Berlin ist heute keine umstrittene Stadt mehr

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775 Jahre Berlin : Ein Mythos braucht keinen Pomp
Krijn Thijs
Martialischer gab sich der Festumzug unter nationalsozialistischer Herrschaft 1937.
Martialischer gab sich der Festumzug unter nationalsozialistischer Herrschaft 1937.Foto: ullstein bild

Schauen wir von unserem Heute auf diese Ereignisse zurück, so liegen die Bezüge zum großen Jahr 1989 auf der Hand. Gorbatschows Name machte überall die Runde, und die Stasi erlitt Ende 1987 in der Auseinandersetzung um die Umweltbibliothek ihre erste öffentliche Niederlage. Wir sagen heute „erste Niederlage“, weil wir wissen, was 1988 und 1989 folgte. Die Berliner von 1987 wussten das nicht, weder hüben noch drüben. Für die politisch Interessierten unter ihnen häuften sich die Anzeichen von Veränderung – ohne dass man Art, Richtung oder Tempo erahnen konnte. 1987 war vieles vorstellbar, nur nicht ein baldiger Fall der Berliner Mauer.

Wie wird sich die 775-Jahr-Feier zu diesen Vorgängerfesten verhalten? Natürlich findet man heute in wechselnden Kombinationen Elemente aus allen früheren Stadtjubiläen wieder. Hinsichtlich seines Ranges schrumpft das Jubiläum nach dem Pomp von 1987 wieder auf seine herkömmliche Größe zurück. Ähnlich der 700-Jahr-Feier werden wir ein bescheideneres, konzentriertes Fest erleben – Bundeshauptstadt hin oder her. Aus der West-Berliner Tradition stammen das politische Selbstverständnis und in weiten Zügen auch die Deutung und Interpretation der Stadtgeschichte („Stadt der Vielfalt“). Mit dem Ost-Berliner Jubiläum teilt die heutige Feier ihre Vorliebe für die mittelalterlichen Ursprünge und nicht zuletzt ihre Choreographie. Berlin feiert heute an Orten und vor Kulissen, die vor 25 Jahren mit Blick auf den Geburtstag der Hauptstadt der DDR errichtet wurden, allen voran das Nikolaiviertel.

Und sonst? Manche werben für das Fest, weil Berlin zum ersten Mal als vereinigte Hauptstadt den Geburtstag begeht. Das stimmt gewiss, aber so richtig zwingend wirken sie nicht, diese Verweise auf Ereignisse von vor über zwanzig Jahren. Und genau darin liegt der größte Unterschied zu allen Vorgängerfesten: Berlin ist heute keine umstrittene Stadt mehr. Im 20. Jahrhundert war Berlin die Stadt der Systemkonkurrenz, und das prägte stark die drei Jubiläen.

1937 ging es um die Einordnung der Berliner Identität in den neu etablierten NS-Staat. 1987 ging es in Ost wie West um die Zukunftsfähigkeit nach vierzig Jahren Teilung. Vergleichbares steht heute nicht mehr auf dem Spiel. Sogar der Abstand zu 1989/1990 ist inzwischen so groß, dass sich viel von der Spannung des „Neuen Berlin“ der 1990er Jahre mittlerweile gelegt hat. Die Stadt ist normaler geworden, wie ihre Sorgen, ob Flughafen oder Fußball. Niemand bemächtigt sich des Jubiläums, um mit einer krampfhaften Selbstinszenierung rivalisierenden Berlin-Bildern den Kampf anzusagen.

Und so verhält es sich mit dem Jubiläum, wie mit vielen anderen Dingen in der Stadt auch: das aufregendste daran dürfte seine Geschichte sein.

Der Autor ist Historiker und arbeitet am Duitsland Instituut der Universität Amsterdam. Er ist Kurator der Open Air Ausstellung „Party, Pomp und Propaganda. Die Stadtjubiläen 1937 und 1987“ vor der Marienkirche. Heute erscheint im Nicolaiverlag das Begleitbuch.

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