58. Berlinale : Glanz und Substanz

Jan Schulz-Ojala

Fast wäre es das große Solo geworden – und die morgen beginnende 58. Berlinale hätte in diesem trüben Winter Glanz und Glorie des Kinos ganz alleine hochgehalten. Doch da die erbitterten Gegner im monatelangen US-Autorengewerkschaftskampf offenbar in letzter Minute die Friedfertigkeit wiederentdecken, scheint das zweite bevorstehende Weltfilm-Großereignis wohl gerettet – die Oscars und ihre Gala eine Woche nach der Berliner Bärenvergabe. Kein Wunder: Sie sind ein Nationalheiligtum und das Machtsymbol Hollywoods schlechthin, und es vom Sockel zu stürzen, grenzte in Amerika denn doch an Vaterlandsverrat.

Macht nichts. Der Berlinale bleiben Alleinstellungsmerkmale genug. Wo der Oscar-Glamour im fernen Los Angeles sechs Stunden lang die Kinowelt erschüttert, verbindet die Berlinale, neben Cannes und Venedig der dritte große Zampano im Weltfilmfestivalzirkus, elf Tage lang Glanz mit Substanz. Und sie präsentiert sich, mit nach Hunderttausenden zählenden – und auch zahlenden – Zuschauern, als einzigartiges Gemeinschaftserlebnis. Da mögen die Menschen ihr Zuhause immer perfekter zu Wellness-Wohnmaschinen ausbauen, Heimkino-Cocooning für Couch-Potatoes inklusive; da mögen viele sich ihre Westentaschenfilme nur mehr aus dem Internet raubkopieren, wenn sie nicht ihre Virtualitätsbedürfnisse gleich ganz ins Netz verlagern – die Berlinale ist immer bigger than life. Und bigger than beamer bleibt sie allemal.

Diesmal allerdings legt sie noch eins drauf: ein veritables Stadiongefühl. Von Amerika bis Europa inszenieren Politiker sich zunehmend als Popstars, die Berlinale, das politischste unter den drei Weltfestivals, lässt die Konkurrenten lässig hinter sich – und holt sich die Pop-Ikonen munter ins Haus. So wird sie, mit den stadiontauglichen Stones und Madonna, mit Patti Smith und Neil Young selbst wie nie zuvor zum Star. Die Massenkulturen Film und Popmusik mögen derzeit unter derselben schweren Strukturkrise leiden, weil ihre Konserven immer grenzenloser auch abseits der Legalität verfügbar sind; in Berlin inszenieren sie sich imponierend in alter Größe und live. Auf dass, Selbsttäuschung oder nicht, dieses Glück ewig so weiterginge.

Vor allem aber wirkt gerade die Berlinale, in der internationale Macher und örtliches Publikum sich vielfach begegnen, immer stärker als Magnet einer positiven Globalisierung, und das ganz ohne ästhetische und wirtschaftliche Hierarchie. Zu spüren ist das in ihrem eigentlichen Herzschlag: den Filmen. Tausendfache Impulse gehen hier täglich kreuz und quer, von der sogenannten Dritten Welt in die sogenannte Erste und umgekehrt. Hier ist für alle Platz. Hier treffen sie sich, werden neugierig aufeinander und stellen oft fest, dass sie gar nicht viel trennt. E trifft U, Alt trifft Jung, politische Doku trifft surreale Fiktion, Forum trifft Panorama trifft Wettbewerb.

Zwei Beispiele. Da sind etwa die gereiften Popstars: Sie finden auf diesem Festival allerlei verwandte Helden auf der Leinwand, die partout nicht alt werden wollen – und geben so mit ihnen auf dieser Berlinale das gemeinsame Konzert einer sich global und dramatisch verändernden Demografie. Oder die Jungen: Zwischen Gewalt und Gangs, zwischen Einsamkeit und Liebe durchleben sie überall denselben Rap, dieselben Stürme, ob in den Favelas von Rio oder in Hamburg, in Uganda oder auf den Philippinen. Oder zumindest ähnlich aufregende. Umso schöner, dann kann man sich die Köpfe heiß reden, nächtelang.

Oder auch: durchtanzen. Denn die Berlinale ist, zuerst und zuletzt, ein Fest. Was sich anderswo schnell im Analytisch-Begrifflichen bindet, erhellt sich hier erst im Wirbel der Bilder. Im Glänzen der Leinwand. Und im Glanz unserer Augen, in Lachen und Tränen, wenn uns ein Bild, ein Thema, eine Geschichte besonders packt. Stars hin oder her: Ohne diese Intimität hätte das Mega-Event keine Seele. Erst sie lässt diesen unvergleichlichen Sternenstaub aufsteigen, der den Himmel über Berlin heller macht, elf Tage und die Nächte dazu.

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