Abbas Khider : „Ich dachte, mein Herz wäre aus Stein“

Saddam warf ihn zwei Jahre in den Kerker – dann war er als Illegaler auf der Flucht. Abbas Khider über deutsche Kuhschönheiten und die Poesie des arabischen Fluchens

Der irakische Schriftsteller Abbas Khider im Februar 2011 im Berlin.
Der irakische Schriftsteller Abbas Khider im Februar 2011 im Berlin.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Herr Khider, erst Tunesien, dann Ägypten und nun Libyen: Alles schaut derzeit auf die arabische Welt ...

Ich auch! Ich komme gerade aus Kairo.

Was haben Sie dort gemacht?
Ich wollte bei der Revolution dabei sein. Das ist ein historischer Moment für uns Araber. Es hieß doch immer, wir seien unfähig zur Demokratie.

Sie wirken euphorisiert. Aber noch hat in Ägypten das Militär die Macht, nicht das Volk.
Vor Monaten war ich schon mal in Kairo und habe mit ehemaligen Studentenaktivisten der 70er Jahre gesprochen. Die waren total depressiv. Jetzt sind dieselben Leute so voller Hoffnung, voller Stolz auf ihr Land und ihre Kultur, wie ich es nie erlebt habe. Die Ägypter haben etwas entdeckt: ihre eigene Stimme. Sie haben gelernt, sich zu organisieren, auf die Straße zu gehen. Ich glaube, sie würden wieder kämpfen, um das zu bewahren.

Waren Sie während der Demonstrationen gegen Mubarak auf dem Tahrir-Platz?
Natürlich. Da spielten sich sehr schöne Szenen ab. Sogar eine Hochzeit wurde gefeiert. Vorher hatten die Leute skandiert „Das Volk will die Regierung stürzen“, nun riefen sie: „Braut und Bräutigam wollen die Regierung stürzen.“ Da musste ich lachen und weinen. Mich als Schriftsteller fasziniert, wie Revolution die Sprache verändert. Man hat in Ägypten nicht mehr „Guten Morgen!“ gesagt, sondern „Morgen der Revolution!“. Neue Koseworte entstanden: Jungs wurden „Mäuse der Revolution“, Mädchen „Enten der Revolution“ genannt ...

... in Deutschland wäre „Ente“ kein Kompliment.
In Ägypten ist das anders. Die Stände, an denen Essen verteilt wurde, hießen übrigens „Kentuckys der Revolution“ – nach Kentucky Fried Chicken. Es gab auch das „Ladegerät der Revolution“, und zwar in Geschäften, wo die Besitzer für jede Sorte Handy Ladegeräte bereithielten, damit die Leute auf dem Platz telefonieren konnten.

Wie nahe sind Ihnen als Iraker eigentlich Ägypter, Tunesier oder Libyer?
Uns verbindet die gemeinsame Sprache. Und wir haben eine ähnliche Geschichte: die Blütezeit im Mittelalter, die Besetzung durch die Osmanen, danach durch Engländer und Franzosen. Ägypten ist unser kulturelles Zentrum. Im irakischen Fernsehen liefen sehr oft ägyptische Programme. Wenn ich durch Kairo gehe, habe ich das Gefühl, in der Stadt meiner Kindheit zu sein. Ständig sehe ich etwas, ein Café oder eine Straßenecke, das ich aus Filmen oder einer Serie kenne.

Im Westen fürchtet man, die Islamisten könnten in der arabischen Welt die Macht übernehmen.
Das ist auch unsere Sorge. Aber ich glaube nicht daran. Das Geheimnis der gegenwärtigen, jungen Bewegung ist ihre Einfachheit. Früher waren es immer Islamisten oder Kommunisten, die gegen die Diktatur kämpften. Doch dieses Mal geht es nicht um ein bestimmtes politisches System, eine Ideologie. Das Problem in der arabischen Welt sind nicht die Muslime, das Problem sind die Diktatoren – die der Westen immer unterstützt hat.

Sie waren sechs, als Saddam Hussein 1979 an die Macht kam. War er damals ein Held für Sie?
Nein. Ich habe schon als Kind zu viele Grausamkeiten gesehen: Zum Beispiel, wie die jungen Männer, die nicht in den Krieg gegen den Iran ziehen wollten, öffentlich hingerichtet wurden.

Ihr Vater war Saddam-Anhänger.
Wir waren neun Geschwister, und mein Vater hatte Angst um uns, wollte keinen Ärger. Er war bereit, sich jedem, der die Macht hatte, zu beugen. Meine Mutter und er verkauften Datteln auf dem Basar in unserem Viertel in Bagdad – seit 1979 hieß das „Saddam-City“.
Wie kamen Sie in Kontakt zur Opposition?
Ich habe auf einem Bücherbasar gearbeitet. Dort traf ich Leute, die in verbotenen Parteien waren. Ich habe Flugblätter verfasst, auf denen standen Sachen wie „Die Befreiung ist unser Ziel“ oder „Nieder mit Saddam“. Mir war nicht klar, wie gefährlich das war. Ich war ja noch Gymnasiast.
Dann hat man Sie verhaftet und inhaftiert. Von 1993 bis 1995 sahen Sie kein Tageslicht mehr, blieben „hinter der Sonne“, wie man im Irak sagte.
Ja, das Gefängnis war unter der Erde. Schlimmer noch war der Hunger. Man fühlt sich klein und schwach, kann nicht denken, der Bauch herrscht über alles. Pro Tag bekamen wir einen Brotfladen. Einmal habe ich geträumt, meine Haare wären Spaghetti und ich würde daran lutschen. Die Polizisten setzten den Nahrungsentzug als Folter ein: Drei, vier Tage brachten sie kein Essen. Dann führten sie einen in ihr Büro, wo es warmes Brot gab, und Shish Kebab mit Zwiebeln, Tomaten, Salat. Sie fragten: Gibst du alles zu? Nennst du Namen?

Sie lachen. Was ist daran so lustig?
Diese Zeiten, so traurig sie waren, haben mich geprägt. Und es gab auch schöne Momente.

Zum Beispiel?
Im Gefängnis habe ich die größten Köpfe des Irak kennengelernt: Philosophen, Schriftsteller ... Die waren sicher, sie überleben die Haft nicht. Und dann sahen sie mich, einen jungen Mann, und dachten: Dem können wir unsere Ideen mitgeben. Das war für mich die beste Uni der Welt.

Klingt so, als wäre die Erinnerung an das Gefängnis kein Problem mehr für Sie.
Ich kämpfe schon noch damit. Ein Freund von mir, ein ägyptischer Dichter, war unter Mubarak im Gefängnis. Ein Wort genügt, und wir verstehen uns. Denn wir haben die gleiche Erfahrung. Die Angst, alles zu verlieren, selbst wenn es einem gerade gut geht, verbindet alle, die mal Gefangene waren.

Das wahrscheinlich berühmteste irakische Gefängnis ist Abu Ghraib.
Da träumten wir uns damals hin. Wir befanden uns ja in Untersuchungshaft, Abu Ghraib war dagegen ein Gefängnis, wo Verurteilte eine Strafe absaßen. Wir hatten gehört, dass man da sogar drei Stücken Brot täglich bekam.

Als Sie freikamen, haben Sie mit einem gefälschten Pass das Land verlassen. Vier Jahre flohen Sie durch arabische Länder, die Türkei, Griechenland und Italien. Wovon haben Sie in dieser Zeit gelebt?
Von Schwarzarbeit. Auf Baustellen, in Kneipen und Restaurants. Ich habe von morgens bis abends geschuftet und in 20-Quadratmeter-Zimmern mit 20 anderen Illegalen gewohnt. Am schlimmsten war die erste Phase des Exils in Jordanien. Ich habe ständig an Zuhause gedacht, überall tauchte scheinbar das Bild meiner Mutter auf, in der Zeitung oder in einem Buch.

Hört das extreme Heimweh irgendwann auf?
Als ich in Libyen war, konnte ich nicht mal mehr mit meiner Familie telefonieren. In so einer Zeit entwickelt man Stärke, wird härter. Es gab Momente, wo ich dachte, mein Herz wäre aus Stein.

Was trugen Sie auf der Flucht bei sich?
Ich besaß nur, was ich am Leib hatte – und einen Rucksack mit sauberen Klamotten. Auf der Flucht habe ich die Sachen manchmal einen Monat nicht gewechselt. Aber wenn man ein neues Ziel erreicht hat, muss man die frischen Klamotten anziehen, damit man auf der Straße nicht auffällt.

Wie findet man sich als Flüchtling in einem völlig fremden Land zurecht?
Es gibt in jeder größeren europäischen Stadt zwei oder drei Cafés, wo man andere Flüchtlinge und Schlepper trifft. Meist in der Nähe des Hauptbahnhofs. Man lebt mit diesen Leuten und man erkennt sie – an der Angst in ihren Gesichtern. Ein Flüchtling schaut auf der Straße nicht den Frauen hinterher und auch nicht auf Plakate, der beobachtet, ob irgendwo ein Polizist in der Nähe ist.

Hat die Flucht Ihr Vertrauen in Menschen gestärkt oder geschwächt?
Ich habe gemerkt: Es gibt immer Leute, die einem helfen. Das ist wunderbar. In Griechenland fuhr ich Zug, ich war an der Hand verletzt, es ging mir sehr schlecht. Gegenüber saß eine alte Dame, sie erinnerte mich an meine Großmutter, die ich sehr geliebt habe. Sie konnte kein Englisch. Ich habe nur gesagt: „I am from Iraq“, das war alles. Von Saloniki bis Athen hat sich diese Frau um mich gekümmert, mir Saft, Sandwiches und Obst gegeben, mein Ticket an sich genommen und es zusammen mit ihrem dem Schaffner gezeigt, so dass der keinen Verdacht schöpfte.

Europas Regierungen fürchten sich gerade vor einer neuen Flüchtlingswelle aus Nordafrika ...
Ich finde die europäische Flüchtlingspolitik unmenschlich. Viele, die kommen, können nicht zurückkehren. Denn Rückkehr würde Tod bedeuten. Wenn wir eine Politik machen wollen, die das Problem löst, müssen wir in den Heimatländern der Leute anfangen. Und wissen Sie, was dort anfangen heißt? Die Leute in Ruhe lassen! Und vor allem, keine Diktaturen zu unterstützen.

Griechenland plant, einen Zaun an der Grenze zur Türkei zu errichten. Hätte Sie das aufgehalten?
Na ja, ich wurde dort bei der Grenzüberquerung dreimal geschnappt, saß dreimal in Griechenland im Gefängnis, und trotzdem bin ich jetzt hier. Zwischen der Türkei und Griechenland gibt es bereits eine echte Barriere, den Evros. Dieser Fluss ist ein Friedhof, viele Flüchtlinge sind in ihm gestorben.

Das Ziel Ihrer Flucht war Schweden, doch dann nahm Sie im Jahr 2000 ein Polizist in Bayern fest ...
... ich muss mich wirklich bei ihm bedanken ...

... und Sie bekamen schließlich Asyl im Land der „Kuhschönheiten“.
Ach, das ist eine Formulierung, die der Protagonist meines ersten Romans verwendet. Der kennt bisher nur die Schönheit der Araberinnen, und dann kommt er nach Europa und entdeckt, dass hier ein ganz anderes Ideal existiert. Die Frauen sehen manchmal richtig verhungert aus – „Ziegenschönheiten“ nennt er das. Aber in Bayern haben die Frauen erstaunlicherweise diese arabische Schönheit, sind kräftiger, üppiger. Das gefällt ihm.

Wie haben Sie so schnell so gut Deutsch gelernt?
Natürlich durch mein Studium in München, Philosophie und Literaturwissenschaft. Die Schönheit der deutschen Sprache habe ich dank einiger Dichterinnen entdeckt: Hilde Domin, Rose Ausländer, Else Lasker-Schüler. Bei den deutschen Dichterinnen gibt es diese wunderbare Mischung aus Romantik und Weisheit. Männer sind dagegen entweder romantisch oder weise – aber selten beides.

Was haben Sie gedacht, als ganz Deutschland 2003 gegen den Irakkrieg demonstrierte?
Ich war selbst dabei, in München. Eine schwierige Zeit. Ich war gegen die Diktatur und gleichzeitig gegen Krieg – weil ich beides erlebt hatte. Viele Iraker, die das Land schon 1979 verlassen hatten, konnten das nicht verstehen. Die dachten: Bald ist Saddam endlich weg! Bei den Demos habe ich versucht, die Leute dazu zu kriegen, auch „Gegen die Diktatur“ zu rufen. Manchmal gab es deswegen Diskussionen mit deutschen Linken. Einmal kam eine Frau zu mir und fragte, was das soll. Ich: Saddam Hussein ist ein Mörder. Sie: Aber der ist gegen Amerika! Da war ich richtig wütend.

In Ihrem neuen Roman nennen Sie Saddam den „Sohn einer trächtigen Flussratte“. Ist das die schlimmste Beleidigung für einen Iraker?
Ja! Da muss ich selber lachen. Unter den Arabern ist bekannt, dass die Iraker auf komische Art schimpfen. Wenn man jemanden ärgern will, sagt man nicht nur „Ich scheiße auf dich“, sondern: „Ich scheiße auf deinen Propheten und deine Tanten und ihre Nachbarn.“ Irgendwie auch poetisch.

Als man Saddam verhaftete, war er ein bärtiger, alter Mann, der in einem Erdloch hauste.
Früher hatte ich ein Problem damit, Saddams Bild zu sehen. Einmal habe ich in einer deutschen Buchhandlung einen von Saddams Romanen entdeckt, mit einem Foto von ihm darauf. Da wollte ich am liebsten alles kaputt schlagen. Und nun sah dieser Mann, der mein Leben zerstört hatte, wie ein Penner aus! Ein echt komisches Gefühl.

Wie geht es Ihrer Familie heute?
Die Mehrheit hat den Krieg und die Zeit danach Gott sei Dank überlebt. Wie viele haben sie sich gefreut, dass die Amerikaner gekommen sind. Wenn man im Wasser untergeht, denkt man nicht daran, wer einem die Hand zur Rettung reicht. Doch die USA haben die Grenzen geöffnet: Seitdem tragen Al Qaida, die Iraner, die Syrer, die Saudis und die Amerikaner hier ihre Konflikte aus. Überall herrschen Zerstörung und politisches Chaos. Es gibt kein sauberes Wasser und Strom nur für zwei Stunden täglich. Bagdad war schön, jetzt bildet der Abfall Berge in den Straßen.

Freuen sich Ihre Verwandten über die Aufstände in den anderen arabischen Ländern?
Natürlich. Mein Bruder meinte neulich: Warum hatten wir früher bloß kein Internet? 1991, nach dem Zweiten Golfkrieg, hatten Revolutionäre schon 14 von 18 großen irakischen Städten unter ihrer Kontrolle. Damals gab es kein Facebook, kein Al Dschasira, und Saddam schlug den Aufstand mit Bomben nieder. In keinem anderen arabischen Land haben die Leute so sehr gegen die Diktatur gekämpft wie im Irak. Wären die USA 2003 nicht gekommen, wir hätten Saddam vielleicht selbst gestürzt. Dann könnten wir heute so stolz sein wie die Ägypter. Die Amerikaner haben uns die Revolution gestohlen.

Sie wohnen in Neukölln und fühlen sich sehr wohl dort – wegen der vielen Araber?
Nicht unbedingt. Tatsächlich leben die meisten meiner deutschen Freunde in Neukölln. Und dann gibt es noch einen anderen Grund. William Faulkner hat mal gesagt, ein Schriftsteller brauche tagsüber eine Insel, auf der er schreiben, und abends eine große Stadt, in der er ausgehen könne. Der beste Ort für ihn sei deshalb ein Bordell: Morgens ist es ruhig, abends wird gefeiert. In meiner kleinen Hinterhofwohnung herrscht Totenstille, aber sobald ich vor die Haustür gehe, ist die Hölle los. Neukölln ist sozusagen mein Bordell.

Mittlerweile haben Sie einen deutschen Pass. Wie lief der Einbürgerungstest?
Den gab es noch nicht, der wurde erst später eingeführt. Aber als es um meine unbefristete Aufenthaltserlaubnis ging, musste ich 44 Fragen beantworten. Die Frau bei der Ausländerbehörde habe ich Frau Antworten-Sie-bitte genannt. Eine Frage lautete etwa: Sind Sie Terrorist? Ich habe sie gefragt: Meinen Sie ernsthaft, ich würde Ja sagen, wenn ich einer wäre? Darauf sie: Antworten Sie bitte! Nächste Frage: Wollen Sie Terrorist werden? Ich: Was? Sie: Antworten Sie bitte! So ging das immer weiter. Insofern ist das auch eine ganz schöne Botschaft von den Arabern jetzt: Wir sind keine Terroristen, sondern Revolutionäre.

Das Gespräch führten Björn Rosen und Anna Sauerbrey.

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