ABENTEUERFILM„Super 8“ : Ein Zug wird kommen

Foto: PPG
Foto: PPGFoto: Francois Duhamel

Als der rotwangige Nachwuchsregisseur „Action“ ruft, hat er keine Ahnung, was auf ihn zukommen wird. Man schreibt das Jahr 1979. Eine Gruppe von Jungs hat sich nachts aus den Häusern geschlichen, um die wichtigste Szene ihres Zombie-Filmes in den Kasten zu kriegen. Gedreht wird mit einer Super-8-Kamera auf dem verlassenen Bahnhof einer Kleinstadt in Ohio. Aus der Ferne rollt ein Güterzug heran, und der soll mit ins Bild. Während des Drehs erblickt Joe (Joel Courtney) einen Lastwagen, der geradewegs auf den entgegenkommenden Zug zusteuert. Sekunden später bebt der Kinosaal. Waggons überschlagen sich und fliegen wie Pappkartons durch die Luft. Funken sprühen. Das Geräusch von berstendem Metall kreischt in feinstem Digitalsound aus den Surround-Lautsprechern.

In dieser Szene prallen nicht nur Fahrzeuge aufeinander, sondern auch zwei filmemacherische Welten. Denn einerseits ist J.J. Abrams „Super 8“ eine Ode an den Amateurfilm und an die siebziger Jahre, in denen das US-Kino so mutig, kreativ und vielfältig war, wie nie wieder danach. Auf der anderen Seite ist der Film hochmodern und spielt auf der ganzen Klaviatur der digitalen Bildproduktion. „Super 8“ hat etwas, das im hyperaktiven Popcorn- Kino des 21. Jahrhunderts verloren schien: die Fähigkeit zur Fokussierung. Hier gibt es keine ausgeklügelte Rückblenden-Dramaturgie und wirren Zeitreisen. Der Schnitt ist ruhig und präzise. Die Kamera zappelt nicht rum, sondern schenkt den Figuren ungeteilte Aufmerksamkeit. Zuallererst aber erzählt der Film eine gut konstruierte und spannende Geschichte. Kurz nach dem Zugunglück rückt die Army an. Bald wird klar, dass aus einem der Waggons etwas Großes und Gefährliches entkommen ist, und die jungen Filmemacher müssen die Arbeit an ihrem Zombie-Film unterbrechen, um sich wahrhaftigeren Gefahren auszusetzen.

Unübersehbar ist „Super 8“ eine Hommage an die frühen Filme Steven Spielbergs, der diesen Film selbst produziert hat. Aber Abrams erstarrt nicht vor Ehrfurcht vor seinem Mentor, sondern erweckt eine Filmepoche wieder zum Leben, von der Hollywood immer noch eine Menge lernen kann. „Super 8“ ist seit vielen, vielen Jahren die erste Blockbuster-Produktion, die sich die Ruhe zum Geschichtenerzählen zurückerobert und eine neue Ära des besonneneren und pointierteren Umgangs mit den Möglichkeiten des digitalen Effektekinos einläuten könnte. Toller Blockbuster. Martin Schwickert

USA 2011, 112 Min., R: J. J. Abrams D: Kyle Chandler, Joel Courtney, Elle Fanning, Riley Griffiths

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0Kommentare

Neuester Kommentar