Zeitung Heute : 42 Kinder und kein Ende

Der Tagesspiegel

Von Rainer W. During

Reinickendorf. Tagesmütter haben es schwer. Auch ihre verantwortungsvolle Tätigkeit ist von den Sparzwängen der Berliner Verwaltung bedroht. In Tempelhof-Schöneberg sind die Mittel – wie berichtet – bereits knapp geworden. In Reinickendorf, wo eine der engagiertesten Ersatz-Mamas zu Hause ist, scheint die Welt dagegen noch in Ordnung. Eveline Ergang-Mauser kämpft dennoch für ihre Kolleginnen in den anderen Berliner Bezirken .

Die 46-Jährige ist Mutter von 42 Kindern – und der nächste Nachwuchs steht schon vor der Tür. An diesen Segen hatte die damals 21-jährige Neu-Berlinerin aus Bayern nicht gedacht, als sie vor einem Vierteljahrhundert ihren ersten Sohn Manuel zur Welt brachte. Den Sekretärinnen-Job wollte sie eigentlich nur vorübergehend an den Nagel hängen. Doch aus der zusätzlichen Betreuung des Kindes einer weiterhin berufstätigen Bekannten wurde bald eine Tages-Großpflegestelle. Längst sind Manuel und der drei Jahre jüngere, zweite Sohn Sören erwachsen und ausgezogen. Doch im Einfamilienhaus in der Heiligenseer Spießergasse tobt weiter das Leben.

Fünf Kinder im Alter zwischen 18 Monaten und fünf Jahren werden werktags von 7 bis 15.30 Uhr von Eveline Ergang-Mauser betreut. Bevor man sich am Frühstückstisch versammelt, hat die Tagesmutter bereits das Mittagessen gekocht. Vormittags geht es zwei Stunden an die frische Luft. Nachmittags amüsieren sich die Großen im eigenen Spielzimmer, während die Kleinen oben ein Nickerchen machen. Als damals die Fürsorge fragte, ob sie noch das zwei Monate alte Baby einer alleinstehenden Mutter, die auf die Arbeit angewiesen war, übernehmen könnte, hat die Reinickendorferin nicht lange überlegt. Zu Gunnar, ihrem ersten „amtlichen“ Pflegesohn, der inzwischen in den USA studierte, hat sie noch heute Kontakt. Als mit dem Umzug ins eigene Haus mehr Platz verfügbar war, entstand 1980 die Großpflegestelle für fünf Kinder.

Die Schwestern Tanja und Michelle wurden von Eveline Ergang-Mauser und Ehemann Erich, der eine Reinickendorfer Grundschule leitet, als Dauerpflegekinder neben den eigenen Söhnen groß gezogen. So war schnell klar, dass die Kinderbetreuung zum Full-Time-Job wurde. Eine Entscheidung, die Eveline Ergang-Mauser nie bereut hat. Längst leitet sie in ihrem Heimatbezirk eine Tagesmütter-Gruppe und engagiert sich im Vorstand des Arbeitskreises zur Förderung von Pflegekindern, unterstützt zurzeit ihre von der Kürzung der Finanzmittel bedrohten Kolleginnen in Tempelhof-Schöneberg. Sie organisierte die jüngste Demonstration von Tagesmüttern vor dem Roten Rathaus mit.

In ihrer knappen Freizeit ist die Multi-Mama, die sich selbst als „Workaholic mit Helferlein-Syndrom“ bezeichnet, ebenfalls für andere da. So hat sie eine Kaffeeklatschgruppe für Witwen und allein stehende Frauen ins Leben gerufen, organisiert Museums-Führungen und Reisen. An Nachwuchsmangel leidet die Reinickendorferin nicht. Mundpropaganda sorgt für eine fast ständige Warteliste und aus manchen Familien ist bereits das dritte Kind Stammgast in der Spießergasse. „Ein paar Jahre“ will Eveline Ergang-Mauser den Mutter-Job noch machen. Ein Ende des Kindersegens ist also noch nicht abzusehen.

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