Zeitung Heute : 40 000 Kilometer Hoffnung

Hans Monath

Der Airbus heißt ausgerechnet "Konrad Adenauer", und in diesen Tagen wirkt das wie eine Erinnerung an Zeiten, als die deutsche Demokratie noch jung und vor allem unselbstständig war. "Outside Temperature minus 56 degree Fahrenheit" zeigt der Bildschirm in der Passagierkabine meist, dazu die Reiseflughöhe: 35 000 Fuß. Auf die blaue Tafel mit den frostigen Zahlen folgt in schnellem Wechsel eine elektronische Karte; die rote Linie zeigt den Weg der Regierungsmaschine: Außenminister Joschka Fischer ist unterwegs, im Anflug auf Islamabad, auf Duschanbe, auf Berlin, auf Riad, auf Teheran, auf Paris, auf Tel Aviv, schließlich wieder auf Berlin. Ist das der neue Wirkungskreis von Adenauers alter Republik?

Zum Thema Online Spezial: Terror und die Folgen
Themenschwerpunkte: Gegenschlag - Afghanistan - Bin Laden - Islam - Fahndung - Bio-Terrorismus
Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags In diplomatischer Mission hat Joschka Fischer in acht Tagen Zehntausende von Kilometern zurückgelegt, und fast ganz am Ende dieser langen Reise, in Tel Aviv und in Gaza-Stadt, wartet die ganze Zeit über die schwierigste Aufgabe auf ihn. "Das wird was nächste Woche", hatte der Minister schon vorvergangenen Donnerstag geahnt, als der Luftwaffen-Airbus auf dem Weg nach Islamabad gerade den Süden des Iran überquerte. Auf dem Bildschirm über dem Mittelgang, dessen unschuldiger Rechner keinen Krieg und keinen gesperrten Luftraum kennt, erschienen da gerade die Entfernungsangaben zu großen afghanischen Städten. In manchen von ihnen schlugen zu diesem Zeitpunkt Bomben und Raketen ein: "Kandahar 443 Miles", "Herat 883 Miles".

Nachrichten über den Wolken

Schon auf diesem ersten Flug entlang der afghanischen Grenze nach Pakistan erreichten den Minister Anrufe mit Nachrichten über noch mehr Tote im israelisch-palästinensischen Konflikt, der nach der Erschießung des Hardliner-Ministers Seewi und dem Vorstoß des israelischen Militärs in die autonome palästinensische Zone in eine Art Vorkriegsstadium gerückt war. Lange vor dieser Zuspitzung hatte Fischer seine Tour zur Stabilisierung der Anti-Terror-Koalition in drei Etappen geteilt: zuerst Pakistan und Tadschikistan, zwei unmittelbare Nachbarn Afghanistans, auf deren Gebiet Tausende von Flüchtlinge drängen; zwei islamische Staaten aber auch, die beim Ringen um Afghanistans Zukunft unterschiedliche Ziele verfolgen. Dann Saudi-Arabien und Iran: Elementare Sicherheitsinteressen der Regierung in Teheran hängen von Afghanistans Zukunft ab. Die Hüter der heiligen Stätten Mekka und Medina wiederum verfügen über viel Einfluss und Finanzmacht, die auch humanitäre Hilfe ermöglichen könnte. Zuletzt Israel und die palästinensischen Gebiete. Die Eskalation der Gewalt dort liefert vor allem jenen Islamisten Propagandamaterial, die wie in Pakistan ihren mit den USA verbündeten Regierungen Verrat an der eigenen Religion vorwerfen.

Es ist fast unmöglich, auf dieser Reise den Innenpolitiker Fischer zum Reden zu bringen, wenn der sich, beispielsweise, auf dem Flug von Teheran nach Paris zwischen die Journalisten setzt. Auch wenn seine Partei in Berlin vor einer schweren Entscheidung steht, doziert Fischer in diesen Tagen lieber über das zweite Kalifat oder die "Hadsch" (die Pflicht der Moslems, nach Mekka zu reisen) als über Strategieprobleme der Grünen. Der ewige Autodidakt vertieft sich gerade in ein Werk über Mohammed. Es scheint, als habe für Fischer, den Linken, der sich aber nie ganz vom Katholizismus entfernt hat, der Glaube einen anderen Stellenwert gewonnen: Spätestens seit dem 11. September ist klar, dass mit dem Islam eine Weltreligion zum Faktor globaler Sicherheitspolitik geworden ist.

Deshalb ist es auch keine billige Propagandamasche, wenn Fischer auf der ersten Station der Reise im pakistanischen Islamabad nach dem Treffen mit dem Militärherrscher Pervez Musharraf sagt: "Der Islam ist die Religion des Friedens", was auf die vielen pakistanischen Journalisten offensichtlich Eindruck macht. Der deutsche Minister lobt die Politik von Musharraf, der noch vor kurzem als persona non grata galt. Aber nun scheint Fischer der gefährdete Weltfrieden als die größere Bedrohung der Menschenrechte, verglichen mit den Vergehen eines Militärherrschers. "The answer to terror must be a dialogue of cultures and civilizations", sagt Fischer bei der Gelegenheit und schlägt damit den Ton an, der für den Rest seiner Reise bestimmend sein wird: "Die Antwort auf den Terror muss der Dialog der Kulturen sein."

Ein Duft wie Myrrhe

In der saudi-arabischen Hauptstadt Riad ist Fischers Rolle im Nahost-Friedensprozess nur hinter geschlossenen Türen gewürdigt worden: im Königspalast, in dem ein schwerer süßlicher Duft wie Myrrhe die Deutschen empfing. Durch eine Tür von enormen Ausmaßen geht es in einen Saal, in dem ein Springbrunnen plätschert. Der Audienzsaal dahinter ist voll von Gestalten in unterschiedlichster, farbenfroher Kleidung. Am Ende der Halle sitzt König Fahd, neben dem Monarchen, der schwer krank ist, eine Reihe von Prinzen. Auf der anderen Seite nehmen die deutschen Gäste auf einem großen, golden bestickten Sofa Platz. Da haben sie durch die unvorhersehbare und selten ausgesprochene Einladung des Monarchen schon die symbolische Anerkennnung gewonnen, die ihnen für künftige Kontakte mit Arabien wichtig ist. Aber die deutschen Pressefotografen bleiben ausgesperrt.

Die Iraner, die ihren Staat als islamische Modelldemokratie verstehen, gehen anders mit der Öffentlichkeit um: Im Empfangssaal des Außenministeriums in Teheran mit meterhohen Kristallleuchtern und lindgrünen, bodenlangen Teppichen verkündet Minister Kamal Charrazi vor laufenden Kameras, ohne einen gerechten, dauerhaften Frieden in Nahost werde sich weiterer Terror nicht verhindern lassen. Über dem Durchgang der Doppeltür, vor der Fischers und Charrazis Rednerpult aufgebaut sind, hängen die gerahmten Fotos des Revolutionsführers Chomeini, seines Nachfolgers Chamenei und des reformorientierten Präsidenten Chatami.

Auf dem Flug von Teheran nach Paris, wo Fischer bei den deutsch-französischen Konsultationen berichtet, wird der Außenminister wieder nach seiner und der europäischen Rolle im Nahost-Friedensprozess gefragt: "In schwieriger Situation einen positiven Prozess einleiten", heißt die Antwort. Sie ist genauso unkonkret wie die Auskünfte seiner Mitarbeiter, die nur keine großen Erwartungen aufkommen lassen wollen. Schließlich landet der Airbus, was bei der Planung niemand wusste, ausgerechnet an jenem Donnerstag in Israel, an dem Ariel Scharons Ultimatum an Arafat ausläuft: Zehn Palästinenser, die Israel für die Mörder des Ministers Seewi hält, sollen die Autonomiebehörden übergeben, wenn sie nicht selbst als terroristische Gruppe behandelt werden wollen.

Wie die Iraner erwarten auch die Saudis eine Vermittlerrolle von den Deutschen, obwohl sie doch eigentlich als beste Verbündete der Amerikaner gelten. Aber vielleicht sind die Hightech-Hochhäuser, die grellbunten zweisprachigen Reklametafeln, die Highways, Cadillacs und Range Rovers eben doch nur die Oberfläche. Wenn der TV-Sender Al Dschasira die Videos von bin Laden ausstrahlt, sind die Caféhäuser gefüllt mit begeisterten Jugendlichen wie sonst nur bei Fußballübertragungen. Unter der Oberfläche gibt es offenbar etwas viel Wichtigeres, das die Amerikaner nicht verstehen. Denn sonst müssten Mitglieder der saudischen Königsfamilie den Deutschen gegenüber nicht Klage führen über diesen politischen Stil, bei dem ein amerikanischer Freund anreist, gar nicht zuhört, sondern eine Liste vorlegt mit Forderungen: eins, zwei, drei, das wollen wir haben ...

Staffel-Diplomatie

So zumindest hören es die deutschen Außenpolitiker, und es klingt in ihrer Wiedergabe auch ein bisschen Stolz darüber durch, dass sie selbst einen anderen Stil pflegen. Wer sich viel Mühe gibt, findet auf dieser Reise auch zwischen Fischers Erklärungen manchmal Bemerkungen, die wie ein mahnender Ratschlag an die Führungsmacht wirken, etwa wenn er auf der Pressekonferenz in Islamabad fordert, eine Strategie für die Zeit nach dem Krieg in Afghanistan zu entwickeln. Die UN-Botschafterin der USA, Nancy Soderberg, hat ihr Land soeben davor gewarnt, der Militäreinsatz werde scheitern, wenn nicht bald ein Konzept für die Nach-Taliban-Ära vorliege.

Doch das ist eine Diskussion, die deutsche Diplomaten nicht öffentlich austragen wollen, weil manche darin eine Spaltung jener Anti-Terror-Allianz um die USA sehen würden, zu der sich Fischer auf jeder Station seiner Reise laut und deutlich bekennt - auch im Iran, dessen Politiker die Angriffe auf Afghanistan entschieden ablehnen. Den getroffenen Bündnispartner nicht kritisieren, sondern unterstützen und politisch flankieren lautet das eigentliche Motto dieser fast 40 000 Kilometer weiten Reise.

Über dem Iran und Usbekistan, über der Türkei und dem Schwarzen Meer gehen im Funkraum der "Konrad Adenauer" die Anrufe ein: Staffel-Diplomatie heißt die Taktik, die die Diplomaten für die Krise um die palästinensischen Gebiete entwickelt haben: Möglichst oft soll ein europäischer Außenminister, ein EU- oder UN-Sonderbeauftragter im Land sein, um mäßigend zu wirken. Eine israelische Zeitung übersetzt den sperrigen Begriff schlicht mit "Babysitting".

Als Fischer am Donnerstag gegen zwei Uhr mittags in Tel Aviv landet, scheinen sich das "Babysitting" und die ununterbrochene Abstimmung mit den USA, den EU-Partnern und den UN auszuzahlen. Noch über dem Mittelmeer sind vom Airbus aus Termine vereinbart und verschoben worden. Der EU-Beauftragte für Außenpolitik, Javier Solana, der Israel eigentlich schon wieder verlassen wollte, bleibt und trifft sich mit Fischer und dessen israelischem Kollegen Schimon Peres, der seinerseits eben erst aus den USA zurück ist. Viel Bewegung scheint aber nicht mehr möglich zu sein auf israelischer Seite, denn alle Parteien teilen nun Ariel Scharons Misstrauen gegenüber Jassir Arafat.

Mit einem extralangen schwarzen Cadillac, begleitet von vielen Bodyguards in einschüchternd wirkenden Geländewagen mit undurchsichtigen Scheiben, wird Fischer zum Vier-Augen-Gespräch mit Ariel Scharon gefahren. Als der ihn trotz der angespannten Lage aufgeräumt und mit großer Geste als Friedensbotschafter begrüßt und rühmt, scheint der Gast seltsam versteinert - vielleicht ist es aber nur die Angst vor den allzu hohen Erwartungen.

Als Fischer nach weiteren Gesprächen mit Israelis nachts um halb zwölf in den Saal "Mediterranean" des Dan-Hotels an der Promenade von Tel Aviv kommt, geht kurz ein Lächeln über das Gesicht des Politikers, das aber schnell wieder verschwindet. Inzwischen hat Arafat vor den Vertretern der Vereinten Nationen, Europas, der USA und Russlands eine weitere Erklärung verlesen, in der er neue Verhaftungen nach dem Mord an Seewi bekannt gibt und zwei neue Gefängnisse verspricht - aber das war, nachdem Fischer mit Scharon gesprochen hatte. Als der Minister die euphorische Stimmung in seiner Delegation bemerkt, wird er unwirsch. Denn noch hat er mit Arafat persönlich nicht gesprochen.

Rasende Fahrt nach Gaza

Dass die israelische Armee sich schrittweise aus den Gebieten zurückziehen will, die von den Palästinensern selbst verwaltet werden, haben am Tag vor Fischers Ankunft schon israelische Zeitungen vage angekündigt. Dem Gast scheint die Stunde günstig. "Als Außenminister hat er ein spezielles Talent, gutes Wetter zu bringen, politisches Wetter", sagt sein israelischer Kollege Schimon Peres am Freitagmorgen. Aber von Arafat, sagt Peres, will er "nicht Worte ohne Wert, sondern Taten sehen".

Dann startet die deutsche Delegation mit einer Kolonne von fast 20 Fahrzeugen in rasender Fahrt nach Gaza. Am Checkpoint Erez bleiben die israelischen Sicherheitsbeamten mit ihren Schnellfeuergewehren zurück, die Gäste wechseln die Fahrzeuge. Wenn es einen Erfolg geben soll, dann müssen die Palästinenser jetzt sagen, wer ihre Versprechen kontrollieren soll.

Fast zwei Stunden warten die Korrespondenten dann im kargen Pressebüro der Autonomiebehörde auf das Ergebnis der Unterredung mit Arafat. Durch die geöffneten Fenster weht ein heißer Wind, und wenn die Lage nicht so ernst wäre, könnten die Medienleute den Ausblick auf den menschenleeren Strand genießen. Dann treten Arafat und Fischer an ihre Pulte: Ein greifbares Ergebnis haben sie nicht zu verkünden, der Deutsche verlangt wie immer die Rückkehr an den Verhandlungstisch, der Palästinenserpräsident lehnt die Auslieferung von Verdächtigen an Israel ab. Die bittere Miene Fischers deuten Diplomaten auf der Rückfahrt nach Tel Aviv als Ausdruck von Müdigkeit. Die Ergebnisse der Verhandlungen müssten erst wieder zu den Israelis getragen werden, heißt es, dann werde man weitersehen.

Fischer hat sich in Gaza-Stadt als Optimist versucht: "I am sure a positive change will happen" hat er gesagt mit seiner Bittermiene. Wann? "Time to destination: 04:15" zeigt der Bildschirm über der Mittelreihe, als der Airbus mit der Delegation am Abend wieder startet. Noch gut vier Stunden bis zum Ziel. In Wirklichkeit dauert es wohl etwas länger.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar