Zeitung Heute : 50 Jahre und kein bisschen leise

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Die Partei, die Partei, die sah immer schlecht: Trotz Kontrollen durch die DDR-Behörden konnte der Knaack-Klub der ausgehungerten Szene in Prenzlauer Berg eine Nische bieten. Und nach dem Mauerfall gelang der Start in die Marktwirtschaft. Jetzt wird Geburtstag gefeiert. Von Henning Kraudzun

Die Partei, die Partei, die sah immer schlecht – sonst hätte das „Knaack“ vermutlich gar nicht so lange durchhalten können. Die Gemäuer des Hinterhauses in der Greifswalder Straße 224 haben genau ein halbes Jahrhundert Jugendkultur miterlebt. Und zumindest in den beiden letzten Jahrzehnten der DDR dienten sie als Nische für die musikalisch ausgehungerte Szene in Prenzlauer Berg, die mehr hören wollte als das „Festival des politischen Liedes“ und die „Puhdys“ unter der Discokugel.

Zuerst dienten jedoch Tischtennisplatten im Jugendheim „Ernst Knaack“ als einzige Abwechslung zum kämpferischen Aufbaualltag im Sozialismus. Sport und Spiel sollten von westlichen Einflüssen ablenken. Als die Kulturabteilung des Ost-Berliner Magistrats am 20. Februar 1952 die Mietverträge für die ehemalige Uniform-Schneiderei unterschrieb, waren dort politische Zirkel und Sportveranstaltungen geplant, aber keine Tanzabende. Die ersten Clubleiter hielten sich freilich kaum an die Vorgaben und ließen Bands spielen. Oftmals musste die Polizei anrücken: Den Anwohnern gefiel die Musik der „Beatkapellen“ weniger.

Offiziell schwofen durfte man im „Knaack“ erst zu den Weltfestspielen der Jugend im Sommer 1973, als die DDR-Staatsführung dem Westen ein offenes und tolerantes Land vorgaukelte. Die Hauptstadt wurde zur Jubelattrappe, und in der Greifswalder Straße feierte man Partys mit internationalem Flair. Doch kurz nach den Festspielen galten wieder die alten Vorschriften, die nicht mehr zuließen als eine „kontrollierte Öffnung“ in Richtung Westen. Aber nur die wenigsten Clubleiter im „Knaack“ hielten sich an die Regelung, mehr als die Hälfte des Disco-Programms mit Ostmusik zu bestücken.

Das Büro des Chefideologen der SED, Kurt Hager, konnte zwar regelmäßig den Jugendclubs seine Wunschvorstellungen von „kulturpolitisch anregenden Veranstaltungen“ diktieren, jedoch kaum einer hat sie in OstBerlin befolgt. Auch im „Knaack“ schuf man sich in den achtziger Jahren seine Freiräume, so dass unabhängige Theatergruppen auftreten konnten und Super-8-Filme über die Leinwand flimmerten.

Die musikalische Vielfalt reichte von Jazzabenden bis zu Heavy Metal – Konzerten. Als kurz vor dem Fall der Mauer die homosexuelle Szene in der DDR auch offiziell nicht mehr drangsaliert wurde, fanden im „Knaack“-Club bereits die ersten schwul–lesbischen Partys statt.

Wenige Monate später, als der Sozialismus und mit ihm auch die Fremdbestimmung für die Jugend verschwunden war, musste sich das „Knaack“ räumlich erweitern, wollte es nicht aus allen Nähten platzen. Kurzerhand besetzten die Betreiber des Clubs den Keller, in dem zuvor noch Tierdärme gespült wurden.

„Jeden Tag musste man bis zu zwei Stunden anstehen, um in diese Kellerdisco zu kommen“, sagt Matthias Harnoss, der sich heute mit um die Veranstaltungen im „Knaack“ kümmert. Die Partys in der „Darmwäsche“, so hieß der Keller, brachten das Grundkapital für den Ausbau des Konzertraums ein.

Mittlerweile kann im „Knaack“ auf drei Etagen gefeiert werden. „Nach wie vor treten hier vor allem Gitarrenbands auf, auch die Discjockeys spielen kaum elektronische Musik“, sagt Harnoss. Um sich und dem großen Stammpublikum treu zu bleiben. „Man muss dabei versuchen, den Laden ständig zu verändern und ihn interessant zu halten.“ Bis jetzt habe das ganz gut funktioniert. Und ein paar runde Clubgeburtstage sollen ja noch folgen.

Die Jubiläumsparty „50 Jahre Knaack“ von heute bis zum Sonnabend auf vier Floors. Live spielen unter anderem „Knorkator“, „In Extremo“ und „Moonflower“. Dazu legen die Knaack- Allstar- DJs auf. Weitere Informationen unter der Telefonnummer 442 70 60 und im Internet unter der Adresse www.knaack-berlin.de

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