25 Jahre Mauerfall : Die Einheitsfeier - Ganz große Oper in Berlin

An der einstigen Mauer ist es ein bisschen so, wie es 1989 war. Hunderttausende feiern das Jubiläum und spüren: Das Ereignis ist größer als sie selbst. Ein poetisches Gefühl von Freiheit durchweht die Stadt. Erleben Sie noch einmal die Ereignisse - vom Brandenburger Tor bis zur East Side Gallery.

Eine Lichtgrenze, die nicht trennt, sondern vereint: Berliner und Neugierige flanieren entlang der Installation.
Eine Lichtgrenze, die nicht trennt, sondern vereint: Berliner und Neugierige flanieren entlang der Installation.Foto: Reuters

Brandenburger Tor

Wie sich die Bilder gleichen: Vor 25 Jahren, als die Mauer schon offen, aber das Brandenburger Tor noch geschlossen war, standen auf der Westseite, hinter der Mauer auf der Lauer, riesige Trucks, wendige Reportagecaravans, Scheinwerfer und Bündel von Parabol- und anderen Antennen. Die mediale Welt war nach Berlin gejettet und hatte auf der Westseite Posten bezogen, nächtelang: Wann kommt das Sesam-öffne-dich? Woanders strömten die Berliner längst hinüber und herüber, nur hier, am symbolträchtigen Tor, diesem steinernen Zeitzeugen deutscher Geschichte, tat sich nichts. Bis zum 21. Dezember.

Am Sonntag ist das Interesse nicht minder groß: Wieder stehen zig Übertragungswagen hinter einer weißen Wand am Rande des Tiergartens, diesmal haben sie Kräne und Sonderstudios aufgebaut, jeder möchte die besten Bilder und die feurigsten Interviews, der Stoff liegt gewissermaßen auf der Straße. Und jeder, der zum Bürgerfest gekommen ist, kann, wenn er nicht gerade aus Hongkong oder Barcelona stammt, seine Geschichte von damals erzählen: In der rechten Hand eine Zigarette, links eine Piccolo-Flasche Rotkäppchen – so steht Carolin mit Mutter Birgit und Schwester Kathleen in der Festmeile. Carolin, mit 30 Jahren die Jüngste, kann sich noch sehr gut an jene Stimmung erinnern, die es damals in der Schule oder in der eigenen Familie gab: „Irgendwie lag etwas in der Luft, eine Mischung aus Unruhe und Zuversicht. Wir spürten, dass etwas kommen sollte. Aber was? Keiner wusste, wohin es gehen wird, am wenigsten die Lehrer in der Schule. Nun ist es gut, wie es gekommen ist. Darauf Prost!“

Lesen Sie hier noch einmal die Ereignisse am 9. November in unserem Liveblog nach

Vor dem Brandenburger Tor feiern so viele Menschen, dass kaum Platz zum Tanzen und Mitwippen bleibt. Auf der Bühne singt Peter Gabriel untermalt von vielen Streichern „Heroes“ von David Bowie. Vielleicht der Song über die Berliner Mauer. Udo Lindenberg nimmt zur Feier des Tages auf der Bühne seine Sonnenbrille ab. Die Fantastischen Vier, die selbst gerade ihr 25. Bandjubiläum feiern, singen vor: „Wir bleiben Troy“, und die Menge singt mit.

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Berlin feiert den 9. November
Berlin feiert den 9. November

Dann richtet Berlins Regierender Bürgermeister das Wort an die Massen. Freiheit sei kein Geschenk, sie müsse erkämpft werden, sagt er noch. Dann erst sehen Hunderttausende, wie sich die 8000 erleuchteten Heliumballons, die auf 15 Kilometern entlang der einstigen Grenze aufgebaut waren, sich einer nach dem anderen langsam erhebt, die Grenze sozusagen in die Luft fliegt. Wie Seifenblasen verschwinden sie im Dunkel der Nacht. Zurück bleiben irdische Wünsche und Träume.

Gerade hier, umspült von den Klängen der 9. Symphonie Ludwig van Beethovens, die Maestro Daniel Barenboim dazu mit seiner Staatskapelle aufführt, wirkt Schillers Ode an die Freude so, als sei sie zu diesem Ereignis gedichtet worden: „Diesen Kuss der ganzen Welt …!“

Es ist wie Silvesterparty und das Sommermärchen in einem: „Da muss man einfach bei sein, wenn die Ballons inne Luft jehn“, sagt ein Mann und kämpft sich mühsam zu den Ballonpaten auf dem Mittelstreifen durch. Die hatten gerade ihre Botschaften an die Ballons gehängt, kleine runde Kärtchen, die nun irgendwer irgendwann irgendwo findet, vielleicht.

Ein einziges Wort genügte etwa Hans-Dietrich Genscher: „Frieden“. Michail Gorbatschow wünscht sich „keine neuen Mauern, die die Menschen voneinander trennen“. Und Astronaut Ron Garans Botschaft ins All lautet: „Wenn wir die Welt von oben betrachten, merken wir, dass wir alle gemeinsam in einem großen Raumschiff unterwegs sind, das wir Erde nennen. Der Fall der Berliner Mauer symbolisiert das Fallen von allen Mauern.“ Und Paten der Komischen Oper schrieben: „Wenn sich ein Vorhang hebt, steppt der Bär. Nicht nur im Theater, auch auf der Weltbühne. November 1989: Ganz große Oper!“ Lothar Heinke

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