Zeitung Heute : 7 Jahre Einsamkeit

Ingo Schulze veröffentlicht einen Roman. Fürs Schreiben hat er sich viel Zeit gelassen - sieben Jahre. Hätte das nicht auch schneller gehen können?

Torsten Hampel

DIE DATEN

Sieben Jahre Arbeit, 2555 Tage. Ergebnis: 790 Buchseiten. Sind also drei Tage pro Seite, eine Drittelseite pro Tag. Sieben Jahre Arbeit?

DER ANFANG

1998. Ein Klang im Ohr, ein Sound, endlich wieder lange Sätze. Keine reduzierte, asketische Kurzgeschichtensprache wie in „Simple Storys“, dem Buch, das er gerade erst beendet hat, das bald bejubelt werden wird wie kein zweites, Auflage: 250 000 Stück. Ein Klang und eine vage Idee – eine Schulgeschichte aus der DDR, der Tonfall den Vorbildern des Jahrhundertanfangs verpflichtet, „Tonio Kröger“ von Thomas Mann und „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ von Robert Musil. Was war eher, die Idee oder der Klang?

Dazu plötzlich der Druck, schnell etwas vorweisen zu müssen: Denn im Februar erhält Ingo Schulze als einer von sieben den Berliner Literaturpreis. Unter den sieben soll ein Wettkampf stattfinden, zwei Medaillen – nach dem Schriftsteller Johannes Bobrowski benannt – sollen vergeben werden. Dafür wird er Anfang Juni eine halbe Stunde vorlesen müssen. Etwas Neues.

Auf der Lesereise für „Simple Storys“ schreibt er das erste Kapitel einer Novelle, „Titus Türmer“ soll sie heißen, liest es vor, bekommt eine der beiden Medaillen, und: kommt danach nicht weiter. Dabei weiß er recht genau, wie die Novelle aussehen soll.

Dresden im Jahr 1977, der Schüler ist 14 und wird, wie alle Jungen in seinem Alter in der DDR, vor eine monströse Entscheidung gestellt. Er soll Offizier werden oder wenigstens für drei Jahre zur Armee gehen. Macht er’s oder nicht? Für einen Abiturienten wie ihn gilt der Grundwehrdienst von 18 Monaten als unwürdig. Auf der anderen Seite sein Banknachbar, der Klassenprimus, der bereits mit 14 den „Dienst an der Waffe“ verweigert.

ZWEIFEL I

Schulze denkt: Nichts an meiner Geschichte zeigt an, dass sie jetzt, 1998 geschrieben wird. Sie könnte genausogut von 1978 oder 1988 stammen. Das ist nicht gut.

ZWEIFEL II / ÄRGER MIT DER TONTECHNIK

Statt dass sich der altmodische, gediegene Tonio-Kröger-Sound an dem realen Sozialismus der Schule bricht, zerbröselt Schulze die Geschichte unter der Hand, sie wird larmoyant und „irgendwie postdissidentisch“. So sagt er das. Es meint: Einem Land, das es nicht mehr gibt, tritt er nicht nach. Auch wenn es ein blödes Land war. Das wäre zu leicht. Schulze hat das Gefühl, er hätte das Schreiben verlernt. Er könnte den Text jetzt weglegen und einen neuen anfangen. Doch er grübelt weiter.

DIE UNTERBRECHUNGEN

1999 ist Schulze beschäftigt mit allen möglichen Sachen. Er hält die Laudatio auf einen Künstler, schreibt für Zeitungen, er sitzt in einer Jury, ein Umzug. Allmählich erscheinen die „Simple Storys“-Übersetzungen, Einladungen in fremde Länder kommen, Buchmessen, auch das Goethe-Institut schickt ihn durch die Welt. Tokio, Rio de Janeiro, Singapur, Südkorea. Es geht die ganze Zeit so weiter, die Zeit wird zerhackt. Zwischendurch bestenfalls ein paar kleine Geschichten.

PAPIER IST GEDULDIG

„Sieben Jahre Arbeit sind weder ein Verdienst noch eine Schande. Für die künstlerische Leistung ist Zeit irrelevant.“ Und: Man muss warten können, sagt Ingo Schulze und gibt zugleich zu, hin und wieder erschrocken zu sein, weil er so lange nichts Vorweisbares produziert.

Doch allmählich zeichnen sich Konturen ab: Keine Novelle mehr allein, ein Roman soll hinzukommen. Und ein Romanheld, Enrico Türmer, Schriftsteller. Repräsentant jener DDR-Welt, in der die Worte die Zahlen verdeckten, erlebt den Weltenwechsel von ’89 und wird zu einem Geschäftsmann in der Welt, in der die Zahlen die Worte verdecken. Zwei Bücher (oder mehr) in einem Buch – Vorbild: „Kater Murr“ von E. T. A. Hoffmann. Der Fauststoff schleicht sich ein. Die eigene Biografie, Dresden, Jena, Altenburg, als halbwegs sicheres Terrain, auf dem erfunden werden kann („Ich bin ein schlechter Recherchierer“). Und und und …

DER GEPLATZTE KNOTEN

Anfang 2001 ein Stipendien-Aufenthalt in New York, der Stadt, die niemals schläft. Schulze bezieht für zwei Monate eine kleine Wohnung im Süden Manhattans, nicht besonders leise, nicht besonders laut. Der Blick geht hinaus auf einen Sportplatz und die Häuser des Broadway. Vielleicht ist es dieser Abstand. Schulze dachte das ganze vorhergehende Jahr vor allem über die zweite Sache nach: wie er seine Geschichte in die Gegenwart holt. Er hatte ja schon eine Idee, und hier in New York nun ist er sich fast sicher, dass sie die richtige ist.

Er lässt seinen Romanhelden Briefe schreiben über dessen zurückliegendes Leben. Briefe, weil in der Ich-Form geschrieben werden soll. „Was sonst kann einer schreiben, der behauptet, kein Schriftsteller mehr sein zu wollen?“ Sie sollen die Rückseiten alter Manuskripte sein. Der Held schreibt Briefe, heute, jetzt, auf den Rückseiten seiner frühen Schriftsteller-Versuche. Auch auf den Rückseiten jener Schülernovelle.

Schulzes Frau ist dabei in New York, ihre erste gemeinsame Reise. Schulze sagt zu ihr: „Ja, wir unternehmen etwas zusammen, aber erst muss ich endlich meine Arbeit machen.“ Den Satz hört sie auch heute noch dauernd.

DATENREVISION

Anfang 2001 entstanden die ersten Seiten, die dann tatsächlich ins Buch kamen. Macht, von 2001 bis zu dessen Erscheinen im Herbst 2005, viereinhalb Jahre. 1642 Tage. Sind zwei Tage pro Seite.

DIE NACHFORSCHUNGEN

Längst wieder in Berlin, das Telefon klingelt. Jemand von der Wochenzeitung „Die Zeit“:

Herr Schulze, Ihr allererstes Buch heißt „33 Augenblicke des Glücks“. Wir haben uns ausgedacht: Wollen Sie für uns nochmal eine Reise ins Glück machen und drüber schreiben? Zweieinhalb Tage Monte Carlo, 1000 Euro Honorar, 1000 Euro zum Spielen?

Überlegen. Eine Roulette-Episode sollte ja ohnehin in den Roman, auch als Metapher für die Gegenwart. Spiel, Spekulation, Börse, Kapitalismus. Vielleicht sogar die wichtigste Metapher, auf den Schutzumschlag des Buches ist ein Roulette-Tisch gedruckt. Sachbücher über Glücksspiel hatte Schulze schon gelesen.

„Ja, aber wir machen es anders. Geben Sie mir das Doppelte, 2000 Euro Spielgeld, dafür setze ich mein Honorar ein und höre erst auf, wenn ich die 3000 verdoppelt oder alles verloren habe. Wenn ich gewinne, bekommen Sie die 3000 zurück, wenn ich verliere, muss ich den Artikel umsonst schreiben.“

Schulze fährt nach Monte Carlo. Spielt. Gewinnt. Am ersten Abend 1200 Euro, am zweiten 2000, also insgesamt 3200. Die „Zeit“ erweist sich als generös, er darf alles Geld behalten. Für das Buch muss er kaum noch etwas erfinden, nicht einmal die unbezahlbare Suite im Hotel de Paris, die das Hotel kostenlos zur Verfügung stellt. Er muss nur die Euro in Franc umrechnen.

DER ARBEITSTAG

Morgens zwischen neun und halb zehn Uhr ab in das kleine Schreibzimmer, wo der Computer steht. Um zwei Pause, vielleicht nochmal an den Schreibtisch so gegen vier, fünf am Nachmittag, auf jeden Fall aber abends. Schulze sagt: „Eine Zeit lang konnte ich die Uhr danach stellen, abends gegen halb zehn kam jedes Mal die Keule.“ Keule bedeutet Erschöpfung. Dann Computer aus.

ARBEITSWUT

Im Juli 2002 wird Clara, die erste Tochter, geboren, im September 2004 Franziska. Keine Pause. „Dachte jedes Mal, ich werd’ nächstes Jahr fertig, hab ich also weitergemacht.“

UFERLOS

„Ich dachte immer: Noch fünf, sechs Kapitel, dann bist du durch. Doch dann stellte sich immer wieder heraus, das wird mehr. Wenn du das Eine schreibst, dann musst du auch das Andere schreiben. Aber es wurde auch immer leichter, wie bei einem Memory-Spiel. Je mehr man gelöst hat, umso überschaubarer wird der Rest.“

VERGESSEN

Die verschiedenen Arten, sich vorm Schreiben zu drücken. Die Dinge, die einem wichtiger schienen, als sich an den Schreibtisch zu setzen oder dort sitzen zu bleiben, auch wenn es nicht vorangeht. Die Dinge, die sonst noch zu erledigen sind. Zu lange her. Der Abwasch, die Steuererklärung? „Ja, so etwas“, sagt Schulze. „So gingen eigentlich die ersten drei Jahre dahin. Wenn man nicht weiß, wie’s weitergehen soll, dann drückt man sich.“

Was er noch weiß, ist, dass er diesen Zustand damals nicht kannte. Er war neu. Die ersten beiden Bücher, das sei wie von selbst gegangen, sagt er, „als ich die anfing zu schreiben, wusste ich noch gar nicht, dass ich ein Buch schreibe“.

DAS GELD

Kein Problem. Im Herbst 2001 ruft ein Literaturprofessor der Technischen Universität Berlin an. Er weiß etwas. Schau in deine E-Mail, sagt er. Schulze schaut, er findet etwas, eine Mail mit Attachment. Er erinnert sich aus zwei Gründen daran. Es war der erste E-Mail- Anhang, den er öffnen konnte, und: Es stand etwas Schönes darin. Preis gewonnen, 86 000 Mark. Auf der letzten Seite von „Neue Leben“ steht eine Danksagung. „Der Joseph-Breitbach-Preis ermöglichte mir ein finanziell sorgenfreies Arbeiten.“

ERMUTIGUNG

Schulzes Frau, die das Geschriebene liest, Stückwerk zum Teil oder endlos lange Fassungen einzelner Briefe, die mehr lesen will. Die Figuren halten Einzug in die Familie. Man spricht über sie.

FAST GESCHAFFT

Mitte Oktober 2004 trägt Schulze einen Papierstapel von 824 beschriebenen Din-A-4-Seiten in den Verlag – noch ohne die „verworfenen Werke“, die Briefrückseiten des Herrn Türmer. Die schreibt Schulze ganz zum Schluss: „Nach den Briefen war es plötzlich einfach, wieder eine Geschichte, eine Novelle zu schreiben.“ Jetzt kann er schreiben, was anfangs nicht möglich war. Als Geschichte in der Geschichte, als Bild im Bild ist die Novelle plötzlich möglich. „Sie kann etwas erzählen, was sich sonst nicht mehr erzählen ließe.“

LETZTE RECHNUNG

824 Blätter Din-A-4-Papier. Plus Türmers verworfene Werke, macht ungefähr 1150 Buchseiten. Viereinhalb Jahre, 1642 Tage, 1150 Seiten. 1,4 Tage pro Seite, 0,7 Seiten pro Tag. In den letzten acht Monaten: kürzen, kürzen, kürzen. Aber wie berechnet man das?

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