anfängt oder es schafft, mit dem Rauchen aufzuhören, der hat in den meisten Fällen mehr getan, als jede Therapie erreichen kann.

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