Zeitung Heute : Ab nach oben

Arbeitslose ohne Chance, Aktionäre ohne Mut und eine Gesellschaft die zunehmend altert – Zeichen dafür, dass Deutschland ärmer wird. All das auch gute Gründe für ein geringeres Wachstum? Nur scheinbar, denn was kurzfristig bremst, kann langfristig helfen.

Ursula Weidenfeld

Es gibt Hitlisten und Tabellen, die einen mehr beschäftigen als die Wachstumstatistiken der Europäischen Union. Die Fußballtabellen zum Beispiel, oder die Tennis-Bestenliste, oder die Formel1. Oder die Bestseller-Listen des Buchhandels, die Pop-Charts. Was das statistische Amt Eurostat dagegen zu bieten hat, ist trocken und ziemlich weit von dem entfernt, was der Einzelne täglich erlebt.

Scheinbar. Denn manchmal machen erst Statistiken deutlich, was man schon längst geahnt hat. Zum Beispiel die Nachricht, dass Deutschland neuerdings weniger leistet als der Durchschnitt der anderen Europäer. Das ist bitter – aber irgendwie auch klar. Die Wachstumsraten Deutschlands waren in den vergangenen Jahren so bescheiden, dass es für die anderen kein Problem war, aufzuholen und zu überholen. Und das ist nicht nur ein statistisches Phänomen. Das ist inzwischen auch im Alltag spürbar.

Arbeitslose merken es zum Beispiel, weil viele von ihnen zuletzt überhaupt keine Chance mehr bekommen haben zu arbeiten. Ein Land, das jahrelang einfach keine neuen Arbeitsplätze schafft, fällt einfach zurück. Das fühlen nicht nur die Arbeitslosen, die arbeiten wollen, aber nicht dürfen. Das sagen auch viele von den Jobsuchenden, die Deutschland in den vergangenen Jahren den Rücken gekehrt haben. Über eine halbe Million junger Menschen verlassen Deutschland nach Schätzungen des Migrationsrates pro Jahr. Viele tun das inzwischen, um woanders zu arbeiten – und dort für Wachstum zu sorgen.

Von der Spitze fällt sichs tiefer

Auch Kleinanleger und Aktionäre könnten schnell begründen, warum es in Deutschland in den vergangenen Jahren schlechter gelaufen ist als woanders: Der Zusammenbruch der Börsen hat hier tiefere Spuren hinterlassen als beispielsweise in England. Klar: Der deutsche Neue Markt hatte sich zuvor auch spektakulärer entwickelt. Doch als alles zusammenbrach, ging in Deutschland eben auch besonders viel Wohlstand verloren. Und verlorener Wohlstand wirkt mittelbar auf das Wachstum: Wer kein Geld mehr hat, kauft weniger ein, und sorgt damit dafür, dass weniger geleistet wird. Und er ist nicht mehr so schnell bereit, den Unternehmen an der Börse sein Geld anzuvertrauen. Das hat auch dazu geführt, dass viele Unternehmen in Deutschland an Geldmangel für Investitionen leiden.

Deutsche Touristen könnten ebenfalls sagen, was sich verändert hat. Seit ein paar Jahren scheint in den klassischen Urlaubsländern Spanien und Italien, Griechenland und Portugal gar nicht mehr alles billiger zu sein als zu Hause. Im Gegenteil: Einkaufen dort ist teurer geworden – und trotzdem sind die Läden voll. Was zeigt, dass in den schneller wachsenden Ländern der europäischen Union bei der Kaufkraft noch alles stimmt. Und dass sie – im Gegensatz zu Deutschland – auch teilweise deutlich steigende Preise haben. Dass die Ströme der Einkaufstouristen sich mittlerweile bemerkbar umgekehrt haben, berichten fast alle Händler in grenznahen Gebieten: Wo früher am Wochenende tausende Rheinländer nach Holland zum Einkaufen fuhren, kommen heute die Nachbarn nach Deutschland. In Düsseldorf und Köln kaufen Holländer ein, in Friedrichshafen, Freiburg und Konstanz Schweizer, im Saarland die Franzosen, in Norddeutschland Dänen.

Am einheimischen Kunden leidet der deutsche Einzelhandel dagegen still – im Dezember und im Januar hat sich nichts geändert, obwohl doch alle gehofft haben, dass die Aussicht auf die Steuerreform die Kunden wenigstens zum Jahresende in die Läden bringt.

Doch die bleiben zu Hause – und auch sie könnten sagen, was sie neuerdings von anderen Europäern unterscheidet. Sie sparen ihr Geld lieber, weil sie fürchten, dass der Staat ihnen wahrscheinlich eher Geld abnimmt, als sie zu entlasten. Da, wo es nicht Steuern, Abgaben und Zuzahlungen sind, die das verfügbare Einkommen vermindern, sind es die Arbeitgeber. Weil es der deutschen Wirtschaft und den Staatshaushalten so schlecht geht, haben viele im vergangenen Jahr erstmals kein Weihnachtsgeld ausgezahlt.

Nur scheinbar paradox ist, dass solche Maßnahmen, die das Wachstum kurzfristig bremsen, langfristig positiv auf die Wirtschaftsleistung wirken können: wenn die Wirtschaft durch solche Sparmaßnahmen tatsächlich leistungsfähiger wird, wenn mehr investiert wird und mehr Leute ihren Job behalten oder eingestellt werden.

Und noch etwas bemerkt jeder: den Alterungsprozess des Landes. Auch Rentner tragen – wie Arbeitslose – nichts mehr zur Wirtschaftsleistung eines Landes bei. Wenn sich also das Verhältnis zwischen Erwerbstätigen und Rentnern zu Lasten der Arbeitenden verschiebt, hat das nicht nur Auswirkungen auf die Rentenkasse. Es hat auch Folgen für das Wachstum.

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