775 Jahre Berlin : Der erste Berliner sah freundlich aus

Unter dem Pflaster liegt das Mittelalter. Man muss nur tief genug graben. Dann kommen alle Geheimnisse ans Licht, sagt die Archäologin Claudia Melisch.

Eine Ahnung von Mittelalter. Die Nikolaikirche auf einem Gemälde von Johann Heinrich Hintze, 1827. Authentische Darstellungen des mittelalterlichen Berlins sind rar.
Eine Ahnung von Mittelalter. Die Nikolaikirche auf einem Gemälde von Johann Heinrich Hintze, 1827. Authentische Darstellungen des...Foto: Stiftung Stadtmuseum Berlin / 775 Jahre Berlin

„Und dies ist der älteste Berliner, den wir kennen“, sagt Uwe Winkler, nimmt vor Begeisterung die Brille von der Nase und zeichnet damit die Striche der bestens erhaltenen, lebensgroßen Ritzzeichnung eines Mannes in besten Jahren nach. Uwe Winkler ist ein Berliner Historiker, der sich die Lokalgeschichte aus dem Ärmel schüttelt, weil er seit 30 Jahren im Märkischen Museum arbeitet und so mit unseren Vorfahren, die vor 800 Jahren in Berlin und Cölln lebten, bestens vertraut ist.

Der Uralt-Berliner blickt direkt von seiner Grabplatte auf uns herab. Seine Hände sind ineinandergefaltet, er trägt eine ganz modern anmutende wallende Lockenpracht, und um den Mund spielt ein zartes Lächeln. Der Mann sieht freundlich aus. Er hieß Conrad von Belitz, starb 1308 und muss reich gewesen sein, nicht nur, weil er sich so eine Grabplatte in der Franziskaner-Klosterkirche leisten konnte. Herr Belitz war Ratsherr und taucht mehrfach im Hamburger Schuldbuch von 1288 als Kaufmann auf. Danach hat er märkisches Eichenholz oder auch Roggen von Berlin nach Hamburg transportiert und von dort aus andere Waren, „zumeist Luxusgüter“, sagt der Historiker, nach Berlin gebracht: flandrische Tuche, Geschirr, Gewürze, Salz, Heringe.

Am Ende des 13. Jahrhunderts war also schon einiges los in der Doppelstadt. Auch wenn wir jetzt das 775. Stadtjubiläum feiern: Die Anfänge liegen viel weiter zurück. Es war ziemlich wüst und leer, als sich die ersten Siedler beiderseits der Spree niederließen, ihre neue Heimat Berlin und Cölln nannten und aus dem teils sumpfigen, teils festen Boden nach und nach Städtchen stampften.

Wenn auf einer Urkunde vom 28. Oktober 1237 der Pfarrer Simeon aus Cölln auftaucht, ist der Kirchenmann sieben Jahre später, 1244, schon zum Propst von Berlin aufgestiegen. Was bedeutet, dass es in diesen Jahren bereits zwei Kirchen samt ihren Erbauern und gläubigen Besuchern gab, die Nikolaikirche in Berlin und die Petrikirche in Cölln. Als „civitas“ (Stadt) wird Berlin erstmals 1251 und Cölln 1261 urkundlich erwähnt. Natürlich sind die vielleicht auch deshalb so selbstbewussten Spandauer schon viel älter. Der Name taucht zuerst am 28. Mai 1197 auf, am 10. 2. 1209 erscheint Köpenick auf einem Schriftstück.

Und wie haben sie gelebt, damals, die Ur-Berliner, die Urbarmacher und Pioniere? Im Märkischen Museum liegen die Gegenstände ihres Alltags: Löffel, Messer, Töpfe, Krüge, Keramik. Im Sommer schlüpften die meisten Leute mit dem ersten Hahnenschrei aus ihren Betten, um bis zum Einbruch der Dunkelheit zu arbeiten. Nach Feierabend beleuchteten Kerzen die kargen und engen Wohnungen, die Häuser waren aus Holz oder Fachwerk, die Reichen hatten Steinhäuser. Sie standen in der Sozialpyramide ganz oben, gleich hinter dem Markgraf und dessen Stellvertreter, dem Schultheiß: Patrizier, die sich selbst als „gude Lude“, gute Leute bezeichneten, Kaufleute und Fernhändler.

Dann folgen Apotheker und die wichtigsten Gewerke Tuchmacher, Metzger, Bäcker, Schuhmacher, ferner Kürschner, Schneider, Schreiner, Zimmerleute und metallverarbeitende Gewerke, schließlich kam so etwas wie der vierte Stand, die untere Stufe mit Tagelöhnern, „Stiften“, Gesellen, Knechte, Mägde, fahrendes Volk oder „unehrenhafte Berufe“.

Wie funktionierte das Leben in Berlin und dem halb so großen Cölln, die beide nur durch den Mühlendamm verbunden waren? An diesem einzigen Spreeübergang begann die einstige Besiedelung. Die Berliner und Cöllner errichteten einen Damm und stauten die Spree, um die Mühlen mit Wasserkraft anzutreiben. Schiffe, die hier halten mussten, boten ihre Waren auf dem Markt an St. Petri und St. Nikolai feil, es begann quasi der Aufstieg Berlins zur Handelsstadt. Wer gut zu Fuß war, brauchte eine gute halbe Stunde, um einmal um die Doppelstadt herum zu laufen. Das Tempelhofer Feld ist viermal so groß.

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