Zeitung Heute : Abenteuer Dienstleistung: "Die Flexiblen fressen die Trägen"

Christine Schreiber

"Ich kann das Gejammere in meiner Branche nicht verstehen", sagt Helmut Klippel. Der 52-Jährige ist Architekt und er bereitet gerade eine weitere Facette seiner ohnehin schon ziemlich breit gefächerten Erwerbsbiografie vor: Er will potenzielle Immobilien-Käufer beraten. Bereits im Vorfeld der Vertragsunterzeichnung sollen sie sich mit seiner aktiven fachlichen Unterstützung oder auch erstmal in Workshops über die die Fallstricke und Klippen informieren, die mit einem Umbau, Ausbau oder Erwerb einer Immobilie garantiert verbunden sind. Klippel hat nämlich festgestellt: "Viele machen sich über den Kauf eines Kleinwagens offensichtlich mehr Gedanken als über den Erwerb eines Hauses, Grundstücks oder einer Eigentumswohnung. Es ist kaum zu glauben, wie unbedarft manche Leute eine so weitreichende Entscheidung treffen. Denen ist gar nicht klar, was sie an finanziellen Verpflichtungen haben werden."

Genau diese Überzeugung ist es, die Klippel so ein hartes Urteil über viele seine Berufskollegen fällen lässt. Natürlich sind auch ihm die bedrückenden Arbeitsmarktzahlen für Architekten bekannt: Im März 2001 waren nicht weniger als 1240 Diplom-Ingenieure der Fachrichtung Architektur in Berlin arbeitslos gemeldet, 102 weitere waren es in Brandenburg. Nach Einschätzung Klippels könnten es deutlich weniger sein, denn sehr viel besser noch als mit Arbeitslosen-Statistiken kennt er sich mit Beschäftigungs-Chancen aus. Und die sieht er reichlich für Leute, "die schneidig und auf Zack sind, sich permanent auf neue Situationen einstellen und grenzenlos lernwillig sind." Konkret: Er meint Leute wie sich selbst, denn: "Qualifizierte Beratung braucht fundierte Berufserfahrung."

Dass er sich mit 52 Jahren in das Abenteuer Dienstleistung stürzt, ist für den langjährigen Behördenmitarbeiter kein Wagnis. Erstens habe er schon immer nach dem Grundsatz "das ganze Leben ist lebensgefährlich" gelebt. Sogar während seiner Jahre im öffentlichen Dienst. Doch jetzt sieht er einen "riesigen Bedarf für Immobilien- und Architekturberatung" in der Region. Da heiße die Maxime "jetzt oder nie". Die Entscheidung für eine berufliche Neuorentierung am Alter festzumachen, hält Klippel für "Blödsinn". Er sieht ein "enormes Defizit an einem konkreten Dienstleistungsangebot", für das er das notwendige Know-how mitbringt, "basta!". Das sitzt, aber dann fügt er noch als Erklärung an: "Nicht die Jungen fressen die Alten, sondern die Flexiblen die Trägen".

Um seine Zuversicht noch weiter zu untermauern, stellt der Zehlendorfer einfach ein paar Fragen in den Raum, lehnt sich genüsslich zurück und wartet auf die beabsichtigte Wirkung. Sie trifft so sicher wie die ersten bösen Überraschungen beim Häuslebau - wenn der Bauherr auf Beratungshilfe verzichtet hat. Zwei Beispiele aus Klippels Fragen-Repertoir: "Uns ist unsere Mietwohnung zum Kauf angeboten worden. Lohnt sich der Kauf? Was ist zu berücksichtigen?" oder "Mir liegt das Exposeé eines Maklers vor. Was sagt es aus und was verschweigt es möglicherweise über das Objekt?" Das sind Fragen, die sich in der Tat viele Berliner stellen, die von einem Eigenheim á la Tucholski träumen (Vorne die Friedrichstraße - hinten die Ostsee). Dass Kippel sie wird beantworten können, ist bei seiner Vita anzunehmen. Er hat Architektur sowie Stadt- und Regionalplanung studiert, war über zehn Jahre in verschiedenen Planungsbehörden angestellt und dabei unter anderem für die sozialgerechte Umgestaltung des Märkischen Viertels und einiger Hohenschönhausen Plattenbausiedlungen zuständig. Außerdem hat hat er eine Ausbilung zum IHK-Sachverständigen für Grundstücksbewertung absolviert und hatte an der TU einen Lehrauftrag.

"Ich kenne die Sichtweisen aller Beteiligten aus Jahrzehnte langer Praxis", merkt Kippel mit einigem Stolz an. Das Wissen, auf einer Baustelle in der Auseinandersetzung mit einem Handwerker-Polier genauso den richtigen Ton zu finden wie im Behördenzimmer oder bei einem vornehmen Banker, verleiht dem 52-Jährigen Selbstbewusstein. Genug auch dafür, seine Grenzen zu kennen: "Natürlich weiß ich auch, wann ich delegieren muss. Ich verfüge über ein dichtes Kontakt-Netzwerk. Manches können Ingenieurgesellschaften besser als ein Planer." Und vor der Konkurrenz durch Nachahmer hat er erst recht keine Angst: "Der Bedarf ist riesig."

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