Zeitung Heute : Ab ins All

Hinauf auf den Hahneberg – und dann weiter zum türkisen Orionnebel, zum orangeroten Mars. Von Spandaus Sternwarte kann man zu den Planeten reisen. Und Berlin hat noch mehr solcher Startrampen

Christoph Stollowsky

Es ist dunkel geworden, und der Mann im blauen Parka legt noch etwas Tempo zu. Günter Mekas zieht es himmelwärts auf der letzten Windung des Waldweges. Hinauf zum Plateau des Spandauer Hahnebergs unter dem funkelnden Firmament dieser Winternacht. Von dort aus geht es weiter zu den Mondkratern, zum Sternbild der Kassiopeia oder zu seinem Favoriten im Weltall, dem türkisgrünen Orionnebel, der im Herbst aufsteigt und kleine Sterne zur Welt bringt.

Diese zweite Etappe durchs Universum beginnt auf dem Hügel oberhalb der Heerstraße in einem kreisrunden, sechs Meter hohen Gebäude mit einer Metallkuppel, die aussieht wie ein Ritterhelm. Im Inneren steht Berlins leistungsfähigstes Spiegelfernrohr. Günter Mekas reibt die klammen Hände, dreht eine Kurbel, Seilzüge quietschen. Langsam gibt eine stählerne Jalousie den Beobachtungsspalt der Bruno-H.-Bürgel-Sternwarte frei.

Bis zum Zenith kann der passionierte Astronom dort ein 2,30 Meter langes Fernrohr in die Senkrechte bringen. Nun steigt er auf eine Galerie, bewegt ein weiteres Rad und fährt in der Kuppel Karussell. Sie dreht sich auf den Mauern in einem Zahnradring, deshalb kann er jetzt durch den Beobachtungsspalt wirklich jeden Punkt am Himmel anvisieren.

Die einfachste Übung ist der Vollmond. Den holt Mekas zum Greifen nah heran. Man kann mit den Augen in den Kratern spazieren gehen, mehr haben die Apollo-Astronauten bei ihrer Mondumkreisung auch nicht gesehen. Jetzt zeigt Mekas den Mars hoch im Süden. Mit bloßem Auge erkennt man einen orangen, besonders hell strahlenden Stern. Ein Blick ins Okular des Fernrohres vergrößert den Planeten 2000fach, wie eine leuchtende Apfelsine schwebt er nun im Dunkeln. „Teleskop“, sagt Mekas, „heißt auf Alt-Griechisch weit schauend“. Und dann schwenkt er das Rohr mit den 61 Zentimetern Durchmesser in noch fernere Welten. Ein schwach flimmernder Sternenhaufen erscheint, gut eine Million Lichtjahre entfernt. Als sich die Lichtstrahlen, die man heute von dieser Galaxie wahrnimmt, auf die Reise machten, gab es auf der Erde noch kein Leben.

„Der größte Teil der Natur ist der Himmel. Schaut nur immer auf zu den Sternen. Unendlich viel gehen sie uns an . . . “. Dieser Ausspruch des Potsdamer Astronomen und Schriftstellers Bruno H. Bürgel fiel Günter Mekas Anfang der achtziger Jahre ins Bewusstsein wie eine Sternschnuppe. Schon als Kind hatte der gebürtige Spandauer und heutige Vermessungsingenieur mit Fernrohren experimentiert, doch 1982 gründete er mit anderen Hobby-Astronomen einen Sternwarte-Verein und benannte ihn nach Bruno H. Bürgel. Dessen Himmelskunde „Aus Fernen Welten“ war zur Kaiserzeit als erstes populärwissenschaftliches Buch über Astronomie ein Riesenerfolg. 1989 baute der Verein seine Volkssternwarte auf dem Hahneberg und bezog ein Vereinsheim am Fuße des Hügels. Seither machen die Mitglieder die Wunder des Alls anschaulich.

In der ersten Königlichen Berliner Akademiesternwarte in der Dorotheenstadt durften dagegen seit 1709 nur Wissenschaftler und Adelige durchs Fernrohr gucken. Dort hatte man bald das Problem, dass Berlin den Astronomen die Aussicht aufs Firmament verstellte. „Häuser von vier Stockwerken werden erbauet“, klagten sie 1790. Auch das zweite, 1832 von Karl Friedrich Schinkel am Platz des heutigen Blumengroßmarktes in der Lindenstraße in Mitte gebaute Observatorium war anfangs Forschern und höheren Ständen vorbehalten. 1915 wurde der Kuppelbau abgerissen, heute erinnert noch die Enckestraße im Kiez an die Sternwarte und ihren Direktor, den Kometenexperten Johann Franz Encke.

Doch schon Ende des 19. Jahrhunderts setzten sich der Astronomieprofessor Wilhelm Julius Foerster und volkstümliche Wissenschaftsautoren wie Bruno H. Bürgel oder Wilhelm Bölsche vom „Friedrichshagener Dichterkreis“ am Müggelsee dafür ein, dass auch die einfachen Leute am Fernrohr „auf wundersame Weise“ nach den Sternen greifen durften.

1898 wurde die erste Volkssternwarte an der Invalidenstraße eröffnet, benannt nach der Tochter des Zeus und Göttin der Astronomie „Urania“. Hunderttausende Berliner schauten dort ins Universum, bis sie im Zweiten Weltkrieg zerbombt wurde. Ihr Name aber gilt seither als Symbol für die populäre Verbreitung wissenschaftler Erkenntnisse, zum Beispiel durch das heutige Bildungs- und Kulturzentrum Urania in Schöneberg.

Wer in Berlin über den Erdenkreis hinausschauen will, kann zwischen drei Observatorien wählen: Es gibt die Beobachtungsstation auf dem Hahneberg, die Wilhelm-Foerster-Sternwarte Am Insulaner in Tempelhof und die Archenhold-Sternwarte im Treptower Park. In Treptow ist der Ausflug ins All zugleich eine Zeitreise, denn hier ragt das längste Linsenfernrohr der Welt aus dem Dach. „Himmelskanone“ hat der Volksmund das Lieblingsprojekt des späteren Direktors der Sternwarte, Friedrich S. Archenhold genannt. Er ließ das Rohr zur Gewerbeschau 1896 bauen und im Park aufstellen, 1909 entstand die Volkssternwarte drumherum. Bald erklang der Gassenhauer: „In Treptow kann man abends gegen zehn / das Riesenfernrohr seh’n. / Man sieht dadurch famos / den Sirius riesengroß.“

Das ist bis heute möglich. Langsam schwenkt das Instrument durch die Dunkelheit: 21 Meter lang, die Hülle aus genietetem Edelstahl. Mannshohe Zahnräder drehen sich, es surrt und scheppert, die Optik folgt dem schimmernden Band der Milchstraße, das die Himmelssphäre umschließt. Wie Zwerge stehen die Sternengucker auf einer Plattform am Okular, als wären sie in Charlie Chaplins Film „Moderne Zeiten“ hineingeraten.

Auch in der Sternwarte Am Insulaner kann man wie anno dazumal in die Unendlichkeit schauen. Neben modernen Teleskopen steht dort das fünf Meter lange Fernrohr des einstigen Berliner „Urania“-Observatoriums. Es hatte den Bombenhagel überstanden und wurde für die 1963 eröffnete Tempelhofer Beobachtungsstation restauriert.

Jetzt, in klaren Winternächten, lohnt sich aber besonders der Ausflug zur dritten Sternwarte auf dem Hahneberg . Sie liegt als Einzige außerhalb des Licht- und Dunstkreises der Stadt, in dem die Schönheit des Universums so schnell verblasst.

Am 9. Dezember, knapp nach Sonnenuntergang, werden sich Günter Mekas und seine Freunde vom Bruno H.-Bürgel-Verein mit Thermosflaschen voll heißem Tee auf dem Hügel versammeln und das Spotlight der Nacht anschauen: die Venus. Mit ihr klingt das Jahr aus. In der Adventszeit scheint sie besonders hell. Den original Weihnachtsstern kann man allerdings nur in Berlins Planetarien bewundern. Projektoren zaubern das Firmament über jedem Punkt der Erde in die Kuppel – zurück bis zu Christi Geburt. Wie das damals war? Da, besagt eine Theorie, standen Jupiter und Saturn sehr eng beieinander. Und sie wiesen den Hirten den Weg nach Bethlehem.

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