Zeitung Heute : Ab in den Tunnel

Der Tagesspiegel

Von Annekatrin Looss

U-Bahnen sind riesig. Das mag man im Alltag auf dem Bahnsteig nicht so mitbekommen, wenn sie jedoch auf gleicher Höhe im Abstand von einem knappen Meter vorbeirasen, vermittelt das Respekt. Rund 80 Berliner hatten in der Nacht zum Sonnabend Gelegenheit, das festzustellen: Die BVG hatte zu einer Führung durch den U-Bahn-Tunnel vom Bahnhof Deutsche Oper zum ehemaligen Bahnhof Richard-Wagner-Platz eingeladen. Gegen 22 Uhr machen sich die Großstadtabenteurer auf den Weg: vornehmlich Herren mittleren Alters in Lederjacken jedweder Farbschattierung zwischen Grau und Grün, einer hat für diese Gelegenheit gar sein Jägerhütchen aus dem Schrank geholt. Ein Paar ist im Partnerlook gekommen: Jeans, festes Schuhwerk und blauweiß-karierte Wattejacke. Aber auch Studenten und Familien mit Kindern steigen in die Unterwelt.

Doch was zieht sie dorthin? Ganz wie den Wasserbetrieben, bei deren Kanalführungen sich lange Schlangen bilden, geht es auch der BVG. „Wir sind ein halbes Jahr im Voraus ausgebucht“, sagt Joachim Gorell vom „100-Jahre-Team“ der BVG, das anlässlich des Jubiläums die Aufgabe hat, bisher unbekannte oder gar aufregende Seiten der Verkehrsbetriebe öffentlichkeitswirksam zu vermarkten. Es funktioniert. Sie wolle die Tunnel, die sie am Tage mit der U-Bahn durchrast, endlich mal in Ruhe ansehen, sagt Medizinstudentin Alma. Schon als Kind habe sie sich die Nase immer an der Fensterscheibe der Bahn plattgedrückt. Den meisten gehe es ähnlich, sagt Gorell. Ein Stück unerforschten Alltag wollen sie entdecken. Die dunkle, unbekannte Seite der Stadt.

Was sie dort zu finden hoffen? „Ratten, Mäuse, Obdachlose“, weiß Gorell. Erstere gebe es hier unten natürlich. Aber die Tiere haben sich angesichts der Beleuchtung und der hallenden Schritte längst aus dem Staub gemacht. Und Obdachlose finde man hier nicht. Man sei schließlich nicht in Bukarest oder New York. Nur Sprayer haben ihre Zeichen an den Wänden hinterlassen. Doch auch von denen sonst keine Spur: Ihr Fluchtverhalten gleicht dem der Mäuse. Den „Schwellenschritt“ beherrschen alle auf Anhieb.

Mühelos finden die Füße von Schwelle zu Schwelle, die in regelmäßigen Abständen ins scheinbar unendliche Dunkel des Tunnels führen. Nur die wenigen Kinder balancieren auf den Gleisköpfen. Sehr zum Unmut der Führer. Am Anfang habe er geglaubt, nur U-Bahn-Fans seien an den Führungen interessiert, sagt Gorell. Weit gefehlt, auch wenn sie voll auf ihre Kosten gekommen wären. Der Tunnel wurde im Jahr 1906 gebaut, erfahren die Tunnelgänger. Bis 1974 sei die Linie 5 hier auf den knapp 600 Metern zwischen Deutscher Oper und Richard-Wagner-Platz gependelt. Dann wurde wenige Meter weiter die U-Bahn-Linie 7 gebaut. Seitdem dient diese Strecke nur noch zur Überführung von Fahrzeugen und der Feuerwehr zu Übungszwecken. Die probt hier das Kurzschließen von Stromschienen und das Evakuieren von Menschen.

Blau leuchten die Notausgänge. Gemauerte Stufen führen durch einen Rundbogen, in ihrer Würde gleichen die alten Notausstiege dem Seiteneingang einer Kirche. Alle dürfen mal hoch laufen. Mit Sand in den Augen kehren sie zurück. Wäre das Gitter nicht gewesen, wären sie auf der Mittelinsel der Richard-Wagner-Straße gelandet. Immer wieder warnen die sechs Führer vor der Stromschiene. Die ist natürlich aus. Das geschieht automatisch, sobald die Tunnelbeleuchtung angeht. Doch soviel Authentizität muss sein. Das Ziel der Führung ist eine Betonmauer. Dahinter: der ehemalige Bahnhof. Ob der noch dort ist, weiß selbst Gorell nicht. Er kann es nur vermuten. Mit den Worten: „Dann woll´n wa mal klappern“, kündigt einer der Führer den Höhepunkt der Führung an. Zwei Anrufe beim Stellwerk – schon löst sich die Gleissperre und schaltet die Weiche.

Nun ist es Zeit auch für ein Picknick. Nein, Stullen hat niemand mitgebracht. Dafür aber werden Wasserflaschen und Müsliriegel aus den Rucksäcken geholt. Man kann ja nie wissen. Nach knapp zwei Stunden ist die Führung vorbei. Es sei schon spannend gewesen, so still und so weit unter der Erde, sagt Kita-Erzieherin Ramona. Ja , ein Abenteuer. Noch dazu ist so ein Abstieg in die Unterwelt erheblich preiswerter als der Aufschwung in die Lüfte. Was die Wasserbetriebe umsonst machen, kostet bei der BVG acht Euro. „Selbstkostenpreis“, sagt Gorell. Schließlich müssten alle Stellen bei der BVG über die Tunnelgänge informiert werden. „Selbst der Bahnhofswärter in Hönow weiß, das wir jetzt hier rumlaufen.“ Und auch manches Kindheitstrauma lässt sich hier bewältigen. Sie habe als Kind immer geträumt, sie laufe einen dunklen U-Bahn-Schacht entlang. Weiter und weiter, ohne je einen Bahnhof zu erreichen, erzählt Studentin Elke. Nur ein böser Traum, das weiß sie jetzt. Leider habe ihre Freundin, die mit der Platzangst, keine Zeit gehabt.

Die Führungen finden regelmäßig statt. Weitere Termine unter: www.bvg.de/fun/100Jahre

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