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Vier Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben. Ein Skandal, klagt die Bildungsministerin. Und bei allen Schwächen in der Muttersprache werden jetzt an vielen Grundschulen Fremdsprachen unterrichtet. Passt das zusammen?

Anja Kühne Amory Burchard

ANALPHABETISMUS – DAS VERDRÄNGTE PROBLEM

Von Anja Kühne

und Amory Burchard

Analphabeten sind Künstler der Tarnung: Viele schämen sich zuzugeben, dass sie den Namen der U-Bahn-Station nicht lesen oder die Speisekarte nicht verstehen können. Also behaupten sie, ihre Brille vergessen zu haben. Den Lehrern in der Schule spielen sie Aufsässigkeit vor, um von ihrem wahren Problem abzulenken, enge private Beziehungen meiden sie aus Angst „aufzufliegen“. Der Bundesverband Alphabetisierung schätzt die Zahl der erwachsenen Analphabeten auf vier Millionen. Jahrzehntelang habe man dieses Thema überhaupt nicht zur Kenntnis genommen, beklagte Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn am Montag anlässlich des Unesco-Welttags der Alphabetisierung.

Nach Angaben der Unesco können weltweit 862 Millionen Erwachsene in Entwicklungsländern nicht lesen und schreiben. Zwei Drittel davon sind Frauen. Aber auch in 14 von 20 Industrieländern, die die OECD untersucht hat, können mehr als 15 Prozent gar nicht oder nur kaum lesen. Bis 2012 soll die Zahl der erwachsenen Analphabeten mit Programmen weltweit um die Hälfte gesenkt werden.

Dazu will auch die Bundesregierung beitragen. Ministerin Bulmahn sagte: „In Zukunft sollen alle Jugendlichen, die die Schule verlassen, ausreichend lesen und schreiben können.“ Dabei würden die in den neuen Bildungsstandards formulierten Ziele helfen. Mit der flächendeckenden Einführung der Ganztagsschule werde den Lehrern außerdem mehr Zeit bleiben, sich besser um einzelne Schüler zu kümmern.

Die Ursachen für die fehlende Lesefähigkeit liegen oft in der Familie, sagt Iris Füssenich, wissenschaftliche Beraterin des Bundesverbands Alphabetisierung. Streitereien, Alkoholismus und abwesende Eltern seien an der Tagesordnung: „Die Entwicklungsrückstände entstehen schon in den ersten Schuljahren.“ Zu schlecht gelinge es der Grundschule bislang, diese Kinder aufzufangen, kritisiert der Verband.

Das hat auch die Pisa-Studie gezeigt: Jeder fünfte deutsche Schüler ist schwach im Lesen und Schreiben. Ist es in dieser Lage wirklich sinnvoll, Grundschulkinder schon früher als bisher eine Fremdsprache beibringen zu wollen? Mit dem neuen Schuljahr müssen in zwölf von 16 Bundesländern alle Schüler ab der 3. Klasse eine Fremdsprache lernen – in Baden-Württemberg sogar schon ab der ersten Klasse.

Vor einem zu frühen Fremdsprachenunterricht für Kinder, die schon Schwierigkeiten mit Deutsch haben, warnt Bettina Hurrelmann, Professorin für Literaturdidaktik an der Universität Köln. Die Schulen seien bereits mit Kindern überfordert, die zwei unvollständig gelernte Sprachen mitbrächten, sagt die Leiterin der Kölner Arbeitsstelle Leseforschung. In Klassen mit einem hohen Ausländeranteil – oder vielen Kindern aus sozial schwachen Familien – sollten sich die Lehrer darauf konzentrieren, die Schüler auf Deutsch zu alphabetisieren. Selbstverständlich dürfe das deutsche Schulsystem sprachlich benachteiligten Kindern „die Weltsprache Englisch“ aber nicht vorenthalten, sagt Hurrelmann.

Auch der Berliner Erziehungswissenschaftler Dieter Lenzen ist gegen Pflichtunterricht in Englisch oder Französisch ab der 3. Klasse. Solange viele Kinder nicht ausreichend Deutsch könnten, um den anderen Fächern zu folgen, müsse in die Basisausbildung investiert werden. „Wir brauchen mehr Stunden für den Deutschunterricht, nicht für zusätzliche Fremdsprachen“, sagt Lenzen, der auch Präsident der Freien Universität Berlin ist.

Gute Erfahrungen hat der Rektor einer Modell-Grundschule mit Frühenglisch in Baden-Württemberg gemacht. „Frühe Fremdsprachen sind eher eine Chance für Kinder, denen Deutschkenntnisse fehlen“, sagt Harald Schempp aus Haigerloch. Schüler aus ausländischen Familien fingen in Englisch gemeinsam mit den Deutschen bei Null an – und hätten die gleichen Chancen und Erfolge. Türkische Muttersprachler lernten mit Englisch außerdem neben Deutsch eine zweite indogermanische Sprache. Und das „fördert den Ausbau der Sprachstrukturen“.

Auch Eva-Maria Stange von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) glaubt, dass der frühe Fremdsprachenunterricht Kindern mit Schwierigkeiten im Deutschen hilft: „Alle Kinder lernen dabei etwas ganz Neues, so dass hier selbst schwache Schüler Erfolgserlebnisse haben können.“ Gerd-Jürgen Busack, Rektor der Nürtingen-Grundschule in Berlin-Kreuzberg, an der 70 Prozent Schüler nicht-deutscher Herkunft unterrichtet werden, hält den frühen Englischunterricht ebenfalls für sinnvoll. Wunder verspricht er sich aber weder davon noch von den Förderkursen in Deutsch. Die Entwicklungsdefizite von Kindern, die in sozial schwachen Familien aufwachsen, würden sich nicht in zwei bis drei Jahren beheben lassen: „Das Problem wird noch lange existieren.“

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