Zeitung Heute : Ab- und zugeraten: Krach in der Siedlung

Ulrich Karger

Der Möwenweg ist noch nicht einmal asphaltiert und führt an einer Zeile von sechs neu erbauten Reihenhäusern entlang. Zum Glück der achtjährigen Ich-Erzählerin Tara sind mit ihr nicht nur ihre Brüder Petja und Maus hierher gezogen. In den Nachbarhäusern wohnen ebenfalls Kinder ihres Alters, so dass sie alle gemeinsam schon bald eine achtköpfige Bande bilden können. Doch als Bande sehen sie sich eigentlich nur einmal herausgefordert, als sie irrtümlicherweise in einem der Nachbarn einen Kriminellen vermuten. Ansonsten geht es vor allem darum, sich gegenseitig immer besser kennen zu lernen, einander mit den Erwachsenen beim Anlegen der Vorgärten zu helfen und gemeinsam Feste zu feiern.

"Die Kinder von Bullerbü" lassen grüßen - leider nicht nur in positivem Sinne. Was der renommierten Kinderbuchautorin Kirsten Boie in den "Lena"-Büchern gelang, nämlich mit viel Witz und Sprachfertigkeit die Alltagssituationen von Kindern einzufangen, blitzt hier nur gelegentlich auf. Dabei fallen weniger die ein, zwei sachlogischen Fehler ins Gewicht, als vielmehr die bis zum Ende hin unaufgelösten Stereotypen, die sich allzusehr an die fünfziger Jahre anlehnen.

Während immerhin die Mädchen untereinander ein wenig differieren, scheinen Jungs zumeist nur unausstehlich sein zu können. Der Mangel an Liebenswürdigkeit einiger Erwachsener wird allein mit deren sozialem Abstieg begründet, über Konsequenzen allerdings nicht weiter nachgedacht. Nun, vielleicht sind ja Nachfolgebände geplant, die diese Rollenzuweisungen noch beheben könnten. Denn aus dieser kleinen Welt einer Reihenhaussiedlung sollte Kirsten Boie durchaus etwas machen können. Einige Geschichten sind wirklich nett und dürften bei Kindern gewiss auf große Gegenliebe stoßen.

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