Zeitung Heute : Ab in die Falle

Auch der Rücken braucht mal Ruhe. Die findet er aber nur im richtigen Bett. Schlafmediziner und Ingenieure wissen, was gut tut.

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Von Cornelia Heim Die Tage werden kürzer und grauer, die Nächte länger. Der Mensch zieht sich in seine Höhle zurück und kuschelt sich ins Nest. Frühstück im Bett, lesen oder fernsehen im Bett, zu zweit im Bett, egal wie – sich’s im Bett gemütlich zu machen, hat kulturgeschichtlich Tradition. Das Bett ist immerhin schon mehr als 4000 Jahre alt. Und zwischen dem neolithischen Bärenfell und der IkeaVersion der Jetzt-Zeit ist der Unterschied nicht groß. Seit seinen Anfängen ist das Bett ein mehr oder weniger erhöhtes Postament mit einer mal weicheren, mal härteren Plattform und diversen Decken zum Wärmen. Schon aus der Zeit um 2000 vor Christus ist bekannt, dass die reiche Schicht der damaligen Hochkulturen in Ägypten bereits Schlafmöbel besaßen. Das gemeine Volk nächtigte allerdings weiter in Kuhlen im Wüstensand.

Als Howard Carter am 4. November 1922 das Grab des Pharaos Tutanchamun entdeckte, fand er darin gleich mehrere Betten. Die Fußteile waren mit Schutzgottheiten in Gold, Elfenbein und Ebenholz verziert. Das Lager dieser Betten wurde aus geflochtenen Pflanzenfasern oder Leinengeflecht gefertigt und in den Holzrahmen eingespannt. Damit war klar, dass man sich schon um 1300 vor Christus Gedanken gemacht haben muss über eine sinnvolle Unterfederung. Eine richtige Blütezeit erfuhr das Bett dann in der Antike. Die Griechen und die Römer schliefen nicht nur darin, sie speisten und tranken, schrieben, liebten und feierten auch dort. Platon hielt im Bett seine weltberühmten Symposien ab.

Die Nord- und Mitteleuropäer bekamen allerdings erst sehr viel später Betten; Bett ist eigentlich ein germanisches Wort und bedeutet „in die Erde eingewühlte Lagerstatt“. Einfache Brettergerüste sind etwa seit 800 nach Christus bekannt. Außerdem waren sie oft noch über die gesamte Behausung verteilt – Schlafen war ein Gemeinschaftserlebnis. Schlafzimmer gab es erst in der Renaissance.

Unsere Vorstellungen von der Intimsphäre, die im 19. Jahrhundert aufkamen, verscheuchten das einst gemeinsame Bett dann endgültig in die bürgerlichen Privatgemächer. Schlafen wurde zur Privatsache. Hygiene wurde wichtig. Schlafzimmer wurden entrümpelt und gelüftet. Und die Industrialisierung mit ihren maschinell angefertigten Massenprodukten ermöglichte ab 1850 erschwinglichen Bettenbau für jedermann.

Im Deutschland des 21. Jahrhunderts stehen unsere Betten nun wieder unter Beobachtung – von Schlafmedizinern und Traumforschern in Schlaflaboren. Denn der Schlaf ist vor allem für den zivilisierten Menschen zum Problem geworden. Nach Erkenntnissen des Schlafforschers Jürgen Zulley leiden 42 Prozent der Deutschen unter Einschlaf- und Durchschlafstörungen. Jeder fünfte Verkehrsunfall wird hier zu Lande durch Müdigkeit verursacht. Der volkswirtschaftliche Schaden, der durch Übermüdungsunfälle insgesamt entsteht, wird je nach Studie auf 10 bis 35 Milliarden Euro im Jahr beziffert. Und das nicht nur wegen Bewegungsarmut, Stress oder anderer schlafstörender Phänomene der modernen Gesellschaft. Die Menschen flüchten aus ihren Betten auch, weil es vielen im Zuge der Leistungsgesellschaft nicht mehr zeitgemäß scheint, Zeit zu verschlafen. „Schlaf wird als unnötige und verzichtbare Aktivität betrachtet“, schreibt Stanley Coren, Psychologe und Schlafexperte von der Universität Vancouver, in seinem Buch „Die unausgeschlafene Gesellschaft“.

Dennoch verbringt der Mensch immer noch ein Drittel seines Lebens in der Horizontalen – ein 70-Jähriger hat also im Laufe seine Lebens satte 200 000 Stunden im Bett gelegen. Dass er allerdings gut gelegen hat, ist fraglich. Denn: „Viele Menschen liegen schlicht falsch“, sagt Florian Heidinger. Der Leiter des Forschungsinstituts EIM in München testet seit 22 Jahren Sitz- und Liegemöbel auf ihre ergonomische Tauglichkeit – allein bis zu 300 Matratzen im Jahr für die TÜV-Institute sowie für Ökotest und die Landesgewerbeanstalt, das größte Möbelprüfinstitut Europas. Seiner Erfahrung nach, beschäftigen sich die Menschen viel zu unsystematisch mit dem Bett und vernachlässigen, dass dessen Innenleben aus der wohlkomponierten Trias „Unterfederung, Matratze und Nackenkissen“ bestehen soll. „Die Funktionsweisen der einzelnen Komponenten“, kritisiert Florian Heidinger, „werden längst nicht immer sinnvoll aufeinander abgestimmt.“ Da habe der eine einen Lattenrost, den er nicht einzustellen weiß, der andere ein Nackenkissen, das viel zu dick ist.

Dazu passt, dass Prinz Charles zwar seine eigene Matratze mit auf jede Auslandsreise nimmt, aber nicht die zugehörige Unterfederung.

Das Bett ist heute aber ein ausgeklügeltes Liegesystem, bei dem alle Teile gemeinsam wirken müssen. Denn der Mensch wechselt pro Nacht 20 bis 60 Mal seine Schlafposition. „Die wichtigste Eigenschaft der Matratze“, sagt Heidinger, „ist dabei ihre Elastizität.“ Sie soll sich der Körperkontur anpassen und zugleich stützend wie nachgebend wirken. Die Unterfederung sollte auf jeden seitlichen oder längsgerichteten Druck des ruhenden Körpers elastisch reagieren. Damit der Schlaf wirklich regenerativ wirken kann, muss die gesamte Wirbelsäule entlastet werden. Nur dann wird sich die Rückenmuskulatur entspannen. Dadurch geht der Druck, der auf den Bandscheiben ruht, zurück, und die Gallertmasse zwischen ihnen kann wieder Flüssigkeit und Nährstoffe aufnehmen und sich erholen.

Der alte Matratzen-Spruch: Je härter, desto besser, hält deshalb neuesten Erkenntnissen nicht mehr stand. Das belegt auch eine ganz neue Studie aus Spanien. Da wurden 300 Rückenschmerzpatienten drei Monate lang beobachtet. Die Hälfte lag auf einer harten, der Rest auf einer mittelharten Unterlage. Das Ergebnis: Die, die auf der harten Unterlage schliefen, hatten größere Beschwerden. Daher gilt, was Heidinger schon lange weiß: „Alles, was hart und brettig ist, ist schlecht.“ Also weg mit Futon, Kokos-, Rosshaar- oder Stroh-Matratzen. Am besten sind Matratzen aus Kaltschaum oder Latex, die kombiniert werden sollten mit einem individuell einstellbaren Lattenrost.

Florian Heidingers Ehrgeiz ist es, irgendwann eine DIN-Norm für rückengerechte Matratzen einzuführen, dafür schläft er sogar selbst oft verkabelt. „So ein allgemein gültiges Gütesiegel gibt es zwar für Büromöbel, aber nicht für Liegesysteme.“ Leider gelte Schlafen immer noch als etwas Privates. Es habe keine Lobby, wie Berufsgenossenschaften zum Beispiel.

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