Ost- und West-Berlin in einem doppelten Veranstaltungsmarathon

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775 Jahre Berlin : Ein Mythos braucht keinen Pomp
Krijn Thijs
Die West-Berliner veranstalteten einen Wasserkorso, der notwendigerweise auch die Grenzen passieren musste. Einige Teilnehmer nahmen auch in Ost-Berlin an einem Wasserkorso teil.
Die West-Berliner veranstalteten einen Wasserkorso, der notwendigerweise auch die Grenzen passieren musste. Einige Teilnehmer...Foto: ullstein bild

Ost-Berlin beging den Geburtstag als Hauptstadt der DDR und konnte viele Ressourcen aus der gesamten Republik dafür mobilisieren. Ein massives Staatsfest war die Folge, das das ganze Jahr dauerte und kommunale Grenzen weit überstieg. Die 750-Jahr-Feier sollte die Stabilität und Normalität des realsozialistischen Deutschlands vorführen. Staatsglanz, Bauprogramme im Stadtzentrum und eine gewaltige Festparade inszenierten die Vitalität der DDR. Dass es noch ein anderes Berlin gab, war aus diesem Programm kaum zu erfahren. West-Berliner Versuche, über die Mauer hinweg zu gemeinsamen Festveranstaltungen zu kommen, hatte die SED in den Jahren zuvor abgeblockt. Die Ost-Berliner 750-Jahr-Feier wurde eine Hauptstadtinszenierung der DDR.

Das dritte Geburtstagsfest feierte im gleichen Jahr 1987 eben diese merkwürdige Insel West-Berlin. Eingemauert vom sozialistischen Umland und reduziert auf die Hälfte des Stadtgebietes, überlebte die einstige Frontstadt im Kalten Krieg nun schon seit vierzig Jahren. Doch was wollte man 1987 eigentlich feiern? Die Teilung erkannte man ja nicht an. Sollte der Senat mit massiven Programmen Ost-Berlin zu übertrumpfen suchen? Oder hatte eine Demokratie sich anders zu inszenieren als eine sozialistische Diktatur? Heraus kam ein dezentrales und nachdenkliches Jubiläum, das sich auch im Stil nachdrücklich von den beiden totalitären Berlin-Inszenierungen unterschied. Die Insel feierte im östlichen Tiergarten „vor den Toren der Stadt“ und versuchte damit einseitig die Zusammengehörigkeit beider Teilstädte zu inszenieren.

Die Feierkonkurrenz machte das Berliner Jahr 1987 zu einem denkwürdigen Ereignis. In einem doppelten Veranstaltungsmarathon präsentierten Ost- und West-Berlin sich selbst, einander und der Welt. Zwei Jahre vor dem unvermuteten Ende der Teilung standen sich beide Stadthälften in voller Ausprägung gegenüber. Beide Städte putzten sich mit neuen Bauvorhaben heraus, die Berlin teilweise bis heute prägen.

Die Hauptstadt der DDR landete dabei den größten Coup, mit der Rekonstruktion der Nikolaikirche und dem Bau des Nikolaiviertels. Diese Kulisse war im Staatssozialismus regelrecht spektakulär und belegte zudem den Anspruch, dass die historische Kontinuität zur DDR führte und nicht zu West-Berlin. Auch am Platz der Akademie (heute: Gendarmenmarkt), in einigen Wohnvierteln und in den Trabantenstädten wurde für das Jubiläum fleißig gebaut. Der landesweite Protest gegen die offensichtliche Bevorzugung der Hauptstadt war 1987 legendär.

West-Berlin fehlte solche historische Bausubstanz und setzte zur 750-Jahr-Feier auf die Wiederentdeckung der vernachlässigten Gebiete an der Mauer. Hier gab es Ausstellungen in renovierten Häusern, wie „Berlin, Berlin“ im Martin Gropius Bau, „Die Reise nach Berlin“ im Hamburger Bahnhof, eine Wissenschaftsausstellung in der wiedererrichteten Kongresshalle. Brachen wandelten sich zu Kulturwiesen: Im leeren Spreebogen wurde das Deutsche Historische Museum gegründet, am Anhalter Bahnhof gab es „Mythos Berlin“, zum Kulturforum fuhr eine Magnet-Bahn und neben dem Gropiusbau gab es in ausgegrabenen Kellern zum ersten Mal die „Topographie des Terrors“ zu sehen.

An unerwarteten Ereignissen fehlte es 1987 wahrlich nicht. Los ging es in West-Berlin mit dem ungeliebten „Skulpturenboulevard“ am Kurfürstendamm, der eine regelrechte Protestwelle provozierte. Bei der Ost-Berliner 1. Mai-Demonstration gab es auffällig viele Gorbatschow-Plakate zu sehen, während Politbüromitglied Kurt Hager dessen Reformbestrebungen eben noch als „Tapetenwechsel“ abgetan hatte. In Kreuzberg gab es gleichzeitig zum ersten Mal Maikrawalle – auch das etwas, das vom Jubiläum blieb.

Wenige Wochen später wollten Ost-Berliner Rockfans David Bowie am Reichstag hören und sprach Ronald Reagan „Mr. Gorbachev, tear down this wall“. Im Herbst absolvierte Erich Honecker einen Staatsbesuch in Bonn, hatten die Ost- und West-Berliner Stadtoberhäupter eine erste persönliche Begegnung und fiel die Stasi vergeblich in die oppositionelle Umweltbibliothek in der Zionskirche ein. Und über all diesen Ereignissen, ob Misserfolg oder Meilenstein, schwebten die Logos der beiden 750-Jahr-Feiern.

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