Zeitung Heute : 50 Jahre – und kein bisschen weise?

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Heute vor 50 Jahren ging das erste kommerzielle Atomkraftwerk ans Netz. Wie kommt es, dass trotz aller Risiken derzeit 27 neue AKW gebaut werden?

Am 26. Juni 1954 wurde in Obninsk nahe Moskau der weltweit erste Atomreaktor an ein öffentliches Stromnetz angeschlossen, so informiert die Internationale Atomenergiebehörde (IAEO). Schon die erste Anlage produzierte genug Strom, um 2000 moderne Haushalte zu versorgen. 50 Jahre später reicht ein einziger der nun weltweit 442 Reaktoren für die Stromversorgung einer Großstadt mit 400000 Haushalten aus.

Ihren ersten großen Boom erlebte die Kernenergie in den 70er und frühen 80er Jahren. Nicht zuletzt als Reaktion auf die Ölkrise bauten die USA und Russland, Frankreich, Japan oder Deutschland zahlreiche preiswerte Kraftwerke. Der Brennstoff war billig, das Uran lag – anders als das Öl – nicht in den Händen weniger Staaten einer Region der Erde. Die beiden Unfälle in Three Miles Island 1979 in den USA und vor allem in Tschernobyl 1986 machten jedoch eklatante Sicherheitsmängel vieler Reaktoren sichtbar. Seither stagniert die Kernenergie bei etwa 16 Prozent der weltweiten Stromproduktion. Die Baukosten für die Reaktoren sind stark gestiegen, die bürokratischen Hürden ebenso.

Einige westliche Länder haben mittlerweile ihren Ausstieg aus der Atomenergie erklärt. Neben Deutschland auch Belgien, die Niederlande und Schweden. Aber die Technik lebt weiter. Vor allem in Asien. Dort soll sie den rasant wachsenden Energiehunger stillen helfen. Von den 27 derzeit in Bau befindlichen Reaktoren werden 18 in Asien errichtet. Nach Informationen der IAEO allein zehn davon in Indien und China, wo bereits in den vergangenen fünf Jahren ebenso viele neue Anlagen ans Netz gegangen sind. In Asien greift man auf inzwischen verbesserte Sicherheitskonzepte zurück. Die Staaten wollen sich vor allem – wie einst die westlichen Industrieländer – zumindest ein Stück weit von den stark schwankenden Öl- und Erdgaspreisen unabhängig machen. Die Uranreserven sind groß, der Preis für Natururan hat bisher so gut wie keinen Einfluss auf die Stromkosten.

Ob der Anteil der Kernenergie an der weltweiten Stromerzeugung in den kommenden Jahrzehnten noch einmal steigen wird, ist ungewiss: Die Vorhersagen für das Jahr 2030 schwanken zwischen zwölf und 27 Prozent. In etwa 40 Jahren allerdings dürften die erneuerbaren Energien, allen voran dann die Sonnenenergie, auch die Atomkraft langsam aber sicher zurückdrängen. Damit würde nicht nur die Gefahr der Weitergabe von Atomtechnik eingedämmt. Auch die Behandlung des radioaktiven Mülls ist bis heute ein ungelöstes Problem. In den vergangenen 50 Jahren haben Atomreaktoren zwar meist billigen Strom produziert, in der Sicherheitsforschung ist jedoch wenig geschehen. Kein Land besitzt ein Endlager für radioaktive Abfälle. Selbst in Schweden, Finnland oder den USA, wo die Studien am weitesten fortgeschritten sind, ist ein solches nicht in Sicht.

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