58. INTERNATIONALE FILMFESTSPIELE BERLIN Der Wettbewerb : Geliebtes Chaos

Das Jahr der schönen Frauen wird es sowieso. Wenn alles gut läuft, kann man diesmal auf dem roten Teppich ein gutes Dutzend wunderbare Diven bewundern: Tilda Swinton. Penelope Cruz. Kristin Scott Thomas. Scarlett Johansson. Natalie Portman. Julia Roberts. Emily Watson. Hiam Abbas. Hannelore Elsner. Sandrine Bonnaire. Und nicht zu vergessen: Madonna und Patti Smith. Doch der erste Auftritt gehört Mick Jagger, Keith Richards und den anderen Stones. Dass Musik stark ist auf dem Festival, macht schon der Eröffnungsfilm unmissverständlich klar: Shine a Light, Martin Scorseses Dokumentation über die Rolling Stones. Aber auch sonst in allen Sektionen: Heavy Metal. Rock. Tango. HipHop. Beatboxing.

Dass die Berlinale das politischste unter den drei großen Festivals ist, steht spätestens seit den Protesten gegen den Irakkrieg 2003 fest. Festivalchef Dieter Kosslick setzt erneut Akzente: Mit Errol Morris’ Standard Operating Procedure über den Folterskandal von Abu Ghraib läuft erstmals ein Dokumentarfilm im Wettbewerb, der 21 Filme ins Rennen um die Bären schickt und sie mit fünf Beiträgen außer Konkurrenz flankiert. Auch über Feuerherz, die Verfilmung der Biografie von Senait G. Mehari, die als Kindersoldatin in Eritrea eingesetzt war, wird man debattieren. Tropa de Elite über Jugendgewalt und Polizei in den Favelas von Rio hat schon in Brasilien heftige Diskussionen ausgelöst.

Daneben lockt schönstes Starkino: Paul Thomas Andersons vielfach oscarnominiertes monumentales amerikanisches Öl-Epos There will be Blood nach einem Roman von Upton Sinclair bringt auch den atemberaubenden Daniel Day-Lewis nach Berlin. Isabel Coixet, die Regisseurin von „Mein Leben ohne mich“, verfilmte mit Elegy Philip Roths melancholisches Alterswerk „Das sterbende Tier“ über einen Professor in seinen Sechzigern, der sich in eine Studentin verliebt, mit Dennis Hopper, Ben Kingsley und Penelope Cruz. Doris Dörrie zeigt ihren gerade mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichneten Spielfilm Hanami – Kirschblüte über die Reise eines bayerischen Witwers nach Japan. Und Altmeister Mike Leigh ist mit Happy-go-lucky dabei, der Geschichte einer jungen Lehrerin im Norden von London.

Erstmals im Wettbewerb: Forums-Dauergast Johnnie To, der Sparrow mitbringt, eine seiner klassischen Gangster-Geschichten. Viel GenreKino überhaupt in diesem Jahr. Robert Guédiguians Lady Jane handelt von einem französischen Gangster- und Entführer-Trio. Ebenfalls um eine Entführung geht es in Julia von Erick Zonca mit der großartigen Tilda Swinton in der Hauptrolle. Und noch einmal Kidnapping, noch härter: In Gardens of the Night von Damian Harris mit John Malkovich landen zwei jugendliche Entführungsopfer auf der Straße.

Die Nachwuchspflege in aller Welt, die die Berlinale zum sechsten Mal mit dem Talent Campus betreibt, zahlt sich aus. Zwei Regisseure, die als Gäste des Talent Campus in Berlin waren, stellen nun im Wettbewerb ihre Filme vor: der Mexikaner Fernando Eimbcke und der Amerikaner Lance Hammer. Israel, das in diesem Jahr das 60. Jubiläum seiner Staatsgründung feiert, ist mit Amos Kolleks Restless vertreten. In Majid Majidis iranischem Film The Song of Sparrows stehen Familiensorgen und Kinder im Mittelpunkt. Und von den entgegengesetzten Ecken Europas sind Italien (Caos calmo von Antonello Grimaldi) und Finnland (Musta jää von Petri Kotwica) dabei. Der Abschlussfilm schließlich ist etwas für echte Cineasten: Michel Gondry, seit „Science of Sleep“ der fantasievolle Tüftler unter den Filmregisseuren, lässt in Be kind rewind zwei Freaks alle möglichen Klassiker nachdrehen. Play it again, Fan!

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