Zeitung Heute : 400 Millionen Dollar Rente

Von Martin Kilian

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Die Zeiten sind ominös; fast täglich entladen sich schwere Gewitter über Washington. Blues setzt ein, und Robert Johnson singt für G. W. Bush: „Hellhound on my trail“. Instinktiv ahnt man, welche Stunde geschlagen hat, wenn die amerikanische Jäger- und Fischerpostille „Field and Stream“ zum Halali auf den Präsidenten bläst. Der, so die ansonsten zahmen Naturfreunde, treibe Schindluder mit den Feuchtgebieten der Nation, weshalb es demnächst keinen Entenbraten mehr gebe.

Die Nörgelei der Waidmänner zeigt an, wie gewaltig es inzwischen in Washington brodelt. Die allgemeine Scheiße trifft auf einen schnell drehenden Ventilator und verteilt sich. „The shit is hittin’ the fan“, wie es auf Amerikanisch heißt. Bald werden wegen rasant ansteigender Treibstoffpreise die ersten vierradgetriebenen Geländewagen, in denen die Nation so verschwenderisch reiste, in den Straßengräben verrosten.

Auch sind die Amerikaner dieser Tage generell von einer querulantischen Disposition. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wird bleiern geschuftet, ohne dass die breite Mehrheit wirklich nach vorne oder oben käme. Wohlstand auf Pump, die Pumpen auf Betablockern, die Betablocker ebenfalls auf Pump.

Aufruhr, diffus und schwer fassbar, liegt in der Luft. Ergraute Ex-Hippies greifen sich „Jefferson Airplanes“ Revo-Song „Volunteers“ aus dem Plattenschrank: „Schau mal, was in den Straßen los ist / wir haben eine Revolution“. Dabei wird der Klassenkampf hier zu Lande auf Gutsherrenart geführt, nämlich von oben nach unten. Allenthalben Beschwerlichkeiten, ausgenommen ganz oben, wo das Manna des entfesselten Kapitalismus vom Himmel direkt in die Edelstahlküchen von Villen mit 3000 Quadratmeter Wohnfläche tropft.

Mehr als Sex erregt die Plebejer deshalb die Mega-Abfindung des soeben pensionierten Exxon-Vorstandsvorsitzenden Lee Raymond. Fast 400 Millionen wirft man ihm nach. Der Rentner verdiente zuletzt 51,1 Millionen Dollar, also über 25 000 Dollar pro Stunde. Auf Beschwerden entgegnete ein Exxon-Sprecher, die üppige Kompensierung reflektiere „eine lange und herausragende Karriere“.

Ich rief sofort den Chef an und verwies auf meine lange Karriere. Der Chef winkte müde ab. Wie viel Benzin ich pro Jahr verkaufe? Und überhaupt lebe der Lohnschreiber nicht vom Geld, sondern von der Satisfaktion, täglich die öffentliche Bühne betreten zu dürfen. „Fuck that“, sagte ich, worauf der Chef ausrastete und laut wurde.

Dass die amerikanische Wirtschaft einigermaßen brummt, dämpft die verbreitete Unzufriedenheit nicht im mindesten. Siehe den Mini-Aufstand der Jäger und Fischer. „Der Baum der Freiheit muss dann und wann mit dem Blut von Patrioten und Tyrannen gewässert werden“, knatterte Thomas Jefferson. Die Leute rollen mittlerweile mit den Augen, wenn der Präsident im TV seine optimistischen Begutachtungen der irakischen Großwetterlage absondert.

Nicht, dass G. W. Bush ein Tyrann wäre. Aber der Mann ist toxisch geworden; sogar Tony aus London möchte nicht mit ihm fotografiert werden. Weshalb Tony seinen geplanten Besuch in Washington angeblich abgesagt hat. Womöglich naht der Tag, an dem sich der derart Geschnittene schmollend auf seine Ranch in Texas zurückzieht. „Macht eueren Dreck alleine“, wird er wie einst der Sachsenkönig sagen.

Aber damit befinde ich mich bereits in der Sackgasse der Utopie. Bush ist nicht Nixon; neben seiner mesopotamischen Tragödie nimmt sich Watergate wie eine Schmierenkomödie aus. Unterm Strich langweilt der Präsident indes geradeso wie Klimawandel oder der nukleare Freak-out der iranischen Turbanistas. Was wirklich interessiert, ist das Baby von Brad und Angelina – die historisch bedeutsamste Elternschaft seit Maria und Josef. Ein von Sternen gezeugtes Baby! Ein Star-Baby, dessen Süße gewiss alle Widrigkeiten vergessen machen wird.

Danke Brad! Danke Angelina!

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