• „Ab und zu breche ich ein bisschen zusammen“ Den Tag widmet Hélène Grimaud ihren Wölfen, die Nacht dem Klavier.

Zeitung Heute : „Ab und zu breche ich ein bisschen zusammen“ Den Tag widmet Hélène Grimaud ihren Wölfen, die Nacht dem Klavier.

Und das ist noch das Normalste an dieser Frau.

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Hélène Grimaud, 35, geboren in Aixen-Provence, konzertiert heute mit den berühmtesten Orchestern der Welt. 1997 gründete sie im US-Bundestaat New York das „Wolf Conservation Center“. Gerade ist ihr Buch „Wolfssonate“ erschienen. Am 24. Februar spielt sie in der Berliner Philharmonie das Programm ihrer neuen CD.

Interview: Christine Lemke-Matwey und Christiane Peitz Frau Grimaud, welche Farbe hat Frankreich?

Wie bitte?

Sie sagen doch, dass Sie Farben sehen, wenn Sie Musik hören. Haben nicht auch andere Dinge Farben – Menschen, Tiere, Städte, Länder?

Na gut, Frankreich ist gelb-orange.

Das wäre dann welche Tonart?

E-Dur.

Sie lachen. Wann haben Sie gemerkt, dass Töne Farben haben?

Ich glaube mit elf. Ich habe das Fis-Dur Präludium von Bach gespielt und sah plötzlich ein strahlendes Rot-Orange. Wobei ich die Farben nicht wie eine Wand vor mir sehe. Es ist eher eine innere Vision, ein amorpher Fleck, es ist mehr die Idee der Farbe, nicht die Farbe selbst.

Drei Jahre zuvor hatten Sie angefangen, Klavier zu spielen. Gleichzeitig waren Sie, wie Sie in Ihrem Buch schreiben, ein ausgesprochen wildes und rebellisches Kind. Was hat Sie so wütend gemacht?

Ich weiß gar nicht, ob das richtig ist. Es gab nichts, gegen das ich mich hätte wehren müssen in meiner Kindheit. Und niemanden, dem ich bis heute die Schuld an der Wut in meinem Bauch geben wollte. Ich hatte wunderbare Eltern, sie haben mir ungeheuer viel ermöglicht. Irgendwie muss ich es wohl befriedigend gefunden haben, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen – sonst hätte ich es nicht immer wieder versucht.

Zum Beispiel als Sie zu Weihnachten die Puppen, die Sie geschenkt bekamen, kurzerhand wegwarfen.

Ich habe sehr früh schon alles Archetypische, jede Einengung meiner Persönlichkeit gehasst.

Women’s Lib mit fünf oder sechs?

Nicht bewusst, nein, aber ich konnte es noch nie ertragen, in Schubladen gesteckt zu werden oder bestimmten Erwartungen zu genügen. Ich wollte kein niedliches kleines Mädchen sein, das mit Puppen spielt, weil ich das ganz einfach nicht war. Ich musste mich selbst erfinden, ich konnte kein fremdes System akzeptieren. Ein sehr schmerzhafter und explosiver Prozess.

Wie sind die Erwachsenen damit umgegangen?

Na ja, auf der anderen Seite konnte ich als Kind auch lieb sein. Eine meiner frühesten Erinnerungen ist, wie ich mit meinen Eltern einmal im Winter in die Camargue gefahren bin. Das Licht, die Pferde, diese ganze unberührte, unberührbare Natur, das hat mich kolossal beeindruckt. Nie zuvor und auch lange danach nicht habe ich mich so sehr am Leben gefühlt wie auf dieser Reise. Also war ich glücklich und still.

Eine schöne Geschichte. Ihre Autobiografie…

…ich habe keine Autobiografie geschrieben.

Sondern?

Mein Buch handelt von der Natur, von Religion und Kunst, von Philosophie, Musik und Freunden. Ich möchte es mehr als Abhandlung verstehen, als „traité“.

Oder als Bekenntnis? Ihre letzte CD mit Musik von Beethoven, Corigliano und Pärt nannten Sie ganz einfach „Credo“.

Was ich geschrieben habe, betrifft nicht in erster Linie Persönliches, es gibt da keine großartigen Enthüllungen oder Skandale. Ich habe kein Verhältnis mit dem Maestro X oder dem Plattenboss Y, und ich habe bislang auch keinen meiner Klavierstimmer um die Ecke gebracht. Ich wollte vielmehr ein Glaubensbekenntnis formulieren, ich wollte sagen, wie verantwortlich wir tagtäglich sind für die Welt, in der wir leben. Denn wir haben das Glück, in eine freie Gesellschaft hineingeboren zu sein, wir sind mehr oder weniger gesund, und wir haben oft nicht einmal eine Vorstellung davon, was Armut eigentlich bedeutet. Das dürfen wir niemals vergessen.

Trotzdem erzählt Ihr Buch nicht nur schöne Geschichten, ganz im Gegenteil. Sie beschreiben, wie Sie sich als junges Mädchen selbst Verletzungen beigebracht haben. Heute ist dieses Ritzen eine krankhafte Modeerscheinung.

Genau darum geht es mir auch. Ich wollte zeigen, wie man eine negative, selbstzerstörerische Energie fruchtbar machen kann, wie aus einer Krise Kraft entspringt. Wobei das mit der Krise für mich gar nicht so stimmt. Ich hatte als Jugendliche, wie soll ich sagen, viel zu viel Kraft und Energie – und ich wusste nicht, wohin damit, es gab kein Ventil. Hinzu kam, dass ich sehr obsessiv veranlagt bin: Ich will es immer ganz genau wissen, ich will in eine Sache tiefer eindringen als bloß tief, ich will besser und besser und besser werden. Aber ich habe eben lange nicht das richtige Betätigungsfeld dafür gefunden. Also hat sich diese Energie irgendwann gegen mich selbst gerichtet. Bis ich die Musik entdeckte.

Das Drama des wilden, hochbegabten Kindes, dem durch nichts zu helfen war?

Ich habe getanzt und Tennis gespielt und sonstwas versucht, aber das hat mich alles wahnsinnig schnell gelangweilt. Man darf sich das auch nicht so vorstellen, dass ich mich nur hätte richtig austoben müssen, und dann wäre es wieder gut gewesen. Mein Problem war ein mentales, nicht so sehr ein physisches.

Sie schildern, wie Sie als Kind in Korsika am Strand einmal in eine Muschel getreten sind. Der Arzt hat kein Betäubungsmittel zur Hand, weshalb Ihre Ferse ohne Betäubung genäht wird. Diese Schmerzen, sagen Sie, haben Ihnen damals das größte Wohlbehagen bereitet. Das klingt fast masochistisch. Nach mystischer Ekstase.

Schmerzen sind eine Frage der geistigen Einstellung. Aber Sie denken jetzt sicher an den Verrückten in der Irrenanstalt, der seinen Kopf gegen die Wand haut, weil das Aufhören so gut tut…

Nicht unbedingt, aber vielleicht war es ganz einfach so, dass Sie als extremer, zwanghafter Mensch extreme Dinge tun mussten, um die Welt zu spüren?

Es heißt, Bären sind so und so oder Bären tun das und das – und man hat zu 90 Prozent Unrecht. Deshalb hasse ich Pauschalisierungen. Die Psychologie sagt auch, Menschen verletzen sich mutwillig, um sich selber zu spüren. Bei mir ist das Gegenteil der Fall. Ich war übersensibel, ich habe, wenn Sie so wollen, immer zu viel auf einmal gespürt. Deswegen musste und muss ich mich ins Leben hineinbohren. Ich muss ins Innere gehen, ich muss zur Mitte vorstoßen, ins offene Herz einer Sache hinein, auch wenn’s wehtut. Das gibt mir Halt. Bezeichnenderweise war das Ritzen bei mir an einen so genannten Symmetriewahn gekoppelt, das heißt, alles, was ich links hatte, musste auch rechts sein, jeder eingerissene Nagel, jeder Schnitt. Noch Jahre danach habe ich Stunden damit zugebracht, Hotelzimmer umzuräumen. Jede fremde Ordnung bedeutete für mich Chaos.

Was gibt Ihnen heute Halt?

Zum Beispiel, dass ich mir organisatorisch so viel vornehme, dass ich genau weiß, dass ich das nicht alles schaffen kann. So komprimiert sich die Zeit. Unter Druck entstehen ganz andere Intensitäten. Alles wird dichter, exakter, wesentlicher. Dieses Spiel spiele ich täglich mit mir. Oft klappt es. Und wenn es nicht klappt, sage ich mir, wenn du es nicht versucht hättest, wärst du nie so weit gekommen.

Wie müssen wir uns einen normalen Tag im Leben der Hélène Grimaud vorstellen?

Ein Tag zu Hause in South Salem/New York? Ich gehe nie vor drei oder vier Uhr morgens ins Bett, weil ich nachts übe. Die Beziehung zwischen mir und dem Klavier ist am intimsten, wenn es draußen dunkel wird und still. Meist stehe ich dann gegen sieben wieder auf, das „Wolf Conservation Center“ fängt früh an zu arbeiten…

...das Wolfsgehege mit Dokumentationszentrum, das Sie mitgegründet haben und in dem heute mehrere Wölfe frei leben...

Obwohl wir inzwischen einen Stab von tollen Mitarbeitern haben, die die Führungen machen und sich um die Öffentlichkeitsarbeit kümmern, geht es nicht ohne persönlichen Einsatz. Damit bin ich gut acht Stunden am Tag beschäftigt. Daneben läuft mein künstlerisches Leben, neue Partituren, neue Platten, Reisen. Und irgendwann, wenn es dunkel ist, wie gesagt, fange ich dann an zu üben.

Sie schlafen maximal drei, vier Stunden pro Nacht?

Leider. Wobei ich natürlich wie jeder Mensch sehr viel mehr Schlaf brauche. Das heißt, ich breche von Zeit zu Zeit ein bisschen zusammen und schlafe dann zwei Tage durch.

Gibt es Berührungspunkte zwischen den beiden Welten, in denen Sie leben? Was weiß die Musik von den Wölfen, was wissen die Tiere von der Musik?

Nicht viel. Das ist auf Dauer sicher schizophren. Aber punktuell berühren sie sich eben doch. Der Dirigent Kurt Sanderling zum Beispiel fiel regelmäßig auf die Knie, wenn er mich zusammen mit Eno sah. Eno war der Schäferhund, den ich am Beginn meiner Karriere oft mit auf Tournee nahm. Und Sanderling fiel nicht etwa vor mir auf die Knie, sondern vor dem Hund, was mich unendlich gerührt hat, weil man Autoritäten wie ihm solche Zärtlichkeitsattacken ja eigentlich gar nicht zutraut. Und der fremde Mann, den ich Jahre später auf einem meiner nächtlichen Spaziergänge auf einer Landstraße in Florida traf und der einen Wolf bei sich hatte, dieser Mann entpuppte sich kurz darauf als Horowitz-Fan. In dieser Nacht übrigens begann meine Freundschaft mit Wölfen.

Der Mann hätte auch Jack the Ripper sein können…

Horowitz-Fan und Jack the Ripper, ist das nicht fast dasselbe? Vieles, was andere für riskant halten, ist für mich normal. Ich hatte Glück.

Das also war Alawa, der erste Wolf. Und die erste Musik?

In meinem Elternhaus wurde keine Musik gemacht, und ich glaube, ich war sechs, als mein Vater eine Platte mit Beethoven-Symphonien mit nach Hause brachte. Das hat mich kolossal fasziniert, da war plötzlich eine Welt, in der alle Emotionen, alles Menschliche aufgehoben schien. Meine erste Begegnung mit dem Klavier fand dann erst zwei Jahre später statt, in einem Früherziehungskurs. Ich weiß nicht warum, aber bei der ersten Berührung mit den Tasten wusste ich sofort, dass die Musik aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken sein würde.

Sie schreiben, das Klavier sei das „richtige Tier“ für Sie gewesen. Nie etwas anderes ausprobiert?

Doch, natürlich! Ich war einmal im Konservatorium in Aix mit neun oder zehn, und da lag eine Geige herum. Die Tage zuvor hatte ich ein Mädchen für seine Abschlussprüfung das Khatchaturian-Konzert üben hören, und diese sehr farbige Musik, ihr wilder, primitiver Rhythmus gefielen mir ungemein. Also spielte ich sie nach ...

Sie wollen sagen, Sie hatten noch nie in Ihrem Leben eine Geige in der Hand und legten mal eben das Khatchaturian-Konzert hin?

Na ja, ich habe es versucht, sagen wir so, aber ich war gar nicht so schlecht! Da habe ich schon überlegt, ob ich nicht umsteigen sollte. Das Gefühl von warmem Holz an meinem Hals fand ich toll, das Vibrieren der Saiten. Das Klavier ist von all dem das nackte Gegenteil, das am wenigsten natürliche und organische aller Instrumente. Eine Maschine, die nicht singt.

Brauchen Sie genau diese Herausforderung? Brauchen Sie, pathetisch gesagt, die Anstrengung und den Schmerz der Eroberung?

Ja und nein. Mein Geist arbeitet gleichzeitig linear und nichtlinear. Deshalb passt das Klavier so gut zu mir. Das Horizontale und das Vertikale – und wie man es in Einklang bringt, darin liegt die Tiefe.

Aber wie bringt ein hyperaktives Mädchen, das nicht weiß, wohin mit seinem Temperament, plötzlich die Geduld auf und die Disziplin, so etwas wie Chopins zweites Klavierkonzert zu üben?

Ich habe immer nur gespielt, worauf ich Lust hatte. Ich wollte im Konservatorium in Paris eben keine Chopin-Etüden spielen, sondern das Klavierkonzert. Die Musik war der Fixstern, der mein ganzes Verlangen nach Intensität plötzlich erfüllte. Als Musiker muss man eine fast krankhafte Ordnung in den Gedanken haben und zugleich einen gewissen Gefühlsüberschwang. Außerdem hört die Musik ja niemals auf, sie ist unendlich viel wilder und weiter und reicher und klüger, als ich es jemals sein kann.

Sie haben in Ihrem Leben dauernd Fluchtpläne geschmiedet, wollten oft woanders sein. Sind Sie heute da, wo Sie immer sein wollten?

Nein. Aber das ist keine Frage der Qualität mehr, sondern eine des Maßes. Was ich heute tue, ist das, was ich tun will und tun muss. Früher war das nicht so klar. Als ich nach New York kam zum Beispiel, bin ich alle drei, vier Monate umgezogen, da musste ich immer wieder woanders hin. Das war auch die Zeit, in der ich keinen eigenen Flügel hatte. Ich wollte nicht Sklavin des Instruments werden, übte viel im Kopf und ging manchmal zu Steinway & Sons, um zu überprüfen, was ich mir erarbeitet hatte.

Der physische Schmerz, sagten Sie, ist eine Frage der Einstellung. Das Üben, sagen Sie jetzt, findet im Kopf statt. Woher kommt Ihre mentale Stärke?

Aus der Musik und aus der Natur. Oft aber ist Verzweiflung auch der Motor. Das Üben im Kopf etwa habe ich entdeckt, als ich vor einem Wettbewerb mit einem Stück von Marc-Antoine Charpentier überhaupt nicht zurechtkam. Also habe ich mich hingesetzt, habe das Licht ausgeknipst und die Partitur Seite für Seite memoriert. Immer wenn ich nicht weiter wusste, habe ich das Licht wieder angemacht. Nach drei Stunden war ich durch – und plötzlich ging es!

Aber es ist doch ein Unterschied, ob ich ein Stück gut kenne oder ob ich es auch spielen kann!

Eigentlich nicht. Man muss nur sehr genau wissen, was man musikalisch will. Dann fügt sich alles andere. Das Technische, das Manuelle. Anders noch: Je klarer ich im Geist bin, desto besser funktioniert mein Körper. Ich hatte lange extreme Schwierigkeiten mit meinen Händen, ich habe die Vorstellung gehasst, von ihnen abhängig zu sein.

Haben Sie eigentlich wie die meisten Pianisten eine Versicherung für Ihre Hände oder Finger? Bei Wölfen weiß man ja nie…

Nein. Das Risiko, mir in der Küche in den Finger zu schneiden, ist mindestens genauso hoch. Oder denken Sie an den Dirigenten Vladimir Ashkenazy, der sich während eines Konzerts den Taktstock in die Hand rammte. Die japanischen Hand-Chirurgen haben das wunderbar wieder hingekriegt. Sie sehen, die Hände sind nur ein Werkzeug. Seit ich das begriffen habe, bin ich ganz entspannt. Heute verstehen wir uns sehr gut, meine Hände und ich.

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