Zeitung Heute : 400 Folgen schrieb Krimiautor Reinecker seinen desillusionierten Kommissaren auf die Leiber

Reinhart Bünger

Er hat die bekanntesten, beliebtesten, belächelsten Kommissare des deutschen Fernsehens erfunden - und einige von ihnen überlebt: Herbert Reinecker, der am heutigen Freitag seinen 85. Geburtstag feiert, ging 1968 mit dem "Kommissar" Erik Ode in Serie, entwickelte 1973 die - auch international erfolgreiche - Krimireihe "Derrick" und schickte zuletzt "Siska" ins Rennen. Insgesamt rund 400 Folgen hat er den Ermittlern mit einer mechanischen Schreibmaschine auf die Leiber geschrieben.

Welche Folgen die Ausstrahlungen auf das Krimi-Genre in Deutschland haben, wie sie die Vorstellungen der Öffentlichkeit von Tätern und Opfern über Jahrzehnte prägten, bedarf noch eingehender Motivforschung. Reinecker gehört nämlich nicht zu der Generation von Autoren, die der Meinung sind, dass vor allem Tote Krimis und Quote beleben. Seine Motive liegen tiefer.

Die Frage nach Schuld und Sühne ließ die Schreibmaschinenwalze des wohl meistbeschäftigten deutschen Fernsehautors über Jahrzehnte beständig rotieren, Drehbuchseite um Drehbuchseite. Das Bild der guten Deutschen: Reinecker zeichnete sie als seltsam unfrohe, ausgelaugte, desillusionierte Gestalten, die zwar mit dem Teufel per Sie sind, doch Todesangst vor Visionen und Idealen haben. Stellvertretend für Reineckers Generation scheinen "Derrick" und "Der Kommissar" den Zweiten Weltkrieg wöchentlich noch einmal zu verlieren: geschlagene, gezeichnete Diener uniformer Herren, die wenig ausrichten können gegen naseweise Muttersöhnchen, devote Haushälterinnen, geldgeile Unternehmer, hörige Geliebte und grüne Witwen.

Beim Blick auf die aus polizeilicher Sicht zu beklagende Realitätsferne der vertapperten TV-Kommissare kann Reinecker auf Bewährung plädieren: Seine Identifikationsangebote waren auf der Höhe der Zeit - und sind es wohl noch.

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