Zeitung Heute : „30 bis 40 Schulen pro Jahr“

Der Schauspieler Karlheinz Böhm leistet mit seiner Organisation „Menschen für Menschen“ in Äthiopien wertvolle Hilfe zur Selbsthilfe. Wie alles vor knapp 24 Jahren begann

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Herr Böhm, Sie sind 1981 zum ersten Mal nach Äthiopien gereist und haben ein Flüchtlingslager besucht. Warum?

Wenn ich es mit einem Wort sagen würde – Wut. Wut über die Diskrepanz zwischen arm und reich. Ich bin durch die 68er Bewegung in Frankfurt politisiert worden. Ich war damals 40 Jahre alt und sehr unpolitisch erzogen worden. Ich bin auf Rainer Werner Fassbinder zugegangen und habe mit ihm Filme gemacht. Diese revolutionäre Zeit hat mich tief beeinflusst und bewusster gemacht.

Wie kamen Sie auf das Thema Afrika?

1976 bin ich durch einen Theaterarzt in München nach Kenia geschickt worden, um mich auszukurieren. Ich war zum ersten Mal in Afrika und habe den netten Kellner im Hotel gefragt: „Wo wohnen Sie eigentlich“? Er hat gelacht, mir dann aber am nächsten Tag nach einer langen Fahrt mit dem Fahrrad im Busch sein Dorf gezeigt. Ich war fassungslos und habe immer mehr begriffen, dass wir nichts wissen. Schritt für Schritt habe ich mich für den Kontinent interessiert, bis dann 1981 die Einladung zur Sendung von „Wetten das?“ kam. Mit der Arroganz des Bühnenschauspielers wollte ich das erst nicht, aber dann fiel mir ein, was wäre, wenn ich die Menschen, denen ich in den 50er und 60er Jahren mit meinen Filmen eine Freude gemacht habe, anspreche und wette, dass sie mir nicht einmal eine Mark oder sieben Schillinge für Menschen in der Sahelzone geben würden. Die Wette habe ich verloren, aber es kamen in der ersten Nacht 1,4 Millionen Mark zusammen, inzwischen sind es 249 Millionen Euro in 24 Jahren geworden. Ich hatte mich entschieden, in der Sahelzone etwas zu machen.

Warum ausgerechnet Äthiopien?

Es ist eines der 16 Länder der Sahelzone. Ich habe die drei ärmsten der Welt besucht, Sudan, Tschad und Äthiopien. Die ersten beiden haben mein Angebot nicht angenommen. Der Botschafter Äthiopiens war sehr nett und hat mich eingeladen und wollte den Scheck. Aber ich wollte das selber regeln. Am dritten Tag bin ich zum äthiopischen Außenminister der Militärdiktatur gegangen, habe ihm die Neutralität von „Menschen für Menschen“ versichert und gesagt, die einzige Bedingung sei, dass er keine Bedingung stelle. Das hat gut funktioniert.

Wie haben Sie begonnen? Sie sind ja als Schauspieler nicht prädestiniert für die Arbeit als Entwicklungsexperte?

Ich habe mich schon als Schüler an Sokrates gehalten: „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Das war meine Basis. Ich bin auf die Menschen mit offenen Armen zugegangen und habe gelächelt. Das war mein einziges Wissen – und das Geld, das ich gehabt habe. Das hatte auch zur Folge, dass ich nicht als so genannter Entwicklungsexperte da runter gegangen bin. Ich wollte wissen, warum diese Menschen so arm sind. Können Sie sich vorstellen, dass da 1800 Menschen auf einem Fleckchen Erde lebten, ohne Toiletten und Wasser. Das waren Erlebnisse, die ich bis heute nicht verkraftet habe. Ich habe ein Tal mit einigen 100 Hektar Land eines ehemaligen Großgrundbesitzers sofort von der Regierung bekommen, hatte alle Freiheit und habe vier Dörfer dort aufgebaut. Nach 16 Jahren konnte ich das Projekt im Erer-Tal übergeben, aus den Halbnomaden wurden selbstständige Bauern. Ein Jahr später haben ich sie mit meiner äthiopischen Frau besucht – sie hat übersetzt – und plötzlich fing sie schallend an zu lachen. Dann hat sie übersetzt: „Karl, du bist nicht mehr der Jüngste, was wäre, wenn jeder von uns aus den 440 Familien pro Monat 25 Cent zahlt, dann kannst du dich doch bei uns zur Ruhe setzen.“ Das war kein Scherz. Das sagt sehr viel darüber aus, dass ich nicht nur der erste Ausländer bin, der die äthiopische Ehrenstaatsbürgerschaft bekommen hat und Mitglied einer äthiopischen Familie bin. Es hat auch damit zu tun, dass mich die Menschen in Äthiopien Abu Karl oder Karl nennen. Sie nehmen mich als einen der ihren an.

Nach welchen Kriterien haben sie ihre Projekte ausgewählt?

Das ergibt sich aus den sozialen Strukturen von Äthiopien. 82,7 Prozent der Gesamtbevölkerung sind Bauern und leben in einer unvorstellbaren Armut. Der äthiopische Bauer hat 25 Euro pro Monat für seine ganze Familie. Die Landwirtschaft liegt in der Entwicklung 2000 Jahre zurück. Der erste Bereich unserer Arbeit ist die Agroökologie. Jetzt bauen die Bauern auch Gemüse an, was sie früher nie getan haben. Die meisten Menschen können nicht lesen, schreiben und rechnen. Das hat dazu geführt, dass wir nicht nur kürzlich die hunderste Schule eröffnet haben, sondern uns entschlossen haben, unter dem Motto „Bildung ist Entwicklung“ jedes Jahr 30 oder 40 Schulen zu bauen.

Der Erlös des Balles hier in Berlin soll ja wieder einer neuen Schule zukommen. Wie viel kostet eine neue Schule?

Eine Volksschule kostet exakt 151 590 Euro, eine Hauptschule 236 363 Euro und ein Gymnasium 318 181 Euro. Ich hoffe, dass wir wenigstens eine Volksschule zusammenbekommen. Die Ausbildung beinhaltet noch Trainingszentren. Eines ist ein College geworden, wir bauen jetzt gerade das dritte Zentrum, wo Menschen mit Abitur auch noch eine berufliche Ausbildung bekommen. Mit das Wichtigste ist die Wasserversorgung, nicht einmal 20 Prozent der Äthiopier haben Zugang zu sauberem Trinkwasser. Wir haben bis jetzt 965 Wasserstellen gebaut. Eine Wasserstelle versorgt bis zu 3000 Menschen. Wichtig ist der Straßenbau: Dorf- und Waldstraßen geben den Menschen Zugang zu entfernten Gebieten. Bisher haben wir 8000 Kilometer gebaut. Die Gesundheitsversorgung ist ebenfalls ganz wichtig. Wir haben bisher in den verschiedensten Regionen 39 Krankenstationen gebaut, drei Polikliniken und drei große Krankenhäuser. In einer Region versorgt ein Krankenhaus mit 123 Betten 250 000 Menschen.

Wie entstehen die Projekte?

In vier Gebieten haben wir Projektregionen und Projektmanager. Drei Mal im Jahr besuche ich die Projektleiter vor Ort. Aus deren Berichten ergeben sich oft die neuen Projekte.

Finden Ihre Projekte Nachahmer?

Sie werden nicht nur in Äthiopien kopiert, sondern sogar die deutsche Regierung hat jetzt „Mit Bildung zu mehr Wirtschaftsentwicklung“ die Förderung des Bildungssektors in Äthiopien beschlossen. Darüber freue ich mich besonders.

Das Gespräch führte Rolf Brockschmidt.

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