Zeitung Heute : Abbau West

Albert Funk

Das Land Hessen will mit Sachsen zusammenarbeiten, um die Folgen des demografischen Wandels besser in den Griff zu bekommen. Was kann der Westen dabei vom Osten lernen?


Die Boomregion Hessen will jetzt vom Zuschussland Sachsen lernen. Und das auch noch mit Blick auf Zukunftsgestaltung. Denn Sachsen steckt mitten in einem demografischen Umgestaltungsprozess, der ganz ähnlich auf Hessen – und manch andere Region in Westdeutschland und Europa – in den nächsten Jahrzehnten zukommt. Die Gesellschaft wird sich gewaltig verändern: mehr alte Menschen, weniger Geburten, weniger Erwerbstätige, die Abwanderung aus ganzen Teilregionen oder vom Land in die Stadt. Die Sachsen haben das alles seit 1990 erlebt, und daher kann man von ihnen lernen. Meinen jedenfalls der hessische Ministerpräsident Roland Koch und sein sächsischer Kollege Georg Milbradt, die jetzt ein gemeinsames Projekt angestoßen haben. Sachsen ist „Vorreiter beim Umgang mit diesem Thema“, wie der Dresdner Regierungschef sagt, der zudem zu der Erkenntnis gekommen ist: „Mit der Demografie ist es wie mit der Ökologie: Wenn man etwas merkt, ist es meist schon zu spät.“

Das Land hat in der Tat einen gewaltigen Umbruch hinter sich und steckt nun mitten im nachfolgenden Anpassungsprozess. Nach einer Prognose steht den sächsischen Landkreisen bis 2020 ein deutlicher Bevölkerungsrückgang bevor, nachdem schon in den vergangenen 15 Jahren die Einwohnerschaft durch Abwanderung und weniger Geburten jedes Jahr um bis zu drei Prozent abnahm. Hatte Sachsen noch 1988 – kurz vor der Wende – etwa fünf Millionen Einwohner, sind es zurzeit noch 4,2 Millionen, und 2020 dürften es 3,8 Millionen sein. Vor allem Ostsachsen verliert, dagegen bleibt die Einwohnerzahl in den Ballungsräumen Leipzig und Dresden fast konstant.

In Hessen wird es, so eine Prognose, mit einiger Zeitverzögerung ganz ähnlich aussehen. Koch geht von einem Bevölkerungsrückgang bis 2050 um knapp zehn Prozent aus. Und diese Bevölkerung wird – wie in Sachsen – einen weit höheren Anteil Älterer haben als heute. Während sich die Zahl der Grundschüler um ein Drittel verringern wird, verdoppelt sich die Zahl der Pflegebedürftigen. Und wie in Sachsen wird laut Koch auch in Hessen die „Metropolisierung“ zunehmen, also die Ansiedlung vieler Menschen im Ballungsraum um Frankfurt, während die ländlichen Gebiete deutlich verlieren. Das Problem ist für Koch das geringe Bewusstsein in der Bevölkerung und der Kommunalpolitik für diese Entwicklung. „Der demografische Wandel wirft bei uns in Hessen seine Schatten voraus, ist aber bislang kaum spürbar. Dies macht es oftmals umso schwerer, schon jetzt zum Handeln vor Ort aufzurufen.“ Eine erste Abhilfe sollen Kommunalpartnerschaften bringen. Battenberg im nordwesthessischen Ederbergland will daher von Erbach im Vogtland lernen, wie es ist, wenn die Bevölkerung schrumpft und was das für eine Kommune bedeutet – „von der Kindertagesstätte bis zur Kanalisation“, wie Koch sagt. Wenn also weniger Kindergartenplätze benötigt werden und mehr Altenpflegestellen, und das bei abnehmender Zahl von Erwerbstätigen. Und was das zum Beispiel für die öffentliche Infrastruktur bedeutet, also ganz profan für die Versorgung und Entsorgung beim Wasser, wenn sie weniger genutzt wird oder zu groß geworden ist.

Immerhin kann Hessen den Schrumpfungsprozess noch verhindern oder zumindest abmildern – „wenn jede Frau im Schnitt 1,8 Kinder zur Welt bringt“, weiß Koch. Familienpolitik ist für Koch die Lösung des Problems. Milbradt dagegen hat die Hoffnung nicht mehr, allein dadurch den Prozess in Sachsen stoppen zu können. Denn die Dynamik ist bereits zu groß, sie kann nur vermindert werden. Dramatisch ist vor allem, dass die Zahl der Erwerbstätigen bis 2020 um ein Viertel zurückgeht. Ein Fachkräftemangel bei bleibend hoher Arbeitslosigkeit könnte daher das Los der Region sein. Überdimensionierte Infrastruktur muss abgebaut werden, was hohe Kosten verursacht. Um das alles einigermaßen im Griff zu behalten, hat Milbradt einige Ziele vorgegeben. Die Wirtschaft müsse weiter gestärkt werden, auch die Bildung der Bevölkerung müsse immer weiter verbessert werden. Dazu sei es nötig, solide Finanzen zu sichern. Vor allem aber komme es auch darauf an, das soziale Miteinander zu vertiefen.

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