Zeitung Heute : 99 Zeilen Schwerk

Der Tagesspiegel

Um Mühlen ranken sich viele Sagen und Sinnbilder. Alle sind sie noch gültig. Im heiligen wie im teuflischen Sinne. Ob sie nun klappert am rauschenden Bach oder ihre Flügel (die Müller sagen Rutenkreuz) vom Wind gedreht werden – die Mühle ist des Müllers Last, wenn der Teufel seine Hand im Spiele hat. Auf den Mühlenhügeln berührten sich in Vorväters Zeiten Himmel und Hölle. Der Prenzlauer Berg war so ein Mühlenberg. Der Müller galt als verdächtig, mit dem Teufel im Bunde zu sein wegen der unwägbaren Kräfte des Windes, die ihm abseits der dörflichen oder städtischen Siedlungen das Geschäft besorgten. Andrerseits galt die Mühle als geheiligter Raum. Wer dort vor Verfolgung Zuflucht suchte, blieb sogar dem Zugriff hoheitlicher Häscher entzogen. Vieles besagende Sagen. Die mir allerliebste kommt natürlich aus der sorbisch-kulturell geprägten Oberlausitz: jene vom Jungen Krabat aus Eutrich bei Königswartha. Ihn hatte die bittere Armut zu einem Teufelsmüller nach Schwarzkollm getrieben. Dort ging er nicht nur in die Lehre, sondern er wurde auch in die Hexerei und schwarze Kunst eingeführt. Dies um den Preis, sich dem Satan endgültig zu verschreiben. Käuflichkeit um einer Karriere willen... Krabats Mutter aber vermochte den Sohn aus solchen Zwängen zu befreien. Fortan setzte Krabat die böse Hexerei in gute Taten um: zum Wohle Zukurzgekommener. In dieser Sage wurde das Böse überwunden. In einer anderen werden technischer Fortschritt und dessen verdeckte Gefahren angesprochen. Ein Müllerknappe durchkreuzte den Teufelspakt seines Meisters und kommt deshalb um. Der Pakt bestand darin, daß der Teufel dem raffsüchtigen Müller sechzehn bis dahin unerreichte Mahlgänge versprach, sich aber den letzten ausbedungen hatte: für Pferdeäpfel. Aus dem innovativen Mahlbetrug zog der Unternehmer Nutzen, und dessen Kunden nahmen die unbekömmliche Beimischung in Kauf. Da schüttete der Knappe in den letzten, den teuflischen Mahlgang Getreide. Der derart betrogene Betrüger, also der Teufel, schleuderte den Knappen gegen die Wand. Auch unser gefeierter Fortschritt – mit Computer oder Kernkraft – hat einen sechzehnten Mahlgang. . . Wer aber beachtet noch alte Sagen, wer womöglich das Alte Testament, in dem die Mühle auch sinnbildlich wird. Ob wir die Übersetzung von Luther oder von Moses Mendelssohn nehmen, wir finden Grundsätzliches darin: Du sollst nicht zum Pfande nehmen den Mühlstein; denn damit hättest du das Leben zum Pfand genommen (5. Buch Mose, 24. Kapitel, Vers 6).- Doch der Fortschritt schreitet in Vielem über die Menschen hinweg, macht sie als Arbeitskräfte um einiger Nutznießer willen entbehrlich: Alles hat ein Ende auf dieser Welt, und man muß wohl annehmen, daß die Zeit der Windmühlen vorüber war, wie die der Treidelschiffe auf der Rhône, der königlichen Kammergerichte und der großgeblümten Jaketts. So endet Alphonse Daudets provencalische Schicksals-Schilderung des Müllermeisters Cornille, den der industrielle Fortschritt auf dem Mühlenhügel bei Fontvieille einholte (Alphonse Daudet: Briefe aus meiner Mühle). Was nun Briefe betrifft, so sterben sie ebenso aus wie die Windmühlen. Man mahlt dort kein Korn mehr zu Mehl, wie man keinen Brief mehr schreibt, sondern mailt. Handwerk und Handschrift werden unwesentlich.-Wie ich auf Mühlen gekommen bin? Beiläufig. Ein Britzer Müller-Verein hat eine Britzer Windmühle. Sie steht in Nähe des Britzer Gartens. Der Verein sucht dringend Müllernachwuchs. Lädt zu Kursen ein. So gäbe es tatsächlich einen Bedarf an Müllern? Nein, aber ein Bedürfnis, zu sehen und zu fühlen, wie sich Müller mit Gottes und Windes – vereinzelt auch Teufels – Hilfe abgerackert hatten, damit wir unser täglich Brot bekommen. Und ein hübsches Stück Technik war ja auch im Spiele.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar