Zeitung Heute : 50 Millionen Impfdosen gegen die Schweinegrippe

Bundesländer rüsten sich, weil steiler Anstieg der Ansteckungen in Deutschland erwartet wird / UN: Virus weltweit nicht zu stoppen

K. Kupferschmidt[A. Lehmann] R. Woratschka

Berlin - Die Schweinegrippe ist nicht zu stoppen. In Deutschland bereiten sich die Bundesländer deshalb auf eine Ausbreitung des H1N1-Virus im Herbst und Winter vor. Am Dienstag verabredeten die Gesundheitsminister, zunächst 50 Millionen Impfdosen zu bestellen. Die Bundesregierung will nächste Woche über mögliche Massenimpfungen entscheiden. Die Schweinegrippe ist die erste weltweite Epidemie des 21. Jahrhunderts.

In Deutschland sollen zunächst medizinisches Personal, Schlüsselpersonal, das zur Aufrechterhaltung der Infrastruktur notwendig ist, Menschen mit chronischen Krankheiten und Schwangere geimpft werden, heißt es. Nach Expertenangaben reichen 50 Millionen Dosen für 25 Millionen Geimpfte oder 30 Prozent der Bevölkerung. Bund und Länder wollen aber mit Pharmaherstellern über die Lieferung weiterer Dosen verhandeln. Die Landesregierungen halten sich mit ihren Plänen an die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation WHO. Aus gut unterrichteten Kreisen hieß es, die angepeilte Impfung eines Drittels der Bevölkerung werde etwa 700 Millionen Euro kosten. Zahlen würden das voraussichtlich die gesetzlichen Krankenkassen.

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sprach von einer Güterabwägung. Wenn man sich für eine Massenimpfung gegen die Schweinegrippe entscheide, nehme man in Kauf, dass es nicht mehr genügend Impfstoff gegen die reguläre Grippe gebe. Diese Strategie sei aber vernünftig, sagte Lauterbach dem Tagesspiegel. Die Schweinegrippe besitze das Potenzial, sich rasend schnell auszubreiten, weil das menschliche Immunsystem ihr bislang nicht viel entgegenzusetzen habe. „Dagegen müssen wir gewappnet sein.“ Frank Bergmann, Oberarzt in der Infektiologie der Berliner Charité, sagte dem Tagesspiegel: „Die Leute sollen erst einmal zu ihren Hausärzten gehen. Die Mehrzahl ist nicht schwer krank, die erholen sich in der Regel nach ein bis zwei Tagen. Es rufen tausende Leute in der Klinik an und verstopfen das ganze System. Das ist keine Sache für die Rettungsstellen.“ Bergmann weiter: „Wir haben in Deutschland noch verhältnismäßig wenig Fälle, die Kurve steigt bei uns noch flach an, aber ich denke, es wird demnächst einen steilen Anstieg geben.“

Bisher sind weltweit 579 Todesfälle und mehr als 100 000 Erkrankungen bekannt geworden. In Deutschland gibt es 777 Fälle, aber keine Toten. Viele haben die Erkrankung von Reisen nach Spanien und der Ferieninsel Mallorca mitgebracht. In Berlin sind 30 Fälle registriert. Bisher verläuft die Grippe in Europa moderat. Nach Studien, über die die Onlineausgabe der Fachzeitschrift „Nature“ berichtet, kann es durch H1N1 aber zu Lungenschäden kommen. Das Virus reagiere jedoch gut auf Medikamente wie Tamiflu.

Die Forscher fanden außerdem heraus, dass das neue Virus dem Erregerstamm der Spanischen Grippe ähnelt, der zwischen 1918 und 1920 weltweit 40 bis 50 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Dazu untersuchten die Forscher Blutproben von vor 1920 Geborenen. Sie hatten Antikörper im Blut, die das neue Virus erkannten und darauf reagierten.

Im „British Medical Journal“ warnen Forscher aber auch davor, die Schweinegrippe zu überschätzen. Zurzeit sei die Todesrate zwar etwas höher als bei einer saisonalen Grippe. Viele milde Fälle seien aber vermutlich noch nicht bekannt, so dass der Anteil der tödlich verlaufenden Infektionen insgesamt auch niedriger sein könnte als bei der saisonalen Grippe. Die Symptome der neuen Grippe sind ähnlich wie bei saisonaler Influenza meist Fieber, Atemwegsbeschwerden und Gliederschmerzen. mit dpa/AFP

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