70 Jahre, 20 Jahre später : Ein Thriller gibt zu denken

Peter Becker

Ist das Zufall oder nicht doch ein Indiz? Heute kommt der amerikanische „Walküre“-Film über Stauffenbergs Attentat in die deutschen Kinos. Bald folgen weitere Hollywood- und auch deutsche Produktionen, die wieder vom Holocaust, vom Zweiten Weltkrieg und den Nachwirkungen, die von Nazis und auch von guten, widerständigen Deutschen erzählen: ob in der Verfilmung von Bernhard Schlinks „Der Vorleser“ oder, im fernen Schanghai spielend, die Geschichte von „John Rabe“.

Natürlich: Die Vergangenheit ist nie ganz vergangen, und wer das historische Gedächtnis verliert, gewinnt nur bewusstlose Gegenwart. Ohne Sinn für die Zukunft. Solche Sätze werden gerne, zu Recht und alle Jubiläen lang beschworen. Neben der Geburt der Bundesrepublik und dem Anfang und Ende der DDR gehört in das Supergedenkjahr 2009 auch der 70. Jahrestag des Beginns des von Hitler entfachten Kriegs. Hitler und die Nazis haben als Schreckensfiguren, aber seit Lubitsch und Chaplin auch in Komödien und Comics eine noch immer unschlagbare Negativpopularität.

Das wissen Hollywoodproduzenten so gut wie „Spiegel“-Titelbildner. Auch die „Operation Walküre“ gibt es als Main streamkino nur, weil Graf Stauffenberg alias Tom Cruise nicht irgendeinen Gewaltherrscher umbringen will. Sondern den in den Augen der Welt größten aller großen Diktatoren. Trotzdem ist hier etwas erstaunlich – ja, beispiellos. Ein noch immer mehrheitlich für das amerikanische Publikum gemachter Hollywoodfilm, der, anders als „Schindlers Liste“, ausdrücklich ein Kriegsthriller ist, erzählt allein von deutschen Militärs. Er rückt im Gegenschnitt keinen einzigen GI oder US-Officer als Identifikationsfigur ins Bild. Obwohl es, im Motivationsgeflecht der Verschwörer nicht unwichtig, kurz vor dem 20. Juli 1944 die amerikanische Invasion in der Normandie gab. An sie hat auch Barack Obama eben erst in seiner Inaugurationsrede erinnert.

Ein Kassengift ist die „Walküre“ in den USA nun wider alle Warnungen nicht geworden. Dennoch macht ein Cruise-Kino nicht retrospektiv ein neues Deutschlandbild. Wie auch. Stauffenberg stand und starb für ein anderes Deutschland, aber Deutschland und die Welt verändert hat erst der Sieg der Alliierten. Andererseits zeigt der relative Erfolg des Films, dass man in der deutschen Erinnerungskultur nicht mehr krampfhaft um die im Ausland längst selbstverständliche Erkenntnis ringen muss, dass nicht alle Deutschen nur hitlergläubige Nazis waren. Eine brüllende, dann schweigende Mehrheit war schlimm genug.

Diese Selbsterkenntnis gehört zum unaufhaltsamen Prozess der Historisierung. Auch in ihm bleibt der Massenmord an Europas Juden ein singuläres Verbrechen. Holocaust und Kriegsschuld sind durch nichts aufzurechnen. Doch Hitler, der universell faszinierende Bösewicht, dessen Schatten sogar noch im Bild des rassistischen „Dunklen Lords“ der Harry-Potter-Legende weiterspukt, war als Diktator nicht singulär. Dass es über den Archipel Gulag keinen Film wie „Schindlers Liste“ gibt und keinen über Stalins oder Maos innere Welt, erzählt auch etwas über verkürzte Erinnerung, über verhinderte, verdrängte politische und moralische Kultur.

Deutschland setzt sich der Erinnerung immer wieder aus. Das war die Last und Lektion der Vergangenheit – aber auch der erleichterte Blick in eine bessere Zukunft. Diese tiefere Wendung freilich steht 20 Jahre nach der Wende in Teilen Europas und der Welt noch aus.

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