Zeitung Heute : 24 Jahre und 20 Minuten

Wie „Tookie“ Williams hingerichtet wurde

Christoph Marschall[Washington]

15 Zeugen waren anwesend, fünf hatte Stanley „Tookie“ Williams selbst aussuchen dürfen. In 24 Jahren Gefängnis – 1981 hatte ihn ein Gericht wegen vierfachen Mordes zum Tod verurteilt – war aus dem zornigen athletischen Schwarzen ein ruhiger 51-Jähriger mit grauem Stoppelhaar geworden, der Kinderbücher schreibt und versucht, Jugendliche von seinem Weg abzuhalten, einer brutalen Straßengang-Karriere. Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger hat Williams’ Gnadengesuch dennoch abgelehnt. Williams habe sich nicht für seine Taten entschuldigt.

Kalt und aseptisch wirkt die so genannte Todeskammer im Staatsgefängnis San Quentin, Kalifornien. Sie steht inmitten eines größeren Raumes: In hellem Grau sind ihre Stahlwände gestrichen, unter der Farbe sind die Nieten zu erkennen, die sie zusammenhalten. Durch dicke Glasscheiben können die Zeugen die Hinrichtung beobachten. In der Mitte der Kammer steht eine Liege, die an die fahrbaren Tragen von Rettungsärzten erinnert. Darauf wurde Williams am Montag gegen Mitternacht festgeschnallt. Ruhig und gefasst habe er gewirkt, sagen Anwesende. „Wir lieben dich, Gott schütze dich!“, haben seine Freunde gerufen.

Doch dann: Eine Krankenschwester hat Schwierigkeiten, die Vene zu finden und die Kanüle für die Giftspritze zu platzieren. Quälend lange 20 Minuten dauert, was sonst nach kurzem vorbei ist. Erst um 0 Uhr 35 wird der Tod festgestellt. Von unmenschlichem Todeskampf werden später manche Gegner der Todesstrafe sprechen. Eine andere Version schildert der anwesende Wärter Steve Ornoski.

Williams habe nicht gekämpft, und er sei freundlich gewesen, die Krankenschwester habe er gefragt, wie er ihr helfen könne. „Er machte einen deprimierten Eindruck.“ Das Gift wirkte dann rasch, als es endlich injiziert war.

In den langen Minuten davor, berichten andere Augenzeugen, habe Williams immer wieder den Kopf gehoben, in die Runde hinter den dicken Fenstern geschaut und Blickkontakt zu Bekannten gesucht. Einer der Wärter habe beruhigend seinen Arm gehalten.

Der Zwischenfall heizt die ohnehin gespannte Stimmung zusätzlich auf. Als Williams’ Freunde den Todestrakt verlassen, recken sie die Faust in die Luft, es ist der „Black Power“-Gruß. Es soll heißen: Hier ist einer hingerichtet worden, weil er schwarz ist. Draußen verbrennen Gegner der Todesstrafe US-Flaggen. Etwa 1000 haben sich vor der Strafanstalt eingefunden, aber auch eine Hand voll Befürworter. „Gouverneur Schwarzenegger ist selbst ein grausamer, kaltblütiger Mörder“, sagt die Sängerin Joan Baez. Diese Formel kehrt in den meisten Fernsehinterviews der Williams-Freunde am Dienstag wieder. Bei der Totenwache um Mitternacht hat Baez gesungen, auch andere Prominente sind gekommen, die Schauspieler Mike Farrell und Sean Penn, der schwarze Prediger Jesse Jackson.

Ganz andere Gefühle hat Laura Owens, die Stiefmutter eines der Opfer. „Williams hat die Strafe verdient. Zwei Mal hat er Albert in den Rücken geschossen. Als er um sein Leben bettelte, hat er bewusst ein zweites Mal abgedrückt.“ Williams hatte in den letzten Jahren seine Unschuld beteuert. Der Ablehnung des Gnadengesuchs hatte Schwarzenegger die Abschrift einer Zeugenaussage aus dem Gerichtssaal beigefügt; dort habe sich Williams seiner Morde gerühmt: „Ihr hättet hören sollen, was für Töne er von sich gab, als ich schoss“ – und dann gelacht.

Donald Archie, wie Williams früher ein Mitglied der Straßengang Crips, warnt heute Jugendliche vor den Gefahren der Bandenkultur. Er sagt nach der Hinrichtung: Jetzt geht unsere Arbeit erst recht weiter.

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