Zeitung Heute : „60-Jährige können lernen wie 20-Jährige“

Vor allem mittelständische Betriebe nutzen das Lern- und Leistungspotenzial der Mitarbeiter nicht ausreichend. Ein Tagungsbericht

Paul Janositz

Bildung ist wichtig, aber es fehlt das Geld: Früher oder später kommen Diskussionen über Bildungsfragen immer wieder auf den selben Punkt. Schnell erreicht wurde dieses Fazit auch bei der Veranstaltung „Finanzierung der Beruflichen Weiterbildung“, zu der die gewerkschaftliche Hans Böckler-Stiftung und die Friedrich-Ebert-Stiftung der SPD Anfang dieser Woche nach Berlin eingeladen hatte. Allerdings blieb es nicht bei der Feststellung, dass die Konjunktur schlecht und die Kassen leer sind. Vielmehr wurden konkrete Vorschläge diskutiert, wie sich betriebliche Weiterbildung für alle Beteiligen, Arbeitnehmer, Betriebe und auch den Staat rechnen könnte. Ein Instrument heißt „Lernzeitkonten“. Dass es wirksam sein kann, zeigen Beispiele aus diversen Betrieben und Branchen.

Intensive Gedanken hat sich die fünfköpfige Expertenkommission „Finanzierung Lebenslangen Lernens“ gemacht. „Wir hatten den Auftrag, ein Gesamtkonzept vorzuschlagen, das in sich stimmig und politisch umsetzbar sei“, sagte Dieter Timmermann, Vorsitzender des von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn eingesetzten Gremiums. „Der Bericht liegt im Bildungsministerium, die Vorschläge auf politische Umsetzbarkeit werden überprüft", fügte der Professor für Bildungsökonomie und Rektor der Universität Bielefeld hinzu. Die offizielle Übergabe sei Ende Juni zu erwarten.

Timmermann betonte die Bedeutung der beruflichen Weiterbildung für das Konzept des lebenslangen Lernens. Gemessen am Zeitaufwand wie auch an den Teilnehmerzahlen seien die Betriebe die größten Anbieter bei der Weiterbildung, die am Arbeitsplatz, aber auch außerhalb des Unternehmens stattfinden könne. Allerdings schöpfen die deutschen Unternehmen laut Timmermann das „Lern- und Leistungspotenzial“ der Belegschaft im internationalen Vergleich nur unzureichend aus.

Besondere Sorgen macht hierbei die Situation von Frauen mit Kindern. Auch Bildungsabbrecher und beruflich unqualifizierte Personen müssten mehr Angebote bekommen. Vor allem mit abnehmender Betriebsgröße erlahmen aber die Aktivitäten. Nur ein Fünftel der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) bildet demnach die Belegschaft intensiv weiter, der große Rest von 80 Prozent überhaupt nicht. Ein Manko sieht Timmermann auch darin, dass betriebliche Weiterbildung oft nur kurzfristige Anpassung an aktuelle Qualifizierung zum Ziel habe.

Alarmierend sind solche Defizite nicht zuletzt angesichts der Bevölkerungsentwicklung, die auch die Zahl der Erwerbstätigen dramatisch sinken lassen wird. Ein Reservoir bilden die älteren Arbeitnehmer, die derzeit bei der beruflichen Weiterbildung weitgehend links liegen bleiben. Dies bezeichnet Timmermann als Fehler und belegt es mit der Erkenntnis des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung: „Menschen, die 60 und mehr Jahre alt sind, können ebenso gut lernen wie 20-Jährige.“

Wo soll aber das Geld für verstärkte Anstrengungen im Bereich lebenslangen Lernens herkommen? Derzeit gibt es verschiedene Quellen, wobei die Betriebe gar nicht so glänzend abschneiden. „Der betriebliche Anteil am gesamten Finanzierungsvolumen wird überschätzt, der des Staates und der Individuen unterschätzt“, bilanziert Timmermann. Zudem werde ein erheblicher Teil der individuellen und betrieblichen Aufwendungen vom Staat wieder erstattet.

Zu den Modellen, die die Kommission auf ihren Auslandsreisen kennen gelernt hat, zählen betriebliche Fondslösungen. „Frankreich hat schon eine Weile ein Umlagefinanzierungssystem“, erklärt Timmermann. Dabei müssen die Betriebe eineinhalb Prozent der Lohn- und Gehaltssumme in einen Fonds einzahlen.

Von dieser Abgabe werden sie befreit, wenn sie nachweislich selbst Weiterbildung anbieten. Das Angebot muss zudem bestimmte Qualitätsbedingungen erfüllen. „Vor allem kleine und mittlere Betriebe schaffen das nicht und müssen zahlen“, sagt Timmermann. Die Einnahmen aus dem Fonds dienten zur Entwicklung geeigneter Weiterbildungsmaßnahmen.

Als Alternative wurde das schwedische, vollständig über Steuern finanzierte Modell vorgestellt. In dem skandinavischen Land haben Beschäftigte während des gesamten Arbeitslebens Anspruch auf 180 Wochen lebenslanges Lernen. Während der Weiterbildung erhalten sie Unterhalt in Höhe des Arbeitslosengeldes. Außerdem wird in Schweden derzeit daran gearbeitet, privates Bildungssparen gesetzlich zu verankern. Die Beschäftigten, deren Einkommen deutlich über dem Arbeitslosengeld liegt, sollen so ihren Lebensstandard halten können. „Die ganze Weiterbildung wird also aus dem Staatssäckel finanziert“, resümiert Timmermann.

Für Deutschland fordert die Kommission, die „Selbstverantwortung für Lernprozesse“ zu stärken. Dabei soll nach Wegen gesucht werden, wie der Staat private Haushalte zum Sparen für die Bildung motivieren könne. Den Betrieben, vor allem den kleinen und mittleren Unternehmen könnten durch staatliche Darlehen, Prämien oder steuerliche Entlastung geholfen werden. Fast genauso wichtig wie das Geld ist aber die Zeit, die für Weiterbildung benötigt wird. Das Modell von Lernzeitkonten, das sich positiv entwickelt habe, solle ausgebaut werden.

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