Zeitung Heute : 60 m² Deutschland

Sie ist groß wie eine Zweizimmerwohnung, strapazierfähig, und in der Nacht auf den 3. Oktober 1990 jubelten Massen ihr zu. Heute ist der Hersteller der ersten Fahne der Einheit insolvent – und Deutschland ging es auch schon besser. Eine Flaggenkunde

Einig. Getragen von 14 Schülern aus Ost und West, gehisst in anderthalb Minuten. Die Fahne 1990. Foto: Roland Holschneider/dpa
Einig. Getragen von 14 Schülern aus Ost und West, gehisst in anderthalb Minuten. Die Fahne 1990. Foto: Roland Holschneider/dpaFoto: picture alliance / dpa

Sie haben die 60 Quadratmeter Deutschland genäht, die zum historischen Gongschlag der Geschichte, um null Uhr in der lauen und windarmen Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990, an dem neuen, extrem belastbaren Mast vor dem Westportal des Reichstags gehisst wurden. Deutschlands Einig- und Souveränwerdung vollzog sich in jenen anderthalb Minuten, die der Stoff nach oben brauchte, zigtausende Menschen jubelten und sangen im Chor auch mit Helmut Kohl, seiner überaus vergnügten Frau Hannelore und vielen Politikern aus Deutschland West und der ab sofort ehemaligen DDR die Nationalhymne.

Und danach ging es mit den Nähern erst bergauf und dann bergab, wie mit dem ganzen Land.

Sechs Meter Breite, zehn Meter Länge. So etwas Großes wie jene Fahne der Einheit haben sie in der Berliner Stoffdruckerei, kurz Best, nie wieder genäht. Minutenlang hatten ihnen die Zweinadelmaschinen von Dürkopp Adler unter fauchendem Rattern die Stoffbahnen aus den Fingern gerissen, die knapp Kante auf Kante lagen. Je zwei Bahnen für einen Farbstreifen in HKS-88-schwarz, HKS-14-feuerrot, RAL-1028-gold. Als sie fertig waren, mussten sie mit dem Stück Stoff, das nun groß war wie eine durchschnittliche Zweizimmerwohnung, in den Hof gehen. Zehn Mann waren nötig zum Zusammenfalten, und dann füllte der Stoff einen zwei Kubikmeter großen Karton. Schwer aber war der nicht. Vom verwendeten Stofftyp Berolina wiegt ein Quadratmeter 110 Gramm.

Die Winde im Fahnenmast läuft elektrisch. Sieben Karabinerhaken halten den Stoff. Nur einmal, in jener ersten Einheitsnacht, wurde die Fahne, die im Rang eines Denkmals steht und nicht der Beflaggungsordnung des Deutschen Bundestages unterliegt, in voller Größe zum Sockel getragen, von 14 Schülern aus Ost und West. Wenn sie heute gewechselt wird, denn Fahnen halten nicht ewig, man wäscht sie ein paar Mal, näht die ausgefransten Enden um, und dann muss eine neue her, kommen die Männer vom Bundestagsreferat ZT 14 mit Leinensäcken. Worauf zu achten ist beim Hissen: dass der Stoff niemals den Boden berührt, weil das Unglück bringt, und vor allem: dass die richtige Farbe oben ist.

„Fahnen sind die Krawatten eines Unternehmens“, sagt Simon Schimming, 45. Wenn die nicht stimmen, stimmt auch sonst nichts. Schimming ist gelernter Fahnenexperte. Schon als Schüler jobbte er bei Fahnen-Best, die Tochter des Firmeninhabers war eine Klassenkameradin. Nach dem Abitur studierte er Geologie, jobbte weiter bei Best, und als er sein Diplom hatte, konnte er Taxifahrer werden oder bei Best Assistent der Geschäftsführung. Er wählte zweiteres und brachte es in kurzer Zeit bis zum Produktionsleiter.

„Wo eine Fahne weht, da ist was“, noch eine Schimmingsche Fahnenregel. Und 1990 war was. Nachwendedeutschland taumelte durch den Einheitsboom, war ein einig Flaggenmeer. Fünf neue Bundesländer brauchten neue Landesfahnen, als Hiss-, Trage-, Tischfahnen, sie brauchten die Europafahne und Schwarz-Rot-Gold ohne Hammer und Sichel, dazu kamen landauf, landab die Hallo!-Neu!-Tankstellen- oder Supermarkteröffnungsfahnen.

Berge über Berge Stoff lagen damals in der Best-Fabrik in der Weddinger Wollankstraße, drei Etagen hatte sie dort in einem alten Backsteinbau direkt an der Mauer, die damals noch nicht ganz verschwunden war. 18 elektrische Nähmaschinen standen in zwei Reihen, im Schichtbetrieb wurde das Nähgarn in Stoffbahnen gehämmert.

20 Jahre später geht in Haus Nummer 22c im Industriegebiet Berlin-Mariendorf am südlichen Ende der Stadt das Schleudern der Waschmaschine in ein Sirren über. Das Telefon klingelt, und Schimming bespricht eine Lieferung. Ein Kollege klammert drei frisch gewaschene Bellamar-Spaßbadfahnen an die Leinen, die in der Ecke des hellen großen Raums gespannt sind. An der Frontseite geht der Rollladen hoch, es zieht nasskalte Herbstluft hinein. Auf einem Wägelchen werden Stoffrollen in die Halle geschoben. „Endlich“, seufzt Schimming. Sie werden diesen Stoff bedrucken mit einer neuen, kleinen Druckmaschine, die verglichen mit der, die sie früher hatten, so langsam arbeitet, dass Schimming anfangs schier die Tränen kamen beim Hingucken.

Auf dem Weg vom Mieter einer dreigeschossigen Fabrik zum Mieter eines einstöckigen Industriegebietsraums hat die Best-Fahnenfabrik noch einen Zwischenstopp in einem verspiegelten Prachtbau in Berlin-Neukölln eingelegt. Sie stellt quasi den Zeitenwandel ihrer eigenen und den der deutschen Entwicklung in Gebäuden dar. Den langweiligen, aber grundsoliden Backstein, der für stetige Geschäfte stehen könnte, für behäbige Gemütlichkeit, West-Deutschland, 80er Jahre, Kohljahre. Der verspiegelte Palast danach: das nicht mehr Durchschaubare der 90er, Protz und Show, die Dot.coms, man kaufte Aktien, machte Monatsgehälter mit ein paar Clicks, es schien alles so einfach und war es doch nicht. Die Internetblase platzte, Globalisierung wurde Bedrohung. Man besann sich auf das, was nötig war: ein Erdgeschoss am Stadtrand.

Zwei Fußball-Weltmeisterschaften, eine im eigenen Land, machten 2002 und 2006 wieder gute Stimmung, Fahnen wurden auch geschwenkt, hunderttausendfach, aber leider kamen die aus China. Geholfen hat die gute Laune auch sonst nicht. 2008 ging die Bankenwelt kurzzeitig in die Knie, dann litt die Weltkonjunktur, zuletzt nur noch der Euro. Da war Fahnen-Best, das Unternehmen, das jene Fahne der Einheit fertigte, der Zigtausende vor 20 Jahren zujubelten, die daselbst von Helmut Kohl angesungen wurde, die heute zusammengerollt im Lager des Hauses der Geschichte in Bonn liegt, schon in Insolvenz.

Schimming läuft den langen Tisch entlang, auf dem abgearbeitete oder noch nicht fertige Aufträge nebeneinander liegen. Kleine Pitu-Fahnen für den Caipirinha-Stand, große Hochformathängefahnen für den Münchner Olympiapark, ein Pappkarton mit gelben Fahnen der Deutschen Post AG, die sie bloß waschen sollen. Die Druckmaschine druckt schnaufend Fahnen, mit denen eine Hochschule sich schmücken will.

Dieses ganze Gerede von Wachstum, Wachstum, Wachstum, das sei doch alles Unfug, sagt Schimming. Irgendwann sei eben Schluss. Also machen sie weiter auf niedrigerem Niveau. Marktangepasst. Kein Auftrag ist zu klein, kein Lieferwunsch unmöglich. Der Insolvenzverwalter lässt sie gewähren, denn sie fahren ein bisschen Gewinn ein. Und 14 Mitarbeiter haben sie noch. Von den 120, die sie mal waren. Aber immerhin. „14 Arbeitsplätze, da profitieren 14 Familien von.“

Sie kaufen ihren Stoff auch nicht mehr nur aus China, sie kaufen auch von einer deutschen Firma. Der sei zwar teurer, aber besser, das sichere auch dort Arbeitsplätze, und der Transport sei billiger, die Umweltbelastung geringer. Schimming schläft seit dieser Einkaufsumstellung besser, sie gibt ihm ein gutes Gefühl, es panzert gegen die unsichere Zukunft. Es gehe eben letztlich im Leben doch um Menschen, das hat er in den harten Jahren gelernt, und nicht nur um Profit.

Wie viele Fahnen der Einheit in diesen harten Jahren seit der Ersthissung vor 20 Jahren den 50 Meter hohen Mast hoch- und runtergezogen wurden, hat niemand gezählt. Die Firma Best jedenfalls verlor den Auftrag Reichstagsbeflaggung inklusive Fahne der Einheit schnell wieder. Wurde in der Dienstleistungsausschreibung des Bundestags unterboten von Macflag, einer kleinen Firma aus Hohenschönhausen, tief im Osten der Stadt. Deren Chef sei einst noch selbst auf die Türme geklettert, erinnert sich Schimming, und habe den Stoff herabgeholt, fluchend, denn das war nicht ohne da oben.

Auch Macflag ist in den vielen Jahren mehrmals umgezogen und hat sich dabei verkleinert. Auch bei Macflag sorgen die vielen roten, gelben, grünen, blauweißen Stoffrollen, die in hohen Regal lagern, die vielen Wimpel und Fähnchen dafür, dass es fröhlicher aussieht, als die Lage ist. Die spiegelt sich eher im Gesicht von Angelika Niekler, 51, die als eine von drei letzten Mitarbeitern dabei ist. Der jüngste Auftrag für die Hege der Reichstagsbeflaggung läuft bis 2012, früher wurde jährlich neu ausgeschrieben. Dabei gehe es doch nur um ein Volumen von 300 Euro im Monat, sagt Angelika Niekler und lächelt matt.

Sie hat schon einmal erlebt, wie sich Arbeitsstrukturen auflösten. Als die Dienstleistungsannahmestellen, in denen sie arbeitete, in denen man Schuhe besohlen, Hosen umnähen oder Strümpfe stopfen lassen konnte, eine nach der anderen schlossen. Sie antwortete damals auf eine Anzeige: Näherin für leichte Tätigkeit gesucht. Sie sagt: Wer eine Hose umnähen kann, kann auch eine Flagge nähen, es sei nichts Besonderes. Und mit demselben Gleichmut wartet sie nun auf das, was kommt.

Von der Depression der Fahnenbranche unbeeindruckt tritt etwa alle vier Wochen Jose Mañogil Cases vom nach wie vor zuständigen Bundestagsreferat ZT 14 mit einem Kollegen und zwei Leinensäcken, einem leeren, einem vollen, vor das Westportal des Reichstags. Dann wird die Fahne der Einheit gewechselt. Aus einem dicken Schlüsselbund sucht er denjenigen Schlüssel heraus, mit dem er eine Luke am Mast öffnet, hinter der die „Auf“- und „Ab“-Tasten warten. Fährt dann langsam raunend die alte Fahne herunter, wird sie sogleich in den leeren Sack gestopft, kommt aus dem vollen die neue heraus. Die Männer werden dabei genau beobachtet von den Menschen, die seit 1999 in den langen Schlangen vor dem Reichstag anstehen. Manchmal fragt Cases, ob mal einer mitanpacken wolle, und wie die wollten, sagt er.

Alte und neue Fahnen lagern im Erdgeschoss des Reichstags, in hohen, grauen Schränken. Ausrangierte Flaggen werden unter Aufsicht der Männer vom ZT 14 vernichtet. Ungezählte Bürgeranfragen, ob man wohl eine alte haben könne, wurden abschlägig beschieden. Die Fahne, die zur Jubiläumsfeier der Deutschen Einheit hängt, wird keine Sonderanfertigung sein, sondern eine der Ersatzflaggen, die ohnehin im Regalschrank liegen, weil man auf Eventualitäten vorbereitet ist.

Ihre Ränder werden fusselfrei gekettelt sein, ihre Farben werden glänzen, sie wird, weil sie leicht ist, im geringsten Wind schon wehen, wird den Schmutz, der in der Luft ist, abweisen, so gut es geht, den Regen, wenn er fällt, abtropfen lassen. Sie wird die Krawatte sein des Unternehmens Deutschland – wie alle 7305 Tage seit jener historischen Nacht vor 20 Jahren. Aber das Unternehmen ist nicht mehr dasselbe.

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