Zeitung Heute : 90-Grad-Abwärtsblicke - Sandra Maischberger lädt ab 17. Januar ins Fernsehstudio ein

Kerstin Decker

Vor zwei Jahren fragte der n-tv-Chef: Na, Frau Maischberger, wann kommen Sie denn zu uns? - Sandra Maischberger schaute ihn sehr nachdenklich an und sagte, wenn er irgendwann mal "ein Format mache", wie es Larry King in Amerika habe, dann könne er an sie denken, sonst ... Sicher hat sie ihn mit einem dieser 90-Grad-Abwärtsblicke ihrer dunklen Augen bedacht, die sie für die eher indiskutablen Dinge des Lebens reserviert. Auch Fernsehsendungen fallen darunter. n-tv muss sich das gemerkt haben. Denn ab 17. Januar hat Sandra Maischberger dort ein "Format" wie sonst nur Larry King in Amerika. Und ein paar andere auf der Welt, vielleicht. Immer werktags um 17 Uhr 15 kommt dann "Maischberger". Jeweils ein Gast wird im Studio sein - und zwar der Gast des Tages. Gerhard Schröder oder Herbert Grönemeyer. Oder ein Sportler. Oder Warren Beatty.

Wer Gast des Tages wird, erfährt man natürlich so richtig erst am jeweiligen Tag selber. Wenn irgendwas Außerordentliches passiert ... Sandra Maischberger findet das gut. Sie sei die Frau fürs Spontane. Und eine der wenigen, wie Erich Böhme das formulierte, "die ihre Neugier in intelligente Fragen kleiden kann." Nein, Angst hätte sie gar keine. Ob Larry King schon mal Angst hatte?

Sandra Maischberger trägt an diesem Vormittag im Dachwintergarten der Thüringischen Landesvertretung ein weinrotes Kostüm und hat auch sonst entmutigend wenig Ähnlichkeit mit Larry King. Das war ihr größtes Problem. War es schon, als sie noch mit Böhme Anfang der Neunziger ein Jahr lang den "Talk im Turm" moderierte. Böhme ist auch da. Mit einem richtigen Marienkäferschlips - rot mit schwarzen Punkten drauf. Und trotzdem hat er noch viel mehr Ähnlichkeit mit Larry King als Sandra Maischberger. So ungerecht ist das. Nicht mal eine Brille braucht sie. Zum Halten, Schleudern oder Fallenlassen. Dabei sind Brillen so wichtig. Für die Kompetenz. Und graue Haare auch. Oder gar keine Haare. Das Ganze kombiniert mit Leibesfülle und fortgeschrittenem Alter ergibt einen schier unwiderlegbaren Eindruck von Kompetenz. So betrachtet sieht Sandra Maischberger wirklich ziemlich inkompetent aus. Bei "Talk im Turm" damals war sie 23. Manchmal fragte sie ihre Gäste etwas, und die antworteten: "Also, Herr Böhme, sehen Sie mal ..." Nur Böhme selbst nahm Sandra Maischberger richtig ernst, schon damals mit 23. Seitdem gehen die beiden zusammen auch Rotwein trinken.

Und gestern präsentierte er eben die neue n-tv-Frau. Sandra Maischberger, die alle, die so ähnlich aussehen wie Larry King oder Böhme, selbst abgehängt hat. Auch wenn die Idealbesetzung einer solch ernsthaften Talkshow (produziert von Friedrich Küppersbusch) jemand ist, neben dem selbst der US-Präsident wirkt wie ein Schuljunge, der die Hausaufgaben vergessen hat.

Wahrscheinlich hat sich n-tv für die Präsentation seiner neuen Talk-Masterin extra diesen Wintergarten in Mitte ausgesucht, denn gegenüber auf dem Dach sind vier große n-tv-Satelliten-Schüsseln. Sandra Maischberger muss immer wieder hinaus auf die Terrasse in ihrem dünnen weinroten Kostüm und sich vor den großen n-tv-Schüsseln fotografieren lassen.

Sie lächelt. Sie hält sich überhaupt nicht an das, was Alice Schwarzer mal über Frauen in der Öffentlichkeit und besonders im Fernsehen sagte, die einen ernsthaften Eindruck hinterlassen wollen. Nicht so oft lächeln, Kopf nicht "schieflegen", keine Stöckelschuhe und keine weibliche Körpersprache! Sicher sieht Alice Schwarzers weibliches Ideal aus wie Alice Schwarzer selbst. Und Sandra Maischberger lächelt. Und findet sich trotzdem ernsthaft. Auf dieses Angebot hier habe sie gewartet. Im letzten Jahr machte sie Dokumentarfilme, Interviews für die "Amica" und lehnte zwischendurch regelmäßig TV-Offerten ab. Aber "Greenpeace"-TV vor fast drei Jahren auf RTL fand sie auch gut. Als Idee. Da saß sie in einem TV-Studio aus Naturhölzern, Segeltuch und Greenpeace-Logos und führte durch eine Sendung mit zwei Schwerpunkten. Erstens: Wo nimmt die Umwelt Schaden? Zweitens: Was sagt Greenpeace dazu? - Manche sahen damals den "Tiefpunkt des Informationsfernsehens" erreicht, weil ja nun auch die Kassenärzte ein eigenes Gesundheitsmagazin herausbringen könnten. Andere aber fanden Sandra Maischberger vorbildlich, da sie schließlich auch mit dem Fahrrad durch Hamburg fahre.

Das mit Hamburg ist nun auch vorbei. Genau wie "Greenpeace-tv" schon nach sechs Folgen. Zu hausbacken, sagte damals RTL. Ist Hamburg auch. Vor allem viel zu weit oben, fand die Münchnerin immer. Aber Berlin wäre genau richtig. Sollte man im Augenblick überhaupt woanders sein wollen als hier?, fragt die neue n-tv-Moderatorin gerade mit ungeheucheltem Enthusiasmus, als Erich Böhme sagt, dass er jetzt gehen müsse. Ob er nicht noch ein bisschen bleiben könne? - Nachher muss ich ja doch gehen!, überlegt Böhme messerscharf und geht lieber gleich. Sandra habe jetzt ja ohnehin keine Zeit mehr für ihn. Und müsse sehr viel arbeiten. Erich Böhme kann ungemein väterlich sein.

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