Zeitung Heute : 3582 Meilen

VIRGINIA LAUDERDALE, 78 (links vorne)

RENTNERIN

ELKMONT, ALTER BAHNHOF

Jeden Mittag treffen wir Alten von Elkmont uns hier im stillgelegten Bahnhof und essen zusammen, das geht seit 1984 so. So haben wir was, auf das wir uns freuen können, auch wenn es bloß ein Mittagessen ist. Die Ehrenamtlichen holen uns mit dem Bus, kochen, machen alles wieder sauber und bringen uns wieder zurück nach Hause. Das ist einzigartig in der Gegend und zeigt, wie wichtig uns allen eine funktionierende Gemeinschaft ist.

Als die Tennessee and Central Alabama Railroad noch fuhr, war natürlich deutlich mehr los. Dafür kann man heute schöne Spaziergänge über den alten Bahndamm machen. Frag später mal den Kerl da drüben, der kann sich noch daran erinnern, wie Elkmont ans Stromnetz angeschlossen wurde.

Ich bin auf einer Baumwollplantage aufgewachsen. Baumwolle ist die große Sache hier, in Limestone County wachsen heute noch 60 000 Hektar davon. Als das älteste von 14 Kindern musste ich mich um den Haushalt und um die Geschwister kümmern. Zwischen uns liegt immer genau ein Jahr.

Gott hat mir vier Kinder, acht Enkel und acht Urenkel geschenkt. Nachdem mein erster Mann gestorben ist, habe ich wenig später wieder geheiratet. Es tut nicht gut, alleine zu sein.

Die Sorgen nicht mit ins Bett nehmen, immer vor dem Schlafengehen klar Schiff machen – das gebe ich meinen Kindern und Enkeln und Urenkeln mit.

In Elkmont ist die Welt heil. Von den großen Krisen wie jetzt der Finanzkrise hören wir nur im Fernsehen. Wir spüren die Folgen aber im Kleinen: Zum Beispiel habe ich dieses Jahr für 400 Gallonen Propangas 1200 Dollar bezahlt. Das ist eine ganze Menge. Vergangenes Jahr hat dieselbe Menge nur 800 Dollar gekostet. Und auch die Benzinpreise spotten jeder Beschreibung. Zum Glück muss ich nicht mehr so weit fahren. Ich setze mich nur noch für kurze Strecken ins Auto und auch nur noch tagsüber, weil meine Augen in letzter Zeit schlecht geworden sind.

Für Politik interessiere ich mich nicht. Wenn man so alt ist wie ich, hat man schon einige Präsidenten kommen und gehen sehen: Roosevelt, Truman, Eisenhower, Kennedy … Barack Obama soll ja der neue Kennedy sein. Hm, ich weiß nicht.

Lassen Sie es mich so sagen: Wenn Obama die Wahl gewinnt, würde mich das nicht überraschen. Ob ich allerdings wirklich wählen gehe, weiß ich noch nicht. Ich entscheide mich kurz vor dem Wahltag, aus einem spontanen Gefühl heraus.

Mein Glaube bedeutet mir sehr viel mehr als die Politik. In Elkmont gibt es nur eine Kneipe, aber fünf Gotteshäuser zur Auswahl. In welche Kirche ich gehe, hängt davon ab, welche mein Mann bevorzugt.

Wir haben einen großen Gemüsegarten und Obstbäume. Im Notfall, wenn die ganz große Krise käme, wären wir autark und könnten andere mitversorgen. Bei uns wächst alles, was man sich so vorstellen kann: Wassermelonen, Erdnüsse, Tomaten, Bohnen, Salat. Aber ein Garten macht viel Arbeit, und ich kann mich nicht mehr so gut bücken. Warum für manche Leute das Gärtnern eine Art Hobby ist, bei dem man sich entspannen und Spaß haben soll, das kann ich wirklich nicht verstehen.

BRAD SHORT, 45, CECIA HERNANDEZ, 26

MANAGER UND SEINE KÜCHENHILFE

NASHVILLE, LOVELESS CAFE

Brad: Cecia kommt aus Puerto Rico.

Cecia: Nein, Mann, aus El Salvador. Seit zehn Jahren arbeite ich in Nashville für meine Einbürgerung …

Brad: Die permanente Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis.

Cecia: … aber es will nicht klappen. Mehrmals im Jahr muss ich mich den Behörden vorstellen, um meinen good moral character unter Beweis zu stellen. Ich habe mir wirklich nichts zuschulden kommen lassen, bin Mutter zweier gut erzogener Kinder, aber es gibt immer irgendeinen Grund dafür, mich noch nicht US-Bürgerin werden zu lassen. Mein Mann, der ebenfalls aus El Salvador stammt, leidet auch darunter. Bei anderen Paaren geht das Einbürgerungsverfahren viel schneller, manchmal dauert es nur fünf Jahre. Das frustriert mich. Es ist ungerecht.

Brad: Dabei backst du die besten Biscuits der Welt und sprichst gar nicht schlecht Englisch. Wenn es nach mir ginge, wärest du längst Amerikanerin – wie die anderen eine Million Menschen, die jedes Jahr amerikanische Staatsbürger werden.

Cecia: Das ist nett von dir, Brad. Danke. Leider hast du nicht darüber zu entscheiden. Nicht ohne Grund hat die Chefin mir das Geheimrezept für die süßen Brötchen und die hausgemachten Marmeladen anvertraut. Die Mischung wird von Generation zu Generation weitergegeben. Ich bin verschwiegen wie ein Grab. Meine Lippen sind versiegelt.

Brad: Es ist ungerecht, dass jemand wie du nicht wählen darf.

Cecia: Das würde ja doch nichts ändern.

Brad: In Tennessee wahrscheinlich wirklich nicht. Wir wählen traditionell konservativ. Deshalb gibt es in Tennessee auch kaum Wahlkampfveranstaltungen. Es würde sich sowieso nicht lohnen. Seltsam: Nach Berlin fliegt Barack Obama, aber im Loveless Cafe hat er sich bis jetzt noch nicht blicken lassen. Dafür waren Paul McCartney und Al Gore schon mal hier.

Cecia: Ich muss mal nach den Biscuits schauen. Riechst du das auch?

MICKEY THOMPSON, 41

SUPERMARKTMANAGER

CEDAR KEY, MARKET AT CEDAR KEY

Auch, wenn alles darauf hindeutet: Ich bin kein Metzger. Ich bin Mädchen für alles, räume Waren in die Regale, nehme Vorbestellungen entgegen. Was immer getan werden muss, damit der Laden läuft, ich tue es. Bin froh, dass ich Arbeit habe. Als ich vor einem halben Jahr aus San Luis Obispo, Kalifornien, nach Cedar Key gekommen bin, hatte ich so gut wie nichts mehr.

Zu Hause habe ich als selbstständiger Schreiner gearbeitet. Mein Spezialgebiet war das Sanieren von älteren Häusern. Wenn es irgendwo reingeregnet hat – und es regnet oft in Kalifornien – haben die Leute mich gerufen. Dachdecken und ausbessern kann ich halt. Aber dann lief es plötzlich nur noch schlecht. Das sind keine Zeiten, in denen die Leute ihre Häuser sanieren, geschweige denn neue bauen. Im Gegenteil: Sie verlieren ihre Häuser, weil die Banken ihre Kredite kündigen. So hängt alles mit allem zusammen.

Ich selbst habe in San Luis Obispo lange in einem Trailer gewohnt, das war nicht schön, aber okay. Irgendwann beschloss mein Vater, hierher überzusiedeln, weil er in Cedar Key ein bisschen Land geerbt hat. Ich folgte ihm, und wir bauten zusammen das Hausboot, auf dem wir jetzt zusammen wohnen.

Mein Leben ist in Ordnung, aber wenn ich ganz ehrlich bin, träume ich davon, wovon jeder Mann träumt: Ich hätte gerne eine eigene Familie, Frau und Kinder, und ein eigenes Haus. Aber bis jetzt hat sich nichts ergeben.

Klar, gehe ich wählen, das ist die verdammte Pflicht und Schuldigkeit eines jeden Staatsbürgers. Bush ist ein Loser. Ich kann mich mit keinem der beiden Kandidaten richtig anfreunden. Weder Obama noch McCain hat ernsthaft vor, unsere Truppen aus dem Irak abzuziehen, nicht wahr? Die Jungs sterben da in irgendeinem Land wie die Fliegen – und niemand unternimmt was. Ein Skandal ist das. Am sinnvollsten scheint mir noch, meine Stimme der Green Party zu geben. Die meiste Angst habe ich eindeutig vor der drohenden Klimakatastrophe. Wenn nämlich die Polkappen schmelzen und der Wasserpegel dramatisch ansteigt, dann ist Cedar Key sicher als Erstes weg. Und das wäre besonders schade, denn dies ist ein schönes Fleckchen Erde. Abgesehen von der Mückenplage.

Unsere Reporterin Esther Kogelboom lernte während der dreiwöchigen Reise von Küste zu Küste Frühstückseier in allen möglichen Variationen kennen: gekocht, gebraten, frittiert, pochiert – sogar mit Bratkartoffeln,

Bacon und Sauce Hollandaise bedeckt.

Nicht immer schaffte sie die ganze Portion.

LARRAN SMITH, 36

MUSIKLEHRER

HENDERSONVILLE, MUSIKSCHULE

Viele denken, zum Gitarrespielen braucht man zwingend Talent. Ich bin nicht dieser Meinung. Ich darf nicht an Talent glauben – für einen Gitarrenlehrer wäre das eine geschäftsschädigende Einstellung. An der Hendersonville Music School wird fleißig geübt, ohne den Spaß aus den Augen zu verlieren. So will es die lange Tradition dieser Stadt. Außerdem hat Gott jeden gleich geschaffen, es kommt nur darauf an, was man daraus macht.

Nehmen Sie meinen Bruder Ladd. Der hat so lange geübt, bis er Guitar Hero 2007 wurde. Er hat einfach mal so den wichtigsten Gitarrenwettbewerb der Vereinigten Staaten gewonnen. Ich gönn’s ihm.

Viele Countrygrößen wohnen in Hendersonville, zum Beispiel Marty Stuart und Connie Smith. In Nashville ist es denen zu laut. Hier aber leben sie nur eine halbe Autostunde von den wichtigen Plattenfirmen und den Clubs entfernt, sind aber trotzdem an der frischen Luft.

Auch June Carter-Cash und Johnny Cash hatten ihr Holzhaus in Hendersonville am Old-Hickory-See. Jetzt liegen sie auf dem Memorial-Gardens-Friedhof, und das Haus ist abgebrannt. Barry Gibb von den Bee Gees hatte es gekauft und wollte es renovieren lassen, um selbst einzuziehen. Vielleicht hat sich das Haus dagegen gesträubt. Roy Orbison und Conway Twitty wohnten um die Ecke.

Meine Eltern machten auch Musik, sie gehörten zu einer fahrenden Gruppe von Künstlern. Als Kind war ich immer unterwegs. Wir tourten durch ganz Amerika, es reichte zum Leben. Für mich als kleinen Jungen war das oft ganz schön nervig. 1983 beschlossen meine Eltern dann, dass die Familie künftig an einem Ort bleiben soll. Sie eröffneten den Gitarrenladen nebenan – Argill’s Music Store – was für Hendersonville nicht so eine originelle Geschäftsidee ist.

Wir wollen hier den Nachwuchs fördern. Sehen Sie die Monitore da drüben an der Wand? Dort können die Eltern der Schüler beobachten, was in den Unterrichtsräumen vor sich geht, damit erst gar kein falscher Eindruck entsteht. So was ist wichtig in den USA.

Meine beiden Töchter spielen lieber Fußball als Gitarre, die ältere ist 16 und gerade in ein Entwicklungsteam für die nächsten Olympischen Spiele aufgenommen worden. Es muss nicht jeder Musiker werden.

Ich sage es Ihnen, wie es ist: Ich habe noch nicht einmal in meinem Leben gewählt. Politiker sind auch bloß Entertainer, die ihre persönlichen Ziele verfolgen, und ich traue denen nicht über den Weg. Die können sowieso nichts verändern. Stattdessen versuche ich, meine kleine Welt zum Besten zu gestalten. Nur, wenn das jeder Amerikaner tut, verändert sich das Land. Positives Denken! Das Glas ist halb voll!

Es ist wie mit der Harmonielehre, die ich meinen Schülern predige. Ein falscher Ton, und das komplette Stück klingt furchtbar. Es geht darum, die Dissonanzen aufzuspüren, um sie zu beseitigen.

MILTON DAVILA, 44

RETTUNGSSCHWIMMER

MIAMI BEACH, STRAND

Oh nein, bitte bleibt von meinem Häuschen weg, ich hab nicht aufgeräumt! In Wirklichkeit ist das Leben eines Rettungsschwimmers nur halb so glamourös wie im Fernsehen.

In Ordnung. Ich gebe es zu: Es gibt wahrlich Schlimmeres, als den ganzen Tag am Strand zu sein. Den Job mache ich mittlerweile seit 15 Jahren – vier Tage die Woche je zehn Stunden. Heute Morgen zum Beispiel ist es ziemlich angenehm, weil kaum was los ist: Sonntag, keine hohen Wellen. Das bedeutet wenig unübersichtliche Gischt und keine jungen Leute, die feiern wollen. Nur friedliche Familien aus dem Ritz Carlton, die gerade vom Frühstück kommen und ihre Bäuche in die Sonne legen. Trotzdem kann ich noch lange nicht in Ruhe den Miami Herald lesen – ich schaue ständig aufs Wasser.

Wenn jemand in Gefahr ist, erkenne ich das daran, dass derjenige auf den Wellen hüpft wie ein Flummi. Ein guter Schwimmer würde unter Wasser gehen, durch die Wellen tauchen oder ihnen mit kräftigen Zügen davonschwimmen. Die meisten Einsätze werden aber nicht von schlechten Schwimmern ausgelöst, sondern von Touristen mit Sonnenstich.

Ausgerechnet hier in South Beach zu arbeiten, an einem der berühmtesten Strände der Welt, ist schon etwas Besonderes. Jeder will hierher. Auch ich bin aus Fort Lauderdale gewechselt, weil man in Miami mehr Geld verdient. Jedes Jahr steigt das Gehalt automatisch um drei Prozent an, in welchem Beruf hat man das denn sonst schon?

Alle hundert Meter steht hier eines der bunten Häuschen, in denen wir sitzen. Natürlich gibt es beliebte und unbeliebte. Jedes Jahr wird neu entschieden, wer in welchem sitzen darf. Das Unbeliebteste ist an einem Strandteil, wo immer viel gefeiert wird: Alkoholleichen wiederzubeleben, das ist eine unangenehme Aufgabe. Wer welches Häuschen bekommt, wird nach Alter entschieden. Der Älteste hat freie Auswahl. Mit meinen 44 Jahren gehöre ich ganz klar zu den Opas im Business: Das Rentenalter für Lifeguards beträgt 55.

Ich stimme auf jeden Fall für Barack Obama, das ist keine Frage. Erstens weil ich aus Puerto Rico stamme. Auch Obama hat ausländische Wurzeln. Zweitens habe ich lange genug unter dem doppelten Bush gelebt: Jebb Bush, George W.s Bruder, war in Florida von 1999 bis 2007 Gouverneur. Dann das peinliche Drama um die Wahlmaschinen 2000, es war nicht auszuhalten. Ich bin froh, dass wir jetzt wieder Stimmzettel aus Papier haben.

Ich hoffe, dass sich mit Obama etwas ändert und mehr Geld in das Schulsystem investiert wird. Wir brauchen kleinere Klassen, damit Kinder aus Einwandererfamilien besser gefördert werden. Auch die Lehrer sollten besser bezahlt werden: Ich habe eine vollständige Ausbildung als Mathelehrer. Aber als Rettungsschwimmer verdiene ich mehr.

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