80. Geburtstag : Wie viel Kohl ist in Berlin?

Kommenden Samstag wird Altkanzler Helmut Kohl 80 Jahre alt. Die Stadt, das Land, die Regierung – vieles in Berlin hat mit ihm zu tun. Kein Wunder, wenn einer so lange an der Macht war.

Illustration: Klaus Stuttmann
Illustration: Klaus Stuttmann

WO SIEHT MAN IHN?

Natürlich in der Ahnengalerie des Bundeskanzleramts, in der „Bundeswaschmaschine“, die Deutschland ihm zu verdanken hat. Der Schultes-Bau, der zunächst manchen zu groß erschien, der Helmut Kohls Nachfolger Gerhard Schröder (SPD) vor allem zu protzig war – und für andere, vor allem ausländische (Staats-)Gäste schlicht großartig ist. Wer, zum Beispiel, im Kanzlerbüro steht und auf den Reichsbundestag blickt, der sieht: Das Kanzleramt ist nicht ganz so hoch. So muss man das gewissermaßen sehen: Der Bundestag steht über dem Kanzler, und das ist von der Verfassung her so vorgesehen. Kohl hat auch immer so gedacht. Ja, wer sich an die architektonischen Überlegungen zum „Band des Bundes“ erinnert und heute auf das Ensemble der Macht an der Spree blickt, der sollte nicht vergessen, wem er das zuzurechnen hat. Francois Mitterrand, der alte Sozialistenfreund Kohls, Großbaumeister und französischer Präsident, hätte seine Freude daran gehabt. Oder wer zur Neuen Wache Unter den Linden streift und sich dort die (enorm vergrößerte) Kollwitz-Pieta anschaut, der sieht: Kohl. Er war’s, der das zuwege brachte. Umstritten war’s auch, aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Schon vergessen, dass Kohl Ieoh Ming Pei, den amerikanischen Architekten chinesischer Herkunft, der für die Klassische Moderne steht, in Berlin bauen sehen wollte? Selbst auf der Friedrichstraße findet man Kohls Spuren. Am Tiergarten, in der Konrad-Adenauer-Stiftung. Und im Konrad-Adenauer-Haus, der CDU-Parteizentrale, die ein gewagtes Stück Architektur ist mit ihrem gläsernen Bug Richtung Urania, hat sich auch nicht nur Peter Hintze als Generalsekretär verwirklicht. Und dann in jeder Ausstellung, in der es um die Einheit geht, die deutsche, gerade jetzt wieder, im Jubiläumsjahr – überall Kohl.

Früher, vor seinem Unfall, hat man ihn auch öfters Unter den Linden spazieren gehen sehen, mit kleinem Gefolge, verfolgt von Menschen, die kurz an seinen Mantel der Geschichte fassen wollten, wirklich und wahrhaftig. Oder man hat ihn essen sehen, immer wieder gerne beim Italiener in Charlottenburg und im Grunewald. Heute ist der Titan müde geworden, ringt er um Worte, wie neulich bei der American Academy. Dass er dorthin kam, ist seinem Gefühl für Respekt gezollt, dem Respekt davor, dass es die USA waren, die seine Karriere erst möglich gemacht haben, ihren Beginn und ihren Zenit. Es ist schon richtig: Kohl vergisst nie.

WO FÜHLT MAN IHN?

In so vielen Diskussionen wehen seine Erinnerungen an, wie Kohl selbst sagen würde, gesagt hat auf manchem Parteitag. Nicht nur, wenn Karikaturen birnenförmige Köpfe zeigen, weil das doch sein Spitzname war, „Birne“, ohne dass die, die ihn so nannten, immer wussten, welche Analogie sie hervorriefen: die mit Louis Philippe, dem Bürgerkönig in Frankreich. Der verabschiedete sich auch mit der Zeit immer mehr von seinem anfänglich liberalen Regierungsstil. Aber das ist eine andere Geschichte.

Allerdings ist es in politischen Diskussionen immer noch oft so, dass die Teilnehmer meinen, sich von ihm distanzieren zu müssen; oder von der Zeit seiner Kanzlerschaft, weil die doch „Mehltau“ über Deutschland gebracht habe, wie seinerzeit die SPD immer argumentierte. Wir sind doch hier nicht bei Kohl… Wären wir es, würde mehr reformiert. In seiner zweiten Amtszeit war Schröder ziemlich nahe beim frühen Kohl. Und Angela Merkel ist sowieso von Kohl geprägt.

WO WIRKT ER NOCH?

In eben der Bundeskanzlerin. Sie hat auch Kohl überstanden, hat sich in einem überraschenden Akt – wahrscheinlich auch für sie selbst – mittels eines Zeitungsartikels von ihm emanzipiert: Da war sie Generalsekretärin unter Wolfgang Schäuble als dem CDU-Chef, und Kohl stand im Zentrum der Parteispendenaffäre. (Übrigens: Sein Ehrenwort, die Spender nie zu nennen, hält er bis heute. Ungeachtet aller Verfahren, ungeachtet rechtlicher Vorstöße. So ist er. L’État c’est … – ein Bürgerkönig.) Von Kohl hat sich Merkel eine Führungstechnik abgeschaut, das ist die: Wir warten mal ab, wie sich die Sache entwickelt, und wenn wir es wissen, stellen wir uns an die Spitze. Das hat Merkel adaptiert und für sich perfektioniert. Das macht sie bei den Deutschen beliebt. Dass sie nebenbei auch sein Bewertungsschema übernommen hat, fällt öffentlich gar nicht so auf: Freund/Feind/uninteressante Personen.

Kohl hatte aber auch noch die andere Seite: Europa. Für die Verwirklichung dieses Traums hat er Vieles riskiert, der Ehrenbürger Europas, der er heute ist. Und davon gibt es überhaupt nur zwei. Jean Monnet ist der andere, ehemaliger Präsident der Hohen Behörden der Montanunion. Kohl hat nicht nur den Ostdeutschen die 1:1-Umwandlung der DDR- in die D-Mark verschafft (wofür er heute noch verehrt wird, kein anderer hätte das gemacht – noch sich getraut), er hat auch den Euro durchgesetzt! Die europäischen Deutschen. Kohl kannte seinen Thomas Mann. So wirkt er im Euro weiter und weiter und weiter.

Aber auch in denen, die sich früher in der CDU an ihm rieben, den sogenannten Jungen Wilden, die heute soignierte Herren in Amt und mit Würden sind, Ronald Pofalla, Norbert Röttgen, Hermann Gröhe, Günther Oettinger, Christian Wulff, Ole von Beust, Peter Müller. Ohne durch die Schule Kohl gegangen zu sein, wären sie alle heute nicht das, was sie sind. Und Frau Schröder, die junge Familienministerin, auch nicht. Sie ist wegen Kohl in die CDU erst eingetreten.

WO IST ER NICHT MEHR ZU FINDEN?

Bei den meisten noch Jüngeren, sprich: der Generation Facebook. Für die ist Kohl schon ein Denkmal, bestenfalls, einer auf dem Sockel wie Roon oder Moltke am Großen Stern. In der Schule tun sich die Lehrer auch schwer, über Kohl zu reden. Viele, viele sind mit ihm sozialisiert worden, die heute 40-Jährigen kannten anfangs gar keinen anderen Kanzler, als sie begannen, politisch zu denken. Man dachte auch nicht, dass er jemals aufhören würde, oder? Aber die Abgrenzung hat zu einem Ausgrenzen geführt: Bei allen Fehlern, und er hat zweifelsfrei als Mensch viele, auch politisch viele gemacht – kein Kanzler der Nachkriegszeit hat Deutschland, Europa und damit die Welt so verändert. Friedlich, wohlgemerkt! Nur ist er eben andererseits als Person noch zu präsent, als dass er ganz und gar geschichtlich für unbezweifelbare Verdienste gewürdigt werden könnte. Nicht bei unserer ja doch gerade mit ihm alternden Gesellschaft.

WO VERÄNDERT ER SICH?

Im Äußeren, natürlich, auch in der Rückschau, wie das immer so ist. Nicht alles, was war, war schlecht. Er war nicht immer so wie in den letzten Jahren seiner Amtszeit. Er war ja mal der große Reformer, der „schwarze Riese“ aus Rheinland-Pfalz, der als Ministerpräsident Leute suchte, die den Widerspruch wagten. Wie er es ja auch gerne tat. Anfangs.

Im Äußeren war er massig. Ein Massiv, könnte man auch sagen. Oder ein hoch aufragender Monolith, was man besonders gut am Rednerpult auf Parteitagen sehen konnte. Heute wird er, ja, hinfällig, wirkt er weich, die Konturen werden fließender. Neulich schrieb jemand: amorph. Amorphe Stoffe weisen sozusagen eine Zwischenstufe zwischen festem und flüssigem Aggregatzustand auf. Da ist etwas dran, als Assoziation. Aber die Stirn mit ihren Schachbrettfalten bleibt charakteristisch. Und die hat niemand besser fotografiert als Konrad R. Müller, der bisher alle Kanzler porträtiert hat.

WO VERMUTET MAN IHN NICHT?

In Guido Westerwelle! Als der heutige Vizekanzler und FDP-Vorsitzende 1994 Generalsekretär wurde, das war noch in der Ära Kohl, hat er sich gerne an der monolithischen Art der Parteiführung und Regentschaft des Kanzlers gerieben. Bis der auf ihn aufmerksam wurde, ärgerlich auch, und ihn mit seiner Kritik adelte. Heute, man glaubt es kaum, führt Westerwelle seine FDP ganz ähnlich: auf sich bezogen, im beschriebenen Bewertungsschema von Menschen, als Kampf- und Wertegemeinschaft.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!