30. Januar : Ein deutscher Tag

Der islamistische Präsident Ägyptens besucht Deutschland am Tag, an dem sich Hitlers Machergreifung jährt. Das bedeutet: Realpolitik mit einem Blick zurück.

Foto: Reuters

Auszug aus der Tagesordnung vom 30. Januar, Berlin: 9.30 Uhr Bundeskabinett im Kanzleramt. 10.45 Uhr Ausstellungseröffnung „Berlin 1933 – Der Weg in die Diktatur“ in der Gedenkstätte Topographie des Terrors. 12 Uhr Gedenkveranstaltung Deutscher Bundestag für die Opfer des Nationalsozialismus. 13.30 Uhr Empfang von Präsident Mursi (Ägypten) im Kanzleramt mit militärischen Ehren, anschließend Unterredung und Presseunterrichtung. 15.10 Uhr Tagung der Deutsch-Ägyptischen Wirtschaftskommission im Bundeswirtschaftsministerium. 16.30 Uhr Jahresempfang für das Diplomatische Corps im Kanzleramt. 18 Uhr Rede von Präsident Mursi in Berlin auf Einladung der Körber-Stiftung.

Ein Tag wie jeder andere, angefüllt mit Terminen von großer nationaler wie internationaler Bedeutung. Kein Tag wie jeder andere – wegen seiner nationalen Bedeutung. Und der internationalen außerdem. An dem Tag, an dem Deutschland des Wendepunkts ohnegleichen gedenkt, des Anfangs vom Ende, der Machtergreifung durch die Nazis, die zum monströsen Versuch der Auslöschung allen jüdischen Lebens durch Deutsche führte, kommt der islamistische Präsident Ägyptens zu Konsultationen nach Berlin. Vieles in seinem Reiseprogramm hat er gestrichen wegen der Lage in seinem Land, diesen Besuch nicht, weil Deutschland zu wichtig ist in Europa und der Welt. Nur 80 Jahre danach! Wenn das keine intellektuelle Spannung birgt.

Inge Deutschkron, die jüdische Berlinerin, die hier im Untergrund den Holocaust überlebte, nach Israel auswanderte, weil nach dem Krieg so viele Nazis wieder in Ämter kamen; die dann doch nach Berlin zurückkehrte – sie hält die Gedenk-, Bedenkrede. „Die Massen am Straßenrand rissen ihre Arme hoch dem Himmel entgegen und schrien ihre Begeisterung hinaus“, sagt sie. Inge Deutschkron. Es fügt sich in ihrem Namen etwas zusammen. Ihr Vater hatte noch im Ersten Weltkrieg das Eiserne Kreuz erhalten. Die Tochter spricht in der frei gewählten bundesrepublikanischen parlamentarischen Vertretung, dem international beachteten Gütesiegel einer Demokratie, wie sie es in dieser Stabilität auf deutschem Boden noch nicht gegeben hat. An einem vom Unrechtsregime friedlich zurückeroberten Ort, der für Meinungsfreiheit und politische Debatte steht, wo ordentlich gewählte Volksvertreter sich zusammensetzen zur Auseinandersetzung, immer wieder auch mit der Vergangenheit.

In die Gegenwart, zu Mohammed Mursi und seinen Gesprächen in Berlin. Der Präsident, ein Islamist, der in Ägypten nach der Rebellion ins Amt gekommen ist, durch Wahlen, zu denen internationale Beobachter nur vereinzelt und nur sehr spät zugelassen worden waren. Ein Islamist, der auf Videoaufnahmen von 2010 zu sehen ist, wie er gegen den jüdischen Staat zu Felde zieht, „die Zionisten“ als „Blutsauger“ und „Abkömmlinge von Affen und Schweinen“ bezeichnet. Mursi, dem sein Kabinett Sondervollmachten zubilligt. Der Mann der Radikalen, die der Opposition die Meinungsfreiheit nehmen und die Bürgerrechte einschränken. Gefahrlos ist in diesem fraktionierten Land die politische Debatte nicht möglich. „Ägypten braucht eine Deeskalation der Gewalt und einen ernsthaften politischen Dialog“, sagt der deutsche Menschenrechtsbeauftragte.

Den Dialog kann er bekommen. Denn viele Millionen will der Präsident, weil sein Land ohne Schuldenerlass vor dem Bankrott steht. Armut grassiert, Unmut nicht minder. Alles wird noch schlimmer, wenn Ägypten jedes Gespräch verweigert würde. Wäre das im deutschen Interesse? Im Interesse des deutschen Freundes Israel? Das gemeinsame Interesse ist, Frieden in Nahost zu schaffen und Demokratie, so weit wie möglich. Soll er kommen, Mursi, deshalb redet das veränderte Deutschland mit ihm. Und: Er will seine Haltung ändern, den Rechtsstaat garantieren, verspricht er jetzt in Berlin.

So ist das an diesem Tag, einem deutschen Tag. Er ist angefüllt mit Realpolitik im Sinne der eigenen, wieder erlernten, errungenen zivilisatorischen Werte. An diesem Tag in Deutschland ist der Dialog aufgeladen mit dem Blick zurück. Geführt wird er mit dem Blick nach vorn.

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