Zeitung Heute : 3582 Meilen

Amerika vor der Wahl, das ist nicht nur die Frage: Barack Obama oder John McCain? Denn Mickey sucht eine Frau, Stephen hört es spuken – und Virginia klagt über teures Benzin. Zufällige Begegnungen auf einer Reise von Kalifornien nach Florida.

Esther Kogelboom (Text) Daniel Stimberg (Fotos)

Beaver Dam,

Arizona, 673 Meilen

STEPHEN BUSENER, 18

STUDENT

KANAB, PARRY LODGE

Wenn ich mal richtig feiern will, fahre ich mit meinen älteren Freunden die drei Meilen in den Nachbarstaat Arizona, lade den Kofferraum voll mit Bier, und ab geht’s in die Berge. In Utah gibt es keinen Alkohol, weil die Mormonen nicht trinken. Ich trinke natürlich sowieso nichts, weil ich erst 18 bin. Aber wählen darf ich jetzt zum ersten Mal.

In Kanab ist der Hund begraben. Das Einzige, was man ohne Ende machen kann, ist wandern und klettern – aber wenn man jedes Wochenende zum Grand Canyon oder Bryce Canyon fährt, wird das schnell langweilig.

Die großen Zeiten von Kanab sind längst vorbei, die waren in den 50er und 60er Jahren, als sämtliche Western hier gedreht wurden und John Wayne am Pool der Parry Lodge mit schönen Frauen abhing. Damals hatte Kanab den Beinamen Little Hollywood. Wenn ich einen Western aus dieser Zeit sehe, weiß ich, wo genau er gedreht wurde. Schade, Dreharbeiten in Kanab hätte ich gern erlebt. Aber die Filme heute sind auch nicht schlecht: Zuletzt habe ich mir Mike Myers in The Love Guru angeschaut. Heute kann man wahrscheinlich sogar Monument Valley im Studio nachbauen, da muss kein Regisseur extra herkommen.

Ich studiere am Dixie State College Buchhaltung. Als Buchhalter kann man im ganzen Land arbeiten, egal wo. Ich träume davon, irgendwann nach Georgia zu gehen, wo es grüne Hügel, fruchtbares Land und tiefe Wälder gibt, und mir dort eine Zukunft aufzubauen.

Den Job an der Rezeption mache ich ganz gerne. Mich nervt nur das Gespenst. Angenommen, ich habe spätabends alleine Dienst: Bumm!, der Geist spukt wieder durch das leere Dachgeschoss. Meine Chefin hat ihn auch gehört und glaubt, das könnte einer der um seine Anteile geprellten Parry-Brüder sein.

Na ja, für Mormonen gehört es sich streng genommen nicht, an Geister zu glauben. Obwohl ich nicht mehr jeden Sonntag in die Kirche gehe, habe ich mir doch ein paar Grundwerte erhalten, zum Beispiel Ehrlichkeit. Mir ist wichtig, dass man sich auf jemanden verlassen kann. Nicht so toll finde ich, dass Mormonen zehn Prozent ihres Nettogehalts an die Kirche abzweigen müssen. Nimmt man ohnehin nicht viel ein, ist das eine ganze Menge.

Gestern Abend habe ich die Debatte zwischen Obama und McCain im Fernsehen gesehen. Mir hat McCain viel besser gefallen, weil er souverän wirkte. Eben wie jemand, auf den man sich verlassen kann.

Ich kann mir Barack Obama als Staatsmann nicht gut vorstellen.

John McCain bekommt meine Stimme, wenn er bis zum Wahltag keine größeren Fehler macht.

PATRICIA BIVINS, 21

TÄNZERIN

LAS VEGAS, LAS VEGAS BLVD.

Las Vegas bei Tageslicht ist kaum auszuhalten, so grell … Ich bin nur draußen, weil ich mich am späten Nachmittag ein paar Runden auf den Elektrobullen setzen soll, um die Kundschaft in den Club zu locken. Eine Frau in Tigerdessous und auf einem elektrischen Bullen. Die Leute stehen drauf. Aber mir ist schon ganz schlecht.

An diesem Ende des Las Vegas Boulevard sind sonst fast nur Wedding Chapels. Also nicht so die typische Kundschaft für die Tabledance-Bar, in der ich arbeite. Oder gerade eben doch. Manchmal ist es lustig, wenn auf der anderen Straßenseite gerade jemand heiratet, während ich den Bullen reite.

Bei der Arbeit nenne ich mich Roxanne, das gefällt den Typen, weil ihnen dann der Song von The Police einfällt: Roxanne, you don’t have to put on the red light …

Wie die meisten anderen jungen Tänzerinnen in Vegas bin ich eine „Eigentlich“-Frau. Eigentlich studiere ich Archäologie und verdiene mir mein Geld für die Uni. Ich tanze seit zwei Jahren, der Job ist scheiße, aber die Bezahlung ist in Ordnung. Bei mir zu Hause in Louisiana haben sie nur eine grobe Ahnung von dem, was ich treibe.

In der Archäologie interessieren mich die alten Ägypter am meisten. Wie gerne würde ich die Cheopspyramide und ein paar Mumien sehen! Aber egal, wir haben ja hier auch eine Pyramide, am anderen Ende des Strips stehen das Luxor-Hotel und -Casino. Niemand muss aus Las Vegas weg: New York ist hier nachgebaut, wir haben einen Eiffelturm und den Markusplatz von Venedig. Sogar Gondel fahren kann man.

Ich wähle McCain, weil Obama ein Jackass ist. Alle in meiner Familie wählen McCain aus dem einfachen Grund, weil wir Amerika lieben und Patrioten sind. Mein Vater und mein Großvater haben ihr ganzes Leben lang bei der Air Force gedient. Ehrenmänner wählen die Republikaner und verteidigen das Land.

Ich war auch bei der Air Force, als ich 17 war. Das geht, wenn die Eltern unterschreiben. Zwei Wochen lief die Sache, dann hat mich die Air Force wieder rausgeschmissen. Warum, sage ich nicht. Aber es muss irgendwo bei euch in der Nähe gewesen sein, Ramstein hieß der Ort, glaub ich.

Jetzt muss ich zurück an die Stange, meine Schicht ist noch nicht zu Ende, Freunde. Sie dauert bis vier Uhr nachts. Ich schlafe bis um zwei Uhr mittags, esse ein paar Pfannkuchen, und es geht wieder von vorne los.

San Francisco,

Kalifornien,

0 Meilen

Las Vegas,

Nevada, 581 Meilen

Hendersonville,

Tennessee, 2534 Meilen

Kanab, Utah,

781 Meilen

Elkmont,

Alabama, 2648 Meilen

Nashville,

Tennessee,

2554 Meilen

Cedar Key,

Florida, 3214 Meilen

Miami,

Florida, 3582 Meilen

Shiprock, New

Mexiko, 1054 Meilen

CELIA FORGETTE, 54, JOHN CRAMPTON, 59

GOLFPLATZ-ANGESTELLTE

BEAVER DAM, THE BEAVER DAM BAR

Celia: John und ich wurden vor vier Jahren von einem Freund verkuppelt. Eine Witwe und ein Witwer – das passt, hatte er sich überlegt. Seitdem wohnen wir zusammen in Beaver Dam, dem vergessenen Zipfel von Arizona.

John: Wir arbeiten auf zwei verschiedenen Golfplätzen hier in der Gegend. Ich kümmere mich um das Green, Celia verkauft Kaffee im Deli. Das Gras mitten in der Wüste zu pflegen, ist eine Herausforderung. Du musst düngen, düngen, düngen. Es geht dabei nicht immer streng biologisch zu.

Celia: Hauptsache, wir werden nicht krank. Wenn ich mir jetzt ein Bein brechen würde, wären wir finanziell am Ende, so ganz ohne Krankenversicherung. Ich muss noch vier Monate arbeiten, bevor ich mich über die Arbeit versichern kann.

John: Zur Not haben wir den Oldtimer, den dein Mann dir vererbt hat.

Celia: Das Ford Model A wird nicht angerührt, den Wagen sollen eines Tages meine Kinder bekommen!

John: Entschuldige. Wichtig ist doch bloß, dass wir in der Lage sind, etwas Geld zurückzulegen und nicht mehr von der Hand in den Mund leben müssen. Denk nur mal an unsere Rente.

Celia: Da wird mir angst und bange. Die Zeiten haben sich verändert: Mein Vater hat sich fast 50 Jahre für den Staat krumm gelegt, musste sich aber dafür um seine Rente keine Sorgen machen. Aber heutzutage ist nichts mehr sicher.

John: Es trifft nicht mehr zu, dass man hier aus eigener Kraft etwas aufbauen kann. Heute muss man die richtigen Leute kennen oder aus einer reichen Familie stammen. Der amerikanische Traum ist tot.

Celia: John, mäßige Dich! Wir lieben Amerika, unsere Heimat, doch immer noch. Aber diese Liebe verlangt uns eben einiges ab.

John: Wenn wir hier auf keinen grünen Zweig kommen, wandern wir nach Mexiko aus. Jetzt, da sogar die illegalen Mexikaner wieder zurück in ihre Heimat gehen, weil ihnen die Amerikaner die Jobs wegnehmen …

Celia: Du willst nur öfter mexikanisch essen.

John: Mäßige Dich!

DANIEL DAVIES, 35

SCHAUSPIELER UND MASSEUR

SAN FRANCISCO, ALAMO SQUARE

Der Alamo Square ist ein richtig netter Platz. Mein Hund darf so viel toben, wie er will, und ich rede dabei entspannt mit den Nachbarn. In San Francisco ist die Hippie-Bewegung auch im Jahr 2008 am Leben – was für mich gut ist, denn nur in Kalifornien gibt es die perfekte Infrastruktur für meinen Beruf: Ich bin Masseur, Berater für ganzheitliche Medizin und mache gerade eine Zusatzausbildung als Krankenpfleger.

Meine erste Ausbildung habe ich in London gemacht, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Ich war lange Musicaldarsteller. Aber das Problem ist: Zwischen zwei Engagements muss man kellnern, und diese Zeit kann ziemlich lang werden. Von Zeit zu Zeit vermisse ich die Bühnenluft. Außerdem bin ich natürlich immer noch Engländer, was bedeutet, dass ich in den USA keine legale Arbeit aufnehmen darf. Doch fortbilden und weiter qualifizieren darf ich mich. Das geht jetzt schon seit sieben Jahren so.

Mein Freund ist Spanier. Weil er Neurochirurg ist und man in Kalifornien gerade Neurochirurgen braucht, dauerte seine Einbürgerung gerade mal sechs Monate. Wenn er nicht so eine gut bezahlte Arbeit hätte, sähe mein Leben deutlich anders aus. Und in schwachen Momenten denke ich daran, nach England zurückzugehen. Aber ich liebe meinen Freund – und ich liebe auch Kalifornien, das neben Connecticut und Massachusetts der einzige US-Bundesstaat ist, in dem Homosexuelle heiraten dürfen. Jeder Staat entscheidet selbst darüber; manche erlauben eingetragene Partnerschaften. Das bedeutet: Wenn ich nach Nevada oder Idaho fahren will, muss ich immer erst nachschlagen, ob ich mich dort womöglich an der Grenze zur Illegalität bewege.

Barack Obama ist der einzige amerikanische Politiker, bei dem man noch einen Funken Gehirn erkennen kann, sagt mein Freund immer. Ich darf eh nicht wählen, aber wenn, würde ich meine Stimme Obama geben – obwohl seine Einstellung Schwulen gegenüber nicht so fortschrittlich ist, wie sie sein könnte. Er spricht nie offen von der Homo-Ehe, sondern immer nur von eingetragenen Partnerschaften. Wahrscheinlich will er es sich mit den Gottesgläubigen nicht verscherzen.

Für San Francisco würde ich mir wünschen, dass es eine bessere, kostenfreie medizinische Versorgung gibt für diejenigen, die am Rande der Gesellschaft leben. Wir haben hier ein großes Problem mit den Obdachlosen. Viele von ihnen sind psychisch krank. Wenn ich morgens früh durch die Innenstadt gehe, sehe ich diese Menschen überall auf Pappkartons in den Hauseingängen liegen, ein entsetzliches Bild. Für eine Gesellschaft bedeutet es nichts Gutes, wenn sie nicht fähig ist, sich um diejenigen zu kümmern, die es am nötigsten haben.

Adrian, Texas,

1522 Meilen

FRANCELIA BONNIE, 34

BURRITO-VERKÄUFERIN

FARMINGTON, PARKPLATZ VOR DEM WASCHSALON

Alle drei Tage stehe ich auf diesem Parkplatz und verkaufe Burritos. Kochen habe ich auf der Hauswirtschaftsschule gelernt. Die Mädchen lernen kochen, die Jungs werden Kfz-Mechaniker oder fangen bei der Straßenmeisterei an. Viel mehr Auswahl gibt es nicht in Navajo Nation, unserem Reservat.

Ich habe eine 17-jährige Tochter und zwei 15-jährige Jungs, Zwillinge. Der Vater der Tochter ist tot, den Vater der Jungs habe ich verlassen. Er hat krumme Dinger gedreht und gesoffen wie ein Loch. Ich habe immer noch ein Tattoo mit seinem Namen über dem Busen, wenn ich mal zu Geld komme, lasse ich es mir weglasern.

Als ich mit den Kindern alleine war, fing auch ich an zu trinken, merkte aber schnell, dass das ein Fehler ist. Eines Morgens beschloss ich, damit aufzuhören. Von da an habe ich keinen Tropfen mehr angerührt. Ich fahre meine Freunde jedes Wochenende in die Bar, warte, bis sie fertig sind, und dann bringe ich sie wieder zurück. Die meisten tödlichen Unfälle passieren durch Alkohol und Drogen am Steuer. Und deshalb kutschiere ich die Leute durch die Nacht. Ich bin ziemlich beliebt.

So lernte ich meinen jetzigen Freund kennen, auch er ist trocken und fährt seine Freunde rum. Eines Abends lief er auf dem Parkplatz auf mich zu und fragte nach einem Date. Seitdem sind wir zusammen. Aber ich habe vom Leben gelernt, erst nach zwei Jahren Beziehung zu heiraten. Nach zwei Jahren weißt du, mit wem du es zu tun hast.

Überall im Reservat gibt es laienhaft verplombte Uranminen, die Strahlen abgeben. Viele Menschen bekommen Krebs. Fast so schlimm ist die korrupte Polizei. Neulich haben die Cops einen erschossen, der betrunken gefahren ist. Nachher kam raus, dass der Fahrer noch nicht mal eine Waffe bei sich hatte. Der Polizist ist jetzt wieder zum Dienst angetreten, stand in der Navajo Times.

Manchmal träume ich mich weg. Das geht am besten mit den Geschichten von Tony Hillerman, dessen Krimis in Navajo Nation spielen.

Die Wahl? Haha. Interessiert mich nicht. Ich schaue keine Sendungen mit Politikern, da zappe ich sofort weiter. Wenn sich ein Navajo oder ein Apache zur Wahl stellen würde, wäre das was anderes.

Oklahoma City,

Oklahoma, 1832 Meilen

Little Rock,

Arkansas, 2169 Meilen

DEBBIE ONUKWUBE, 17

SCHÜLERIN

LITTLE ROCK, SOUVENIRSHOP

Ich darf blöderweise noch nicht wählen, weil ich erst 17 bin, und das bedaure ich wahnsinnig. Wenn ich könnte, würde ich meine Stimme Obama geben. Wem sonst? Er ist der erste Afroamerikaner, der es bis zum Präsidentschaftskandidaten gebracht hat – das muss ich ja hoffentlich nicht erklären. Allerdings teile ich nicht seine Meinung zum Thema Abtreibung, da bin ich als Katholikin strikt dagegen. Niemand hat das Recht, über das Leben anderer zu bestimmen, schon gar nicht über das eines ungeborenen Kindes.

Meine Eltern stammen aus Nigeria, aus Igaun, das ist eine Kleinstadt in der Nähe von Lagos. Ich würde sehr gerne einmal hinfahren, um meine Großeltern zu besuchen, die da leben. Vielleicht werde ich eines Tages dorthin zurückgehen. Jetzt werde ich die Schule abschließen und danach eine Ausbildung als Physiotherapeutin anfangen. Auf diese Idee kam ich, weil ich mal einen Unfall hatte und mir ein Physiotherapeut sehr geholfen hat.

Ich kann nur jedem empfehlen, Sport zu machen. Bei mir ist es Basketball, mein Team sind die Little Rock Belles. Nach einer schwierigen Saison sind wir gerade ziemlich erfolgreich. Wenn ich mir was wünschen dürfte, wäre das eine gemischte Mannschaft. Ich würde gern mal mit den Jungs zusammenspielen, dann würde das Spiel endlich einen Zacken härter.

Den Job hier im Souvenirladen mag ich. Er bringt Geld, das ich für mich ausgeben kann, ich darf Touristen Wissenswertes über Little Rock erzählen und in der Mittagspause gehe ich rüber zum Capitol Hotel, wo mein Vater arbeitet. Am liebsten verkaufe ich die Bücher, die dort drüben im Regal liegen. Sie handeln von den „Little Rock Nine“ – das waren die schwarzen Schüler, die sich 1957, fünf Jahre nach Aufhebung der Rassentrennung, an der High School eingeschrieben haben. Als Weiße sie daran hindern wollten, die Schule zu betreten, musste Präsident Eisenhower erst die Nationalgarde bestellen, um die Schwarzen zu schützen. Diese neun Schüler sind für mich Helden.

Viele meiner Mitschüler haben keine Ahnung und interessieren sich auch nicht für Geschichte. Die hängen unmotiviert herum und begreifen nicht, dass es für uns überhaupt nicht selbstverständlich ist, einen Zugang zu Bildung haben: Wir haben in Little Rock eine geniale Bibliothek, die Clinton Library, benannt nach Bill. Da muss man bloß reingehen – und schon erschließt sich einem das Wissen der Welt.

JOANN HARWELL, 50

BÄCKERIN, BILANZBUCHHALTERIN UND HAUSFRAU

ADRIAN, MIDPOINT CAFE

Meine Großmutter kam aus Deutschland. Sie war eine interessante Frau. Ihr Leben lang hat sie sich geweigert, Englisch zu lernen – aber ihre Schwarzwälder Kirschtorte war ein Gedicht. Das Backtalent und den unerschrockenen Pioniergeist hat sie mir vererbt. Als Feministin und Abtreibungsbefürworterin bin ich nämlich beileibe keine typische Texanerin.

Adrian mit seinen 160 Einwohnern mag so aussehen wie ein winziges Nest in der totalen Einöde, und das ist es ja auch irgendwie. Nur Staub, Wüste und der Highway. Aber das Gute an Adrian ist, dass Menschen aus aller Welt hierherkommen, weil wir am geografischen Mittelpunkt der Route 66 liegen. Egal, ob man aus Richtung Los Angeles oder Chicago kommt: In Adrian hat man die Hälfte hinter sich. Ungefähr jedenfalls, nachgemessen haben wir nie.

Die meisten Fremden, mit denen ich ins Gespräch komme, interessieren sich für meine politische Haltung. Alle denken, Texas sei traditionell in der Hand von Bush-Fans, und erwarten von mir patriotische Reden. Nein! George W. Bush ist ein Idiot, der den guten Ruf Amerikas auf dem Gewissen hat.

Entschuldigt die Kraftausdrücke, bei diesem Thema verliere ich schnell die Beherrschung. Dass wir in den Irak einmarschiert sind, ist ein Verbrechen. Saddam Hussein hatte mit den Anschlägen von 9/11 nichts zu tun. Ich sage das auch als Mutter dreier Söhne im Alter von 16, 19 und 21! Bush hat der ganzen Welt mit seiner Dummheit geschadet. Es wird Zeit, dass er endlich abtritt.

Im Moment kommt es mir so vor, als ob viele Amerikaner zum ersten Mal zweifeln: Vielleicht sind wir doch nicht die privilegierten Bewohner von God’s own country, für die wir uns immer gehalten haben. Ich habe zum Beispiel Bekannte, die Mühe haben, ihren Wocheneinkauf zu bezahlen.

Ich selbst mache im Prinzip drei Jobs: Morgens stehe ich in der Bäckerei und backe Kuchen, dann kümmere ich mich um das Café, bis meine Kollegin kommt, und nachmittags arbeite ich als Bilanzbuchhalterin im Saatguthandel. Abends kümmere ich mich um den Haushalt und meine Jungs, die leider total unpolitisch sind; ich weiß nicht, was ich falsch gemacht habe. Die Raten für mein Haus bezahle ich nach und nach ab. Ich versuche zu verdrängen, wie viel ich der Bank noch schulde. Es geht ja nicht anders. Aber hey, kein Grund, schlechte Laune zu kriegen!

TONY SHEFFIELD, 49

FARMER

OKLAHOMA CITY, NATIONAL STOCKYARDS

Auf dem Weg von Wewoka, wo meine 600 Hektar große Ranch liegt, zum Rindermarkt hier in Oklahoma City verlieren die Tiere vor lauter Stress deutlich an Gewicht – obwohl Wewoka nur 70 Meilen entfernt ist. Deshalb reise ich mit meinem Viehtransporter immer schon einen Tag früher an und nehme eine Nacht im Hampton Inn auf mich, damit die Rinder Zeit haben, sich zu erholen.

Hört mal: Die anderen Viecher muhen aufgeregt, nur meine warten ganz entspannt auf ihre Versteigerung. Und entspannte Rinder bringen deutlich höhere Einnahmen. Für den Preis gilt die Faustregel: Je schwerer, jünger und männlicher ein Rind, desto teurer bringe ich es an den Mann. Am besten geht die Sorte Crossbred Limousin.

Ist schon komisch – an der Wall Street brechen die Märkte zusammen, nur dem Fleischgeschäft geht es nach wie vor gut. Gegessen wird halt immer. Vor allem in den USA. Ich kann mich wirklich nicht beklagen.

Was mir am Farmerdasein so gut gefällt, ist, dass ich mein eigener Chef bin. Ich könnte niemals in einem Büro zwischen Akten und Papierstapeln sitzen. Draußen in der Natur zu sein, am liebsten zusammen mit meinem Vater, der bei uns lebt, ist für mich das Allergrößte. Ich habe eine 27-jährige Tochter und eine 18-jährige Tochter aus erster Ehe. Die beiden sind mein Ein und Alles. Mein Sohn, den ich mit meiner jetzigen Frau Paige hatte, wäre jetzt 14. Er ist vor zwei Jahren gestorben. Er hat sich mit seinem Quad überschlagen und sich das Genick gebrochen. Es war eine grauenvolle Zeit, aber man muss irgendwie weitermachen.

Mein Herz schlägt eher für die Demokraten, aber ich kann sie dieses Mal nicht wählen. Ich bringe es nicht über mich, meine Stimme jemandem zu geben, der sich geweigert hat, vor der amerikanischen Flagge zu salutieren. Man musste Obama erst darauf hinweisen, dass er sich ein Star Sprangled Banner als Pin ans Revers stecken soll! Du musst dieses Land aber lieben, um es zu regieren. Ich glaube, dass Obama das nicht mit jeder Faser tut. Er ist kein Patriot, sieht vieles zu kritisch. Außerdem wirkt er gegen jemanden wie McCain, der verletzt aus Vietnam zurückgekommen ist, wie ein unerfahrener Student.

Jetzt ist es langsam Zeit für das Cattlemen’s Restaurant. Dort treffen sich alle Farmer zum Mittagessen, die haben das beste Steak. Ich mag es medium rare.

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