Zeitung Heute : Ab- und zugeraten: Flaschenpost

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Schuld war ein Orkan. Christoph Kolumbus segelte von der Karibik nach Hause und musste fürchten, dass er und seine Mannschaft ertrinken. Niemand würde je von seiner vermeintlichen Entdeckung des Seewegs nach Indien erfahren. Also schrieb er am 14. Februar 1493 einen Brief und warf ihn in einem abgedichteten Fass ins Meer. Das Fass wurde nie gefunden. Als die Winde sich legten, notierte der Admiral seinen Reisebericht noch einmal. Für alle Fälle.

Kolumbus schreibt ehrlich und verblendet zugleich von den edlen Wilden, die sich trefflich zur Missionierung eignen. Dass ihre gänzlich unasiatische Physiognomie seinen geografischen Irrtum offenkundig macht, unterschlägt er. Und nimmt nur wahr, was er wahrnehmen will: ein Paradies voller Gold und voller Sklaven. Ein Mann unter Druck: Wenn er seinem König das Versprochene nicht bietet, hat er schlechte Karten. Also sieht er alles mit der rosa Brille der falschen Erwartung. Zwei Monate später übertrug Leandro de Cosco den Brief ins Lateinische - und ideologisiert das Original zusätzlich: Bei Kolumbus haben die Insulaner Kultur, bei de Cosco sind sie nützliche Idioten. Er baut Vergil-Zitate ein, Mythisches und Gotteslob. Die Überzeichnung verrät die Instrumentalisierung der Sprache. Sie legt den Text unter dem Text frei, den bei Kolumbus schon angelegten doppelten Boden. Da beschreibt einer nicht einfach, sondern tut dies mit klarer politischer Absicht. Die Sprache der Eroberer: eine Frage des Stils.

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