Zeitung Heute : 285 Stufen steigen

Susanne Kippenberger

Wie eine West-Berlinerin die Stadt erleben kann

Bisher dachte ich immer, meine Macken reichen mir, sind ja genug. Jetzt hat meine Kamera auch noch welche. Einmal kriege ich den Film nicht rein, einmal transportiert der Apparat nicht, dann wieder springt er mittendrin auf Null zurück, und ich weiß nicht, ob jetzt alle Bilder vernichtet sind. Also bin ich zu Foto Meyer gegangen, und was sagen die mir? Dass mein Apparat eine Macke hat. Aber reparieren könnte man ihn nicht, dazu sei er zu alt. Zu alt?! Der stammt noch aus diesem Jahrhundert! Was ich dann nun tun soll, fragte ich den Fachmann an der Theke. Sein Ratschlag: Mit den Macken leben lernen.

Da ich meinen Fotoapparat so wenig wegwerfen mag wie mich selber, zeige ich mich lernfähig. Und siehe da: Es geht. Die Bilder werden was. Als Nächstes habe ich uns beiden einen Ausflug verschrieben, dorthin, wo die Menschen Kamera tragen: auf die Siegessäule. Neulich hatte ich nämlich Besuch von einer Freundin aus Köln, die die 285 Stufen dort hochgeklettert ist und ganz begeistert war von dem Blick, „viel besser als vom Reichstag!“. Nun muss ich gestehen, dass ich seit fünfzehneinhalb Jahren West-Berlinerin bin, sieben Fahrradminuten von der Siegessäule entfernt wohne, auch schon auf dem Funkturm war und fast auf dem Fernsehturm, wenn an dem Tag nicht gerade der Aufzug gestreikt hätte – aber auf der Siegessäule war ich noch nie.

Also los. Als Erstes dachte ich: Wer in den Himmel will, muss wohl durch die Hölle durch. Die Unterführung, die unter dem Kreisverkehr zur Insel führt, ist ziemlich widerlich, schmutzig, schummrig und stinkt. Viel besser wurde es auch nicht, als ich meine 2,20 Euro Säulen-Eintritt bezahlt hatte. Wie lieblos das alles wirkt, die Ausstellung im Erdgeschoss und der Aufgang, total beschmiert, die Stufen seit ewig nicht geputzt. Sicher, der Ausblick ist großartig – wenn man in die Ferne guckt. Bloß nicht nach unten. Da wird einem ganz schwindelig.

Erst aus der Ferne betrachtet, finde ich den in der Sonne golden leuchtenden Engel wieder wunderschön. Dann habe ich Bruno Ganz’ zärtlich raunende Stimme wieder im Ohr, als er, als Engel im „Himmel über Berlin“, um die Säule herumsegelte. Und bin versöhnt.

Siegessäule, aus keiner Himmelsrichtung zu übersehen, am besten aus der Ferne.

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