Zeitung Heute : 99 Zeilen Schwerk

Der Tagesspiegel

Wir waren angenehm erschöpft und saßen auf den Umzugskartons zwischen den abgestellten Möbeln, hatten die Packer- und Plackerei hinter uns. Nun musste der Freund, dem wir Freunde beim Umzug von Prenzlauer Berg nach Tiergarten, der Gleimstraße zur Bartningallee, geholfen hatten, das Einrichten und Zuordnen in eigene Regie nehmen; denn er will ja auch alles wiederfinden. Einstweilen nahmen wir bei einem kleinen Imbiss gemeinsam von der neuen Adresse unseres Freundes Besitz. Insofern, als jeder etwas zum Hansaviertel aus eigener Kenntnis oder eigener Erinnerung zum Besten gab. Von einem Weinlokal unterm nahen Stadtbahnbogen war empfehlend ebenso die Rede wie vom günstigen Einkauf in der Moabiter Markthalle. Einer hatte dem Freund ein Gedicht der Berliner Malerpoetin Aldona Gustas mitgebracht, las vor: Der Tiergarten ist mit Schwänen familiär/den Kaninchen klopft er kameradschaftlich auf die Schultern/sein Verhältnis zu den Enten ist freundschaftlich/im Winter lässt er seine kalte Nase zwischen ihren Flügeln warm werden/die Ortskundigen/die Ortsfremden sind ihm willkommen/im Sommer schiebt er sogar einen Karren mit Rosen in ihr Gedächtnis...

Und der mit Abstand Älteste in der Freundesrunde machte ein Jahreszahlspiel auf: 50, 45, 40. Vor genau 50 Jahren habe er das Hansaviertel zum ersten Mal gesehen, als er spreeabwärts gekommen in Berlin vor Anker gegangen war. Der Tiergarten war vor wenigen Jahren wieder aufgeforstet worden; denn er wurde ja im Krieg nahezu kahl gebombt, und den Rest gaben ihm die bittere Not und der grausam kalte Winter 1946/47. Der Tiergarten wurde zum kleinteiligen Gemüsegarten, ja sogar zum Ackerland. Das Hansaviertel sah der Junge vor 50 Jahren als Trümmerwüste, und ihm ist als eines der stehen gebliebenen Häuser eine Apotheke am Hansaplatz in Erinnerung, dort, wo heute die katholische St. Ansgar-Kirche steht. Zwischen den Ruinen sah er Berge gemahlener Ziegel. Was sich heute um des Freundes neue Adresse als Baum– wie Buschpracht zeigt, ist vielen westdeutschen Städten und Gemeinden zu verdanken, die den Berliner Zentralpark aufzuforsten den Berlinern geholfen hatten. Vor 45 Jahren stand ein ganz neues Hansaviertel - zwar noch nicht vollendet, aber zur Interbau als erkennbar neuartiger Stadtentwurf vor unseren Augen, und wir staunten Bauklötze. Das Haus, das der Freund soeben bezogen hat, kam aber bald hinzu. Hier also geht er vor Anker und wird im Tiergarten häuslich, so wie der Tiergarten mit den Schwänen familiär ist, Ortsfremde wie Ortskundige willkommen heißt und im Sommer mit einem Karren Rosen anrückt, ganz so, wie es das zitierte Gedicht verspricht. Darauf stießen die Freunde ihre Bierpullen an.

Der Neu-Tiergartener ist demnächst 40 Jahre alt. Er wurde auch an einem Spreeufer geboren, dort, wo der Lebensfluss auf seinem Weg nach Berlin die Niederlausitz durchströmt. Die Spree floss unverdrossen durch die Grenze, die ein verderbtes Regime den Anrainern gezogen hatte, um sie voneinander zu trennen. Das Regime ist weggespült. Ein Umzug von ehedem Ost- nach ehedem West- Berlin und umgekehrt ist ganz normal. Die ehemaligen politischen Richtungen sind, was den Umzug von Prenzlauer Berg nach Tiergarten betrifft, Himmelsrichtungen geworden: von Nord-Ost (Prenzlauer Berg) nach West in den Tiergarten. Und dieser ist seit der Öffnung des Brandenburger Tores wieder der zentrale Park der Stadt, ja sogar neuerdings in den Bezirk Berlin-Mitte gerückt.

In Berlin bekommen vor diesem Hintergrund die alltäglichsten Dinge wie ein Umzug von einem zum anderen Stadtteil eine fast schon feierliche Bedeutung. Vorausgesetzt, wir verlernen nicht die Freude an einer allzu lang entbehrten Normalität.

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