Zeitung Heute : Abenteuer mit Sir Simon

Der Dirigent der Philharmoniker studiert die „Leonoren-Ouvertüre“ mit dem UdK-Orchester ein

Susanne Beckmann Johanna Bohlmann

Wird er noch kommen, der rettende Engel? Florestan, politischer Gefangener in den Kerkern des grausamen Don Pizarro, will schon jede Hoffnung auf Befreiung aufgeben, als die Erlösung doch noch naht: Hinter der himmlischen Erscheinung verbirgt sich niemand anderes als Florestans Frau Leonore, die ihren Mann schließlich mit einer List befreien kann. So könnte eine Kürzestfassung von Ludwig van Beethovens Oper „Fidelio“ aussehen, die eigentlich erst „Leonore“ heißen sollte und unter diesem Namen gleich drei Ouvertüren mitbekam – die Leonoren-Ouvertüren.

Das Symphonieorchester der Universität der Künste Berlin hat sich vor kurzem nun der dritten Fassung der Beethovenschen Operneröffnung angenommen – und sich dabei von einer strahlenden Erscheinung am Musikerhimmel leiten lassen: Sir Simon Rattle, künstlerischer Leiter und Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, hob seinen Taktstock für einen Abend im hochschuleigenen Konzertsaal in der Hardenbergstraße. Der 49-jährige Brite führte die jungen Musiker in einem öffentlichen Workshop erst in die Geheimnisse der Leonoren-Ouvertüre ein und präsentierte das Ergebnis dann bei einer gemeinsamen Aufführung.

Workshops wie diese gibt es häufiger an der UdK, deren Fakultät Musik auf die 1869 gegründete Berliner Musikhochschule zurückgeht. Im vergangenen Jahr arbeitete Mariss Jansons, Chefdirigent des Symphonieorchesters und Chores des Bayrischen Rundfunks, mit den Studierenden.

Etwa 200 junge Musiker aus mehr als 15 Ländern spielen derzeit gemeinsam im Orchester der Hochschule. Jeder Musikstudent, der eine künstlerische Ausbildung für ein Orchesterinstrument durchläuft, engagiert sich gleichzeitig im Orchester. Das bedeutet nicht nur zusätzlich 30 so genannte Dienste pro Semester, wobei ein Dienst einer dreistündigen Probe oder einem Konzert entspricht. Sondern eben auch außergewöhnliche Erlebnisse mit weltbekannten Musikern.

Unter der Leitung von Lutz Köhler, dem Leiter der Dirigentenausbildung an der UdK, sind die Studierenden jährlich in drei bis vier Großprojekten zu sehen und zu hören. Was dabei aufgeführt wird, ist auf das Studium abgestimmt: Da es sich um ein Hochschulorchester handelt und es in erster Linie darum geht, dass die Studierenden etwas lernen, ist das Repertoire abwechslungsreich und gut durchdacht.

„Im Vordergrund stehen Werke mit einem hohen Repertoirewert. Das kann Mozart mit einem relativ kleinen Orchester sein, aber auch Schostakowitsch“, erklärt Beate Roesner vom Orchesterbüro der UdK. Höhepunkte entstehen durch die Zusammenarbeit mit dem Philharmonischen Chor, etwa Benjamin Brittens „War Requiem“, das gemeinsam mit Thomas Quasthoff aufgeführt wurde. Oder, schon vor ein paar Jahren, Mozarts Requiem.

Der Besuch von Sir Simon ist aus dem traditionell guten Kontakt der UdK mit den Berliner Philharmonikern hervorgegangen. Viele Mitglieder des weltberühmten Orchesters haben schon an der Hochschule gelehrt, derzeit sind es unter anderem die Ensemblemitglieder und Gastprofessoren Wilfried Strehle und Axel Gerhardt, die auch den Workshop mit Rattle vorbereitet haben. Und dessen Auftritt war wirklich ein besonderer Abend: Am Ende waren alle geschafft, die 70 jungen Musiker vom Spielen, Rattle vom Dirigieren und das Publikum vor Begeisterung.

„Deutsch ist ein neues Abenteuer für mich, ein bisschen gefährlich. Aber ich muss es üben.“ Mit diesem Satz empfängt Rattle die Studierenden, und ohne weitere Worte zu verlieren, lässt er das Orchester die Ouvertüre einmal durchspielen. Was ihn genau erwarten würde, wusste er nicht, sagt Rattle später. Enttäuscht wird er jedenfalls nicht. Sein erster Kommentar: „Bravo.“ Zückt aber gleich seinen Taktstock und beginnt mit der Arbeit. Und die besteht bei einer Orchesterprobe im stetigen Wiederholen einzelner Passagen; Takt für Takt und Ton für Ton, so lange, bis sie richtig sitzen. Hoch konzentriert folgen die Jungmusiker den Anweisungen des Maestros. Bloß nichts verpassen oder falsch machen. Und Rattle versteht es immer wieder, mit bildhaften Worten und Witzen das Äußerste aus den Studierenden heraus zu kitzeln: „Das ist so steif, wie Tony Blair bei der Europawahl“ oder „Der Ton braucht mehr Bauch, wie Marlon Brando, nur schöner“.

Das Publikum wischt sich noch die Lachtränen von der Wange, als Rattle schon die nächste Anekdote auf den Lippen hat: In der Regel dränge er jedes Orchester der Welt, kraftvoller zu spielen. Nur die Berliner Philharmoniker müsse er zurückhalten. Hier sei es, als öffne er die Tür eines Tigerkäfigs. „Legt mehr Energie für das Fortissimo auf, ihr müsst leben!“ Das treibt die Streicher endgültig auf ihre Stuhlkanten. Fortan nutzen sie nicht nur den Bogen, sondern auch ihren ganzen Körper.

Unermüdlich geht es auch nach der Pause weiter. Takt für Takt nimmt Rattle die Ouvertüre auseinander. Mit den Worten „Ihr müsst euch die Töne erst verdienen“ lässt er die ersten Streicher aufstehen. Auch die Trompete bekommt ihre Anweisung. Kraftvoll und laut habe sie zu spielen, sie müsse kommen wie ein Schock. Nur das Pianissimo darf leise sein. Sogar so leise, dass das Publikum Mühe hat, es zu hören.

Was es aber ohne Probleme hören kann, sind die Fortschritte des Hochschulorchesters. Mit ausdrucksstarken Klangfarben, spannungsreicher Dynamik und Präzision spielt das Ensemble die Leonoren-Ouvertüre am Ende noch einmal durch. Das Publikum honoriert den kräftezehrenden Workshop mit enthusiastischem Beifall. Und Sir Simon Rattle ist mit den Studierenden wirklich zufrieden.

Die Konzertmeisterin beehrt er mit einem Handkuss und erzählt, wie sollte es anders sein, noch schnell eine Anekdote über Johannes Brahms. Dieser wurde von seinen Schülern gefragt, wie sie ihr Spiel verbessern könnten. Der große Komponist soll geantwortet haben: „Übt eine Stunde weniger am Tag und lest dafür ein gutes Buch.“ Schulterklopfend verlässt Rattle die Studierenden, die sich gegenseitig gratulieren und einander in die Arme fallen – und sich auf den Weg in den nächsten Buchladen machen.

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